Zeitung Heute : Sitzen geblieben. Ausgebrannt.

Ein 16-Jähriger bricht die Schule ab, weil er mit Lehrern nicht zurecht kommt. Lehrer werden krank, weil ihr Beruf sie überfordert. Zwei Phänomene, zwei Lösungsansätze

Dorothee Schmidt

DIE SCHÜLER

Du bist der beste Praktikant, den wir seit Jahren hatten“, sagt der Chef der Airbrushfirma zu Daniel. Es ist das erste Mal seit langem, dass die Leistung des 16-Jährigen wahrgenommen und anerkannt wird. „Das hat er in der Schule nicht erfahren“, sagt Daniels Vater. Alles sprach dagegen, dass Daniels Schullaufbahn noch erfolgreich verlaufen würde. Er ging zwar auf ein grundständiges Gymnasium, musste aber das achte Schuljahr wiederholen. Als eine zweite Ehrenrunde drohte, musste er die Schule verlassen – und wechselte auf eine Gesamtschule. Daniel begann die Schule zu schwänzen. Einzelne Stunden, ganze Tage. „Er fühlte sich offensichtlich nicht wahrgenommen“, sagt Daniels Vater.

„Eine Geschichte von Enttäuschungen und Scheitern“, nennt Gerhard Neumann von der Beratungsstelle Schuldistanz diese Laufbahn. „Das ist für die Schüler sehr kränkend.“ Neumann berät an der Reinickendorfer Lindhorstschule Problemschüler und deren Eltern. Er versucht, für notorische Schwänzer und Schüler mit Ängsten und Depressionen einen passenden Platz zu finden. Einen Ort, wo sie wieder Erfolge erleben.

Neumann hat auch Daniel geholfen und seine Schulkarriere gerettet. Die Karriere eines Jungen, der, wie Intelligenztests ergaben, im Bereich Sprachen „an der Grenze zur Hochbegabung liegt“, sagt der Vater. Daniel malt und zeichnet gerne. Gerhard Neumann schlug ihm ein Übergangspraktikum bis zum Ende des Schuljahres vor. „Innerhalb von drei Tagen hatte er einen Platz in einer Airbrushfirma gefunden.“ Ein erstes Erfolgserlebnis. Dort hat er durch das Lob des Chefs Selbstbewusstsein gewonnen. „Daniel hat sich durch das Praktikum verändert. Er geht gerne dorthin und ist deutlich motivierter“, sagt sein Vater.

Nach den Sommerferien wird Daniel in der Weddinger Theodor-Plievier-Schule am Programm „Produktives Lernen“ teilnehmen. An drei Tagen pro Woche arbeiten die Schüler: bei Handwerkern, in Büros und Firmen. Dort lernen sie, Schulwissen praktisch umzusetzen, zum Beispiel, dass beim Fliesenlegen Geometriekenntnisse nützlich sind. Das motiviert für den praxisnahen Unterricht an den anderen beiden Tagen. Die Schüler wählen ihre Lernorte selber und arbeiten so an Themen, die sie wirklich interessieren. 500 Schüler nehmen in Berlin am Projekt Produktives Lernen teil. „Am Ende haben 70 bis 80 Prozent einen Schulabschluss und eine berufliche Perspektive“, sagt Ingrid Böhm, Leiterin des Instituts für Produktives Lernen in Europa, das Lerngruppen an 14 Berliner Schulen koordiniert. Die Schüler erleben das Programm oft als „letzte Chance“, sagt Ingrid Böhm. Für sie ist es „der freiwillige Start in ein neues Schulleben“. Auch Daniel musste bei der Aufnahmeprüfung überzeugen, dass er wirklich teilnehmen will. „Er hat das mit Bravour bestanden“, sagt Gerhard Neumann, sein Berater.

Schülerberatung „Schuldistanz“, Telefon 41 93 96 72. Institut für Produktives Lernen in Europa (IPLE), Telefon 21 79 20, www.iple.de

DIE LEHRER

Lehrer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Keine Berufsgruppe ist so sehr vom Gefühl des Ausgebranntseins („Burnout“) bedroht wie sie. Dies war das Ergebnis der inzwischen berühmt gewordenen „Potsdamer Lehrerstudie“ des Psychologieprofessors Uwe Schaarschmidt. Er hat nicht nur die Belastungen von Lehrern untersucht und verschiedene Beanspruchungsmuster aufgezeigt. Vielmehr ging es Schaarschmidt auch darum, Auswege aus dem Dilemma zu zeigen.

Dabei hält er sich nicht lange damit auf, kostspielige Arbeitserleichterungen einzufordern wie die Verkleinerung der Klasen oder die Verringerung des Pflichtstundensolls. Denn erstens ist wegen der leeren öffentlichen Kassen auf diesem Gebiet kaum mit Erleichterungen zu rechnen, und zweitens hat Schaarschmidt festgestellt, dass es Schulen gibt, an denen besonders belastende Arbeitsbedingungen nicht zum Burnout-Syndrom führen. Aber woran liegt das?

„Als den entscheidenden Faktor machten wir das soziale Klima aus“, heißt es in Schaarschmidts jüngsten Aufsatz zum Thema, und dafür wiederum sei der „Dreh- und Angelpunkt“ die Tätigkeit des Schulleiters. Demnach kann ein guter Rektor die Belastung mildern, wenn er ein offenes Ohr für die Sorgen der Kollegen hat und sich Zeit für sie nimmt. Er kann versuchen, bei der Stundenplangestaltung auf die individuellen Belange Rücksicht zu nehmen oder durch Fortbildungen die Fähigkeit zur Teamarbeit zu stärken. Er kann einen Nebenraum zu einem schönen Arbeitszimmer umgestalten, damit Kollegen Freistunden sinnvoll nutzen können. Auf diese Weise verlieren die Lehrkräfte das Gefühl, Einzelkämpfer auf verlorenem Posten zu sein.

Doch große Klassen, schwierige Schüler und viele Pflichtstunden sind nicht die Hauptursache des grassierenden Burnouts. Das bewies Schaarschmidt, indem er auch die Lehramtsstudierenden und Referendare untersuchte, die noch nicht an den Folgen der Belastung leiden können. Er fand heraus, dass jeder Vierte zum Burnout-Syndrom tendiert, weil es ihm an Widerstandskraft, sozialer Kompetenz oder Selbstvertrauen mangelt. Zudem fehlt der Hälfte des Lehrernachwuchses die hohe Motivation, die notwendig wäre, um den Beruf erfolgreich auszuüben. Zwar kann sie durch eine gute Ausbildung gefördert werden. Aber wenn jemand keine Freude am Unterrichten mitbringt und den Beruf nur wegen der langen Ferien oder der Unkündbarkeit wählt, dann ist die Überforderung voraussehbar. Schaarschmidt sagt: Lehramtsstudenten sollte man frühzeitig einem Eignungstest unterziehen.

Um im Berufsleben bei Kräften zu bleiben und die Motivation nicht zu verlieren fordert Schaarschmidt, Lehrer sollten sich auch selbst bemühen, ihre Belastung zu meistern. Die „wichtigste präventive Maßnahme“ sei, dass Lehrer sich fortbilden – fachlich und erzieherisch. Zudem müssten sie bereit sein, sich bewerten zu lassen und dann offen sein für Kritik. Eine „Rückmeldekultur“ hat den Vorteil, dass Lehrer auch gesagt bekommen, was gut läuft. Und nichts motiviert so sehr wie Lob. Susanne Vieth-Entus

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