Zeitung Heute : Skeptisch sein

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

NAME

Als ich sechs war, fragte ich meine Tante: „Du, Suni, wer wird eigentlich einmal die Blumen auf meinem Grab gießen?“ Suni lächelte. Sie ist Wienerin, und die Wiener haben ein intimes Verhältnis zum Tod. In ihrer Freizeit gehen sie gerne zwischen Gräbern spazieren. „Zürich ist etwa doppelt so groß wie unser Zentralfriedhof, aber nur halb so lustig“, sagen sie. Und Tante Suni erklärte mir, wenn ich groß sei, würde ich eine nette Frau heiraten, und unsere Kinder würden mein Grab pflegen. Ich sagte: „Nein. Das glaubt der Till eher nicht, weil der Till, der mag keine fremden Leute.“

Ich sprach immer in der dritten Person von mir. Und von klein auf zweifelte ich an allem: Gibt es den lieben Gott? Kann ich den armen Kindern in Afrika helfen, wenn ich viele Badewannen voll Milch dort hinschicke? Geht morgen die Sonne wieder auf? Tante Suni nannte mich den „zerstreuten Professor“. Das mag auch daran liegen, dass ich mir die Unterhosen morgens manchmal auf den Kopf setzte.

Dass ich in der Schweiz aufgewachsen bin, hat mein kritisches Bewusstsein sicher weiter geschärft. Schöner als die Berner zum Beispiel kann auf der ganzen Welt niemand seine Bedenken ausdrücken. „Auuso daaa bin iig ja dodaau skchebdisch“ („Also, da bin ich ja total skeptisch"), sagen sie. Und brauchen dafür etwa eine halbe Stunde. Wahrscheinlich hat aber auch Tante Sunis Einfluss aus Wien mitgespielt, als ich mich an der Uni Basel für Philosophie einschrieb. „Wenn es den Tod nicht gäbe, gäbe es auch unser Fach nicht“, behauptete die Dozentin auf der Einführungsveranstaltung. Das klang faszinierend. Doch bald merkte ich: Bei mir ist es umgekehrt – wenn ich weiter Philosophie studiere, sterbe ich. Die selbstgefälligen Bildungshuber auf der Uni machten mich wahnsinnig.

Es muss doch auch normale Leute geben, die sich fürs Grübeln interessieren! Neulich erfuhr ich von einem „Treffen kritischer Geister“ im Café Jenseits: Das schien wie für mich geschaffen.

Die Idee zu diesen Versammlungen stammt von Konrad Engelschall. Er ist Soziologe, Philosoph und Sänger und hört sich gerne reden. Sonst ist er schwer in Ordnung. Gekommen sind des Weiteren ein älterer Herr mit rotem Bart, Brille und kurzen Hosen, der Philosophiestudent Jan, und ich. Wir debattierten unter anderem über: „Fortschritt pro und contra“, „Schweitzers philosophische Schriften“, „Frau Holle“ und „Heidegger“. Am Abend wurde es dann noch richtig revolutionär: Gabi lief ein. Die verspätete Powerfrau mit der Indianerkopf-Tätowierung auf dem Arm verwickelte uns in eine Diskussion über „Faschos“, und wie sich rechtsextremes Gedankengut in Europa verbreitet. „Wir müssen etwas gegen die Nazis tun!“, beschlossen wir und bestellten noch eine Runde. Anschließend kamen wir vom Thema ab.

Den Schlusspunkt setzte Jan mit einem Albert- Schweitzer-Zitat: „Alles, wenn man es zu Ende denkt, endet in Mystik.“ Auuso daaa bin iig ja dodaau skchebdisch. Das müssen wir nächste Woche unbedingt ausdiskutieren. Und womöglich erfahre ich im Café Jenseits, wer einmal die Blumen auf meinem Grab gießen wird. Till Hein

Diesseits von Gut und Schlecht, Café Jenseits, Heinrichplatz, jeden Donnerstag 16 Uhr, Tel. 2045 4420

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar