Sittengeschichte : Das Sex-Archiv der Republik

1000 Ausgaben von „Happy Weekend“ zeigen 40 Jahre deutsche Sittengeschichte. Ein Besuch beim größten Erotik-Anzeigenmagazin.

Sebastian Dalkowski
Ein altes Cover der Happy Weekend.
Ein altes Cover der Happy Weekend.Foto: promo

Diese Geschichte handelt nicht davon, wie und mit wem Deutsche Sex haben. Diese Geschichte handelt davon, wie und mit wem Deutsche am liebsten Sex hätten. Es ist die Geschichte von dem Mann, der sich eine Affäre wünscht, „da Ehefrau nach der Geburt unseres Sohnes kein Interesse mehr am Sex hat“. Von „acht heißgelaufenen Jungs“, die „zwecks Sexorgien“ überall hinkommen. Von den zweien, die ein „frisches Paar für Gemütlichkeitsabende“ suchen. Wer mehr von diesen Menschen und ihren Fantasien erfahren möchte, der muss ins Ruhrgebiet fahren.

Es ist ein sonniger Tag, aber das zweistöckige Haus mit grau-blauer Fassade in der Nähe des Essener Hauptbahnhofs will trotzdem nicht strahlen. Vom Flur führen zwei Treppen hinunter in den Keller. Dort steht auf einem Schild neben der Tür: Archiv HW. Die Abkürzung steht für „Happy Weekend“, das älteste und größte Magazin für Sexkontaktanzeigen in Deutschland. Es erscheint alle zwei Wochen, ein Exemplar kostet 12,95 Euro. Die Auflage: derzeit knapp 50 000, Ende der 90er Jahre lag sie sogar mal bei 90 000. „Wir schicken auch Hefte zu deutschen Soldaten nach Afghanistan“, sagt Chefredakteur Thorsten Wilms, ein hagerer 39-Jähriger.

Vor kurzem ist die 1000. Ausgabe erschienen, im nächsten Jahr feiert „Happy Weekend“ seinen 40. Geburtstag. Und so ist ein Besuch im Archiv der Zeitschrift wie eine Zeitreise durch vier Jahrzehnte deutscher Sittengeschichte. In dem Keller in Essen lagern 40 Jahre Sexfantasien und verborgene Wünsche – abgelegt in Kartons und auf grauen Regalen. Irgendwann einmal muss jemand die Absicht gehabt haben, das Archiv ordentlich zu führen, aber jetzt werden neue Kartons einfach dorthin gestellt, wo noch Platz ist. In dem mittlerweile viel zu kleinen Raum riecht es leicht muffig – und es sieht so langweilig und trostlos aus, wie man sich das Aktenlager eines Finanzamts vorstellt. Doch wenn die Hefte sprechen könnten, würden sie stöhnen und keuchen.

Als der Buchhändler Horst F. Peter „Happy Weekend“ 1972 in Essen gründete, wurde so etwas in Deutschland noch nicht gedruckt: ein Heft, in dem Menschen wie du und ich nach Sexpartnern suchen. Das hing auch damit zusammen, dass Pornografie bis in die 70er Jahre hinein verboten war. Bis heute dürfen die „Happy-Weekend“-Hefte nur an Orten offen ausliegen, zu denen Jugendliche keinen Zutritt haben, also in Sex-Shops und Erwachsenen-Videotheken. An Tankstellen bleibt das Cover verdeckt.

Verklemmtheit und Heuchelei hätten ihn schon immer gestört, deshalb habe er „Happy Weekend“ gegründet, behauptet Horst F. Peter, ergänzt aber: „Geld hat auch eine Rolle gespielt.“ Peter ist heute 70, lebt auf Mallorca und reist nur alle zwei Wochen zu Meetings nach Essen, während deren er pausenlos Zigarre raucht.

Auf den ersten Blick unterscheiden sich die Hefte von damals und die von heute kaum. Das Format (ein wenig größer als A5) ist in etwa gleich geblieben, auf dem Cover sind halb nackte Frauen abgebildet und im Innern blättert man sich durch Dutzende Seiten voller fremder Gesichter und Bilder von weiblichen wie männlichen Geschlechtsteilen – früher waren diese Fotos schwarz-weiß, heute sind sie farbig, was nicht unbedingt besser aussieht.

Wie der Printbranche allgemein, so fehlen auch „Happy Weekend“ mittlerweile junge Leser – denn die suchen eher im Internet nach Sex. Die meisten Annoncen kommen derzeit von 40- bis 60-Jährigen. Im Gegensatz zu früher kostet es nichts, eine Standardanzeige mit Foto aufzugeben, und längst hat auch „Happy Weekend“ eine Website. In der Mehrzahl sind die Inserenten Männer. Dass trotzdem relativ viele Bilder von Frauen zu finden sind, liegt daran, dass Pärchen auf der Suche nach Sexpartnern selten das Bild des Mannes einreichen. Eine Frau erhöht die Erfolgschancen.

Keine Anzeige erscheine, heißt es bei der Zeitschrift, ohne dass man den echten Namen und die Adresse des Inserenten kenne. Außerdem kontrolliere die Anzeigenannahme Telefonnummer und E-Mail-Adresse. Beschwerden sind laut Chefredakteur Wilms selten. Manchmal beklagt jemand, dass plötzlich Geld für die in einer Anzeige in Aussicht gestellten Nacktfotos verlangt wurde, obwohl davon nichts im Inserat stand.

Die erste Anzeige im ersten „Happy Weekend“-Heft kam vor 39 Jahren von einer Frau: „Studentin, zierlich braun, sucht einen netten sportl. Typen für alle Formen des SEX“, heißt es da. Viele Gesuche aus den Anfangsjahren wirken, selbst wenn die Formulierungen deftiger und die Fantasien bizarr sind, beinahe unschuldig, auf jeden Fall aber zurückhaltend. Einmal wünscht sich ein Mann Frauen mit Namen Annegret, und ein anderer schreibt: „Berliner sucht Tauchente, gewünscht wird ein Mädchen für die Badewanne, erst einseifen, dann abtrocknen“. Wieder ein anderer will besonders ausgefallen formulieren und fragt: „Welchen abgestanden ehelichen Geschlechtseintopf soll ich mit meinem Löffel wieder zum Kochen bringen, mit Charme, Witz und Raffinesse abschmecken?“ Manchmal kann man geradezu Verzweiflung zwischen den Zeilen erkennen, etwa in diesem Fall: „Junger Mann, 18 Jhr., unerfahren, noch kein Kontakt zu geiler Dame; sucht geile Dame (…) Es ist wirklich sehr dringend“.

1980 erreicht die Redaktion angeblich sogar ein „Hilferuf aus der DDR“. Ein junges Paar aus Erfurt berichtet, „Happy Weekend“-Hefte gingen auch im anderen Deutschland „von Hand zu Hand“: „An Pornographie besteht hier ein echter Mangel.“ Die Redaktion empfiehlt ihren Lesern, „Kontakt mit den beiden aufzunehmen“, sie würden sicher „auf ihre liebe und etwas naive Art Besucher aus der Bundesrepublik sehr anregen“.

Zu Beginn war der Anzeigenteil in „Happy Weekend“ noch klein. Es dominierten pornografische Bilder aus dem liberalen Skandinavien und erotische Kurzgeschichten. In Nr. 177 fragt die Redaktion potenzielle Inserenten: „Warum zögern Sie?“ Und: „Haben Sie immer noch Bedenken einmal selbst zu inserieren?“ Mit den Jahren wurden die Anzeigen jedoch das Herzstück des Hefts und ließen dieses von knapp 60 auf mehr als 200 Seiten anwachsen. Gleichzeitig nahmen Gesuche nach nicht-alltäglichem Sex mehr und mehr Raum ein, Wörter wie „pervers“ und „geil“ tauchten immer häufiger auf, „ficken“ wurde zur Standardvokabel.

Beschränkten sich die Fetische anfangs auf das Tragen erotischer Unterwäsche oder den Wunsch nach großen Brüsten, findet man mit Beginn der 80er Jahre zunehmend Inserenten, die sich zum Beispiel beim Sex unterwerfen oder Urin in ihre Liebesspiele einbeziehen wollen. Schwule und Lesben hatten in der Zwischenzeit eine eigene Rubrik bekommen – Zeichen der gesellschaftlichen Liberalisierung.

Heute formulieren die Inserenten ohne jede Zurückhaltung. Wenn etwas vorstellbar und legal ist, steht es im Heft. So ziemlich jede Anzeige lässt im Kopf Bilder einer Orgie entstehen. Die Sprache ist spezialisiert, voller Abkürzungen wie GS (Gruppensex), NS (Natursekt), AV (Analverkehr), OV (Oralverkehr), DWT (Damenwäscheträger). Die Männer präsentieren ihren erigierten Penis (kein Motiv ist häufiger!) und teilen bereitwillig die Maße ihres Geschlechtsteils mit.

„Die Anzeigen sind wesentlich extremer geworden“, bestätigt Petra, die seit 15 Jahren in der Anzeigenannahme arbeitet, zusammen mit drei anderen Frauen zwischen 33 und 52. Und extreme Anzeigen seien es auch, auf die es die meisten Rückmeldungen gebe. Neben den Pärchenanzeigen. Harmloses liefe gar nicht mehr. Frauen bekämen im Schnitt 30 Zuschriften, die „Happy Weekend“ weiterleitet, Männer meist nicht mehr als drei bis fünf. Dazu kommt die direkte Kontaktaufnahme per Mailadresse oder Telefonnummer, die die Inserenten oft in ihren Anzeigen angeben. „Die Formulierungen sind härter geworden”, sagt auch Chefredakteur Wilms, „aber der generelle Umgangston ist es ja auch.“

Dagegen ist das Problembewusstsein für Sex mit Minderjährigen gestiegen. Anzeigen wie „Gibt es in Berlin 2 Mädchen, 15-35, die mich im Bett so richtig fertig machen können?“ (1973) wären heute undenkbar. Sucht jemand nach Frauen mit der Formulierung „Alter egal“, setzt die Redaktion „aber ab 18“ dahinter. Begriffe wie Lolita oder Mädchen werden in Frau oder Girl geändert. Sonst bleiben die Anzeigen größtenteils unangetastet. Auch die Rechtschreibfehler. Authentizität ist das Zauberwort.

Die Angst vor Aids war nur kurzzeitig ein Thema. Ende der 80er begann „Happy Weekend“, Werbeanzeigen zu drucken wie „Lust ohne Reue. Mit Kondom!“. Zu dieser Zeit forderten die Inserenten von ihren Sexpartnern häufig, dass sie „gesund“ oder „gesundheitsbewusst“ waren. Doch das ließ bald nach, der explizite Wunsch nach „Safer Sex“ ist selten. Heute taucht das Thema Aids nur noch in den Annoncen von Homosexuellen auf.

In den Anzeigen von „Happy Weekend“ spiegeln sich so viele der gesellschaftlichen Veränderungen, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat. Auch wenn die Inserenten natürlich zu einem kleinen Bevölkerungsteil gehören, den manche als „sexuelle Elite“ bezeichnen: Hedonisten aus verschiedensten sozialen Schichten, für die Sexualität eine besonders große Rolle spielt.

Hefte wie „Happy Weekend“ haben die Entwicklung aber nicht nur abgebildet, sie haben sie auch beeinflusst. „Solche Magazine haben dazu beigetragen, Menschen von dem Gedanken zu befreien, ihre Fantasien seien sonderbar“, sagt

Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung und einer der etabliertesten deutschen Sexualwissenschaftler. Pastötter glaubt außerdem, dass der zunehmende Zugang zu Pornografie die sexuellen Wünsche insbesondere von Männern nachhaltig beeinflusst hat – vom Ende des Porno-Verbots in den 70ern über die große Zeit der Videokassette bis hin zum Siegeszug der schnellen Internetverbindungen nach der Jahrtausendwende. Da bestehe die Gefahr abzustumpfen: Die Reize müssen immer stärker werden, um noch zu wirken, vor allem bei Männern.

Und tatsächlich fragt man sich beim Durchblättern der Zeitschriften unweigerlich, was nun, nach der großen Liberalisierung, eigentlich noch kommen kann. Haben wir einen Endpunkt erreicht oder wird der Sex in 40 Jahren noch abenteuerlicher sein (müssen)?

Von 1000 Ausgaben „Happy Weekend“ geht jedoch noch eine andere, überraschende Botschaft aus: Gutes Aussehen nämlich hat in vier Jahrzehnten nie eine nennenswerte Rolle gespielt. Klar gibt es Männer, die sich die Brüste einer Frau größer oder kleiner wünschen, aber kaum jemand sucht nach einem besonders hübschen Partner. Viel wichtiger ist es den meisten, jemanden zu finden, der die eigenen Neigungen teilt oder ihren Fetisch bedient. Oder wie es ein Mann in Heft 986 ausdrückte: „Geilheit geht vor Schönheit.“

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