Zeitung Heute : Sissi, immer wieder Sissi - ein Mythos wird aufgewärmt (Fernsehkritik)

Michael Burucker

Sphinx, ZDF. Während sich in der ARD der glückliche König Kurt noch im Wahltriumph sonnte, beschwor das ZDF schon die "unglückliche Kaiserin" Sissi herauf. Der Erfolg von ZDF-Dokumentarreihen wie "Terra X" oder "Sphinx" basiert darauf, dass man populäre Legenden nach Art einer "Mystery"- Serie illuminiert, um sie dann in theatralischer Inszenierung mit der angeblichen historischen Wahrheit zu konfrontieren. Wie in Sissis Fall wird aber zumeist der alte lediglich durch einen neuen, zeitgemäßeren Mythos ersetzt. Hätte man einige Namen ausgetauscht, Nina Steinhausers Sissi-Film wäre ein verblüffend exaktes Diana-Porträt gewesen. Alle Reizwörter, mit der moderne Schlüsselloch-Psychologie die unglückliche Diana kennzeichnete, kamen auch hier vor: Magersucht, Provokation, Eitelkeit ebenso wie Parteinahme für fremdes Leid, selbst die herzlose Schwiegermutter, das "Fitness-Studio" und die "Paparazzis" fehlten nicht. Dass sich Sissi, um schlanker zu erscheinen, in ihre Kleider habe "einnähen lassen", hätte man auch Lady Di zugetraut und die Anker-Tätowierung auf Sissis Rücken nimmt geradezu prophetisch Piercing moderner "Girlies" vorweg. Ist gegenüber dem romantischen Sissi-Mythos der 50er, gegen den man hier, obwohl ja kaum noch existent, anrennen wollte, dies Bild nun realistischer? "Sphinx" wäre kaum erfolgreich, wenn es um Realismus ginge. Die "Bravo" für den Geschichtslaien übersetzt nur Romantik von einst mit TV-Brimborium in den Zeitgeist von heute.

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