Zeitung Heute : Skandalgeschichte

Der Tagesspiegel

Von Christian van Lessen

Journalisten haben nicht immer den besten Ruf. Wer gerade die ARD-Vorabend-Serie Marienhof verfolgt, muss den denkbar schlechtesten Eindruck erhalten. Da werkelt ein junger fieser Mann als Schreiberling, spioniert – weil ihm sonst keine Themen einfallen – seine Familie und seine Freunde aus und verkauft die vermeintlichen Skandale an den noch skrupelloseren Lokalchef eines offenbar sehr schmierigen Boulevardblatts. Trösten wir uns, dass die Fernsehserie völlig realitätsfern ist und sowieso in Köln spielt.

Aber wahr ist, dass die Skandalsucht in jedem Journalisten-Gen steckt. Vor allem in Berlin, wo es in schöner Regelmäßigkeit Korruptionsäffären aufzudecken gibt, wo Bau- und Bankenskandale Landesregierungen stürzen. Da muss jeder Journalist hellhörig werden, wenn eine seriös wirkende Stimme am Telefon geheimnisvoll von Skandal und Behördenschlamperei murmelt und um ein schnelles persönliches Gespräch bittet.

Dann erzählt der seriös wirkende Mann, dass er einen großen Gebäudekomplex bauen will, ihm das zuständige Bezirksamt aber nicht glauben möchte, und dass darüber geschrieben werden müsste, weil die Öffentlichkeit einen Anspruch darauf hätte.

Hat sie auch, sagt der Journalist, und will alles prüfen und schnell darüber schreiben. Aber sein Gegenüber erschrickt: Nur nicht schreiben, nur keine Namen! Nicht jetzt!

Das ist so ein Moment, in dem der Schreiber gern mal in der Fernsehwelt wäre. Der fiese Kollege aus dem Marienhof hätte nichts geprüft, sich um nichts geschert, sofort seine „Story“ und seinen Skandal gehabt. Beneidenswert.

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