Zeitung Heute : Skandal!

Jede Affäre hat ihre eigenen Gesetze. Friedman, Lambsdorff, Susan Stahnke: Wem ist was erlaubt? / Von Harald Martenstein

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Was darf man, was darf man nicht? Wer darf was? So fragen schon die Kinder. Aber als Erwachsener weiß man es immer noch nicht genau. Gibt es da überhaupt Regeln?

FranzJosef Strauß war Vorsitzender einer christlichen Partei, die sich Familienwerte und Sittsamkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Strauß ist in New York zufällig in Kontakt mit einer Prostituierten gekommen. Dabei wurde ihm die Brieftasche gestohlen. Es hat letztlich niemanden gestört.

Otto Graf Lambsdorff wurde wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung verurteilt. Heute ist er Ehrenvorsitzender der FDP.

Der Sänger Drafi Deutscher hat betrunken aus dem Fenster gepinkelt, das haben Kinder gesehen. Davon hat sich seine Karriere nie ganz erholt.

Die Fernsehsprecherin Susan Stahnke hat sich in Strapsen fotografieren lassen und gesagt, sie wolle ein Filmstar werden. Das war im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ihr Ende.

Und jetzt Friedman. Sehr unterschiedliche Fälle, die allerdings ein gewisses Maß an Peinlichkeit gemeinsam haben, wenngleich in unterschiedlichen Größenordnungen. Die einen haben den Skandal fast ohne Dellen überstanden, die anderen nicht. Ist in all dem irgendein System erkennbar?

Was den Skandal ausmacht

Der Skandal hat nichts oder wenig mit der Frage zu tun, ob ein bestimmtes Verhalten legal ist. Ein Erzbischof, der in einer Stripteasebar betrunken Lambada tanzt, ein Konzernchef, der auf dem Firmenparkplatz öffentlich uriniert – das ist alles nicht per Gesetz verboten. Es schadet der betreffenden Person dennoch. Es zerstört die Aura.

Aber sind wir nicht alle fehlbar?

Es gibt einerseits die geschriebenen Gesetze und die ungeschriebenen von Moral und Sitte, und auf der anderen Seite gibt es die Wirklichkeit – also die echten Leute und ihr echtes Verhalten. Beides ist niemals deckungsgleich, weder heute noch irgendwann früher in der Geschichte. Die Leute mogeln und sündigen immer, jedenfalls 99 Prozent von ihnen. Vielleicht wären die Leute gerne perfekt, aber fast niemand schafft es. Trotzdem ist die Fiktion notwendig, dass man perfekt sein könnte und dass die meisten sich an die Regeln halten (obwohl es nicht stimmt). Warum? Damit nicht alles zusammenbricht, ganz einfach.

Jeder weiß zum Beispiel, dass es immer Diebe geben wird. Egal, was wir tun – die Diebe werden nicht aussterben. Wenn wir nun sagen: „Es hat keinen Zweck, manche Menschen stehlen nun einmal, streichen wir den Paragraphen aus dem Strafgesetzbuch“ – dann würde es natürlich kein Halten mehr geben, und wir würden uns auf der Straße gegenseitig unsere Brieftaschen aus den Händen reißen.

So verhält es sich mit allem, mit dem Steuerhinterziehen, dem Drogenkonsum, dem betrunken Autofahren, mit dem Lügen und Betrügen in allen möglichen Lebenslagen. All das ist verboten und trotzdem Alltag. Wahrscheinlich hat der eine oder andere von uns das eine oder andere davon schon einmal gemacht, deshalb hat man Verständnis für andere, die es tun. Aber trotzdem wissen wir – wenn es erlaubt wird, bricht das Chaos aus oder Schlimmeres. Das Verbot ist ein Schutzwall, damit nicht alle es ständig auf extreme Weise tun, und das wollen nicht einmal wir, die alltäglichen Sünder, die 99 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Diese Dinge dürfen nicht erlaubt werden. Und wer es trotzdem tut, der darf sich halt nicht erwischen lassen.

„Doppelmoral“ ist ein negativ besetztes Wort. Wieso eigentlich? Keine humane Gesellschaft kann ohne Doppelmoral funktionieren. Die totale Herrschaft der Moral ist nur als Diktatur vorstellbar, ungefähr wie unter Robespierre in der Französischen Revolution. Die totale Herrschaft der Unmoral wäre natürlich noch viel schlimmer, es liefe auf das Recht des Stärkeren hinaus. Nein, es muss etwas zwischen diesen beiden Extremen sein. Eine Art Doppelmoral.

Vor einiger Zeit erzählte ein Bekannter, dass er seinen 16-jährigen Sohn mit einem Joint erwischt hat. Er hat Sanktionen verhängt, eine Strafpredigt gehalten, das übliche Programm. Der gleiche Mann hat aber als Jugendlicher selber gekifft, manchmal tut er es sogar heute noch. Ich glaube, ich muss diese Rolle spielen, sagt er, die gleiche Rolle, die meine Eltern bei mir gespielt haben, ich muss eine Art Wall errichten, eine Hemmschwelle, die hoffentlich vor härteren Drogen schützt.

Es ist fast unmöglich, ein Leben ohne Widersprüche zu führen.

Vermutlich haben fast alle Mitglieder des gegenwärtigen Bundeskabinetts irgendwann einmal einen Joint geraucht. Struck eher nicht. Und im Fernsehen gibt es sicher mehr als einen Moderator, der kokst. Es ist kein Kapitalverbrechen, es ist vielleicht verständlich, wegen des hohen Stressfaktors in diesem Job, alles richtig, aber man darf es halt nicht erlauben und wer sich erwischen lässt, muss die Folgen tragen.

Einerseits muss man sich damit abfinden, dass die Welt und die Menschen nicht perfekt sind. Andererseits darf man nicht aufhören, zu versuchen, sie perfekt zu machen. Das ist auch so ein Widerspruch, den man aushalten muss.

Regeln sind also notwendig, obwohl sie ständig gebrochen werden. Besonders wichtig ist dabei das Verhalten der gesellschaftlichen Elite, der Mächtigen und Berühmten. Die Elite muss besonders glaubwürdig so tun, als halte sie sich an die Regeln. Das Volk orientiert sich nun mal an ihr. Die Elite ist natürlich ebenso anfällig für jede Art von Gesetzesbruch und Sünde wie alle anderen auch. Früher konnten die Mächtigen sich in ihren Palästen ganz gut verkriechen, und es gab zwar Gerüchte, aber niemals Fotos oder Presseerklärungen der Staatsanwaltschaft, deshalb fiel es relativ leicht, Vorbild zu sein. Heute dagegen steht man dauernd unter Beobachtung. Die lotterhafte Katharina mit ihren tausend Liebhabern und ihrem exotischen Sexspielzeug war eigentlich eine ganz gute Zarin, aber heute wäre es für sie extrem schwierig, sich in ihrem Job zu halten. Eine verrückte Sache: Die Gesellschaft ist so liberal und so permissiv wie noch nie, nur für die Mächtigen sind die Spielräume deutlich geringer als vor 250 Jahren.

Wer darf was? Der Richter ist in solchen Fällen meistens die öffentliche Meinung. Dieser Richter urteilt aus dem Bauch heraus. Es gibt für seine Richtersprüche ein paar Kriterien, aber keine Paragraphen. Es ist, wenn man die Dinge des Lebens gerne ordentlich geregelt, hundertprozentig gerecht und nachvollziehbar hat, so unbefriedigend wie die gesellschaftliche Doppelmoral.

Erstes Kriterium: Passen die Verfehlung und die öffentliche Selbstinszenierung zusammen? Jeden berühmten Menschen gibt es sozusagen zweimal, erstens als öffentliche Person mit einem bestimmten Image, zum zweiten als reale Person aus Fleisch und Blut. Manchmal sind beide Personen nahezu deckungsgleich, manchmal sind sie sehr verschieden voneinander.

Im Moment des Skandals richten sich die Scheinwerfer einen Moment lang auf beide Personen, die medial inszenierte und auf die tatsächliche. Das Publikum darf überprüfen, ob beides zusammenpasst. Das Publikum ist ein konservativer Kritiker, es mag keine Brüche. Deshalb tun berühmte Menschen gut daran, ihr öffentliches Bild und ihre tatsächliche Persönlichkeit sich nicht allzu weit voneinander entfernen zu lassen. Rezzo Schlauch ist mit einem im Amt erworbenen Freiflug privat nach Bangkok gereist, aber er ist nicht ins Bodenlose gestürzt, sondern auf einen komfortablen Staatsekretärs-Sessel. Er galt sowieso als Hallodri. Für den strengen, hochfahrenden Friedrich Merz hätte die gleiche Affäre wahrscheinlich den politischen Exitus bedeutet.

Strauß zum Beispiel trat als Barockmensch auf, ein Politiker aus Lust, ein vulkanisches Temperament, unbeherrscht, maßlos, aber irgendwie genialisch. Wenn so einer über die Stränge schlägt, verzeihen ihm das seine Fans. Strauß ist nie durch Drogenkonsum aufgefallen, er war Biertrinker, aber die „Spiegel“-Affäre war immerhin eine Art Anschlag auf die Demokratie, und das Belügen des Parlaments war auch kein Pappenstiel. Verziehen.

Michel Friedman zum Beispiel ist immer als Sittenrichter aufgetreten, einer, der hart fragt, in die Enge treibt, die ganze Wahrheit wissen will, wenig bis kein Verständnis hat für die Verfehlungen anderer. Natürlich wird so jemand nach strengeren Kriterien beurteilt, gerade von seinen eigenen Fans. Ist das ungerecht? Wie hoch einer in Moralfragen die Latte legt, ist allein seine eigene Entscheidung. Wie einer sich selbst inszeniert, ebenfalls. Wenn man an seinen eigenen Maßstäben gemessen wird, darf man sich nicht beschweren. Zweites Kriterium: Wie verhält die Skandalperson sich nach der Enthüllung? So manchem wird erst das zum Verhängnis. Die Unfähigkeit, glaubwürdig Reue und Zerknirschung zu zeigen. Der Irrglaube, sich rechtfertigen zu können. Das kommt beim Publikum schlecht an. Man darf nicht vergessen: das Publikum besteht zu 99 Prozent ebenfalls aus fehlbaren Menschen. Sie sind misstrauisch, wenn einer auf seiner Unschuld beharrt, weil sie selber auch nicht unschuldig sind.

Das Publikum vergisst schnell

Andere Kriterien dafür, wie jemand einen Skandal übersteht: Wie unentbehrlich oder einmalig bist du? Otto Graf Lambsdorff zum Beispiel wurde von seiner FDP einfach gebraucht, die Partei hatte und hat wenige Köpfe. Wie fest ist das Netz an Abhängigkeiten und Freundschaften, das du geknüpft hast? Besonders fest waren diese Netze bei Helmut Kohl und Franz-Josef Strauß. Wie viele Feinde hast du? Wirst du von den meisten eher gemocht, oder eher gehasst?

Im Skandal gibt es keine Gerechtigkeit und keine Spielregeln. Wie tief stürzt man? Im Skandal kommt es nicht nur auf die Schwere der Anschuldigung an. Mindestens genauso wichtig ist die Frage, wer du vor dem Skandal gewesen bist. Besonders tief fallen die Selbstgerechten, die sich als Scheinheilige entpuppen. Außerdem diejenigen, die wenig reale Macht besitzen und sich deswegen, falls sie den Skandal am Ende doch überstehen, nicht rächen können. Und natürlich diejenigen, die schnell Karriere gemacht haben, und die man deswegen beneidet. Und diejenigen, die ihren Reichtum und ihre Macht gerne gezeigt haben. Bescheidenheit schützt. Auf all diese Faktoren kommt es an.

Und auf die Berufsgruppe. Bei Künstlern ist das Publikum nachsichtig. Dass sie koksen, wie Konstantin Wecker oder Rainer Werner Fassbinder, ist für die meisten schon okay. Auch mit der Nachricht, dass Fassbinder zu Strichern geht, hätte man keinen Hund hinterm Ofen hervorgelockt. Die Künstler werden schließlich dafür bezahlt, dass sie irgendwie anders sind. Bei Politikern ist das Publikum streng, mit gutem Grund, denn wenn nicht mal diejenigen, die unsere Gesetze machen, sich an sie halten, dann tut es keiner. Die Fernsehleute aber werden näher bei den Politikern einsortiert als bei den Künstlern.

Warum? Es ist unlogisch, wie so vieles im Skandal. Eigentlich stehen die Moderatoren ja den Künstlern ein bisschen näher. Besonders viel Macht haben sie nicht. Aber das Fernsehen wird in Deutschland traditionell als eine staatsnahe, quasi offizielle Veranstaltung empfunden. Wer Spesen falsch abrechnete oder uneheliche Beziehungen unterhielt, der stürzte, wie Ernst Huberty oder Lou van Burg. Und umgekehrt zieht es ja auch die Politiker auf die Moderatorenstühle – Lothar Späth, Gregor Gysi, Heinz Eggert... Moment mal: All diese Politiker sind über Skandale gestürzt.

Nach dem Skandal geht der Politiker ins Fernsehen und verwertet seinen Restruhm als Moderator. Das Fernsehen ist in Deutschland die zweite Liga der Politik.

Um Friedman wäre es schade. Er ist so schön böse. Er verkörpert gewisse journalistische Tugenden, die leider selten sind – er lässt sich zum Beispiel nicht mit Phrasen abspeisen. Schade, dass die Sache jetzt in ein so kleinbürgerlich-schmieriges Fahrwasser gerät. Schade, dass er mit den anderen manchmal zu hart war, mit Frank Steffel zum Beispiel. Jeder ist manchmal unfair, klar. Aber jetzt schlägt es auf ihn zurück.

Es ist schade, aber nicht ungerecht.

Das Publikum ist ein launischer, gnadenloser Richter. Aber es vergisst schnell. Es gibt auch beim Skandal die Verjährung. Irgendwann, irgendwie dürfen sie fast alle zurückkommen, sie sind dann demütiger, kleiner, leiser, sie spielen eine Liga tiefer, aber sie sind wieder da. Das hätte man gerne Jürgen Möllemann gesagt, bevor er ins Flugzeug stieg.

Man würde es auch gerne Michel Friedman sagen, wo immer er stecken mag.

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