Skirennen : Bis zur Raserei

Der Trainingsunfall des Schweizers Daniel Albrecht überschattet das legendäre Hahnenkammrennen. Warum werden Skirennen wie die heutige Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel immer gefährlicher?

Frank Bachner
Kitzbühel
Gefährliche Strecke: Der Österreicher Michael Walchhofer beim Training in Kitzbühel. -Foto: dpa

Die Ärzte sind zufrieden, Daniel Albrecht gehe es gut. Seine lebenserhaltenden Funktionen sind stabil. Der Schweizer Weltklasse-Abfahrtsläufer liegt auf der Intensivstation der Uniklinik Innsbruck mit Schädel-Hirn-Trauma und Lungenquetschung. Er könnte auch im Leichenschauhaus liegen. Wer bei einer Geschwindigkeit von 138 Kilometer pro Stunde aus vier Meter Höhe auf eine eisige Skipiste knallt, hat Glück, wenn er überlebt.

Die Weltcup-Abfahrt in Kitzbühel, auf der legendären Streif, hat erneut ein Opfer gefordert. Albrecht stürzte am Donnerstag beim Training zum Hahnenkammrennen im Zielhang bei einem 70-Meter-Sprung; dort war 2008 bereits der Amerikaner Scott Macartney mit einem Schädel-Hirn-Trauma liegen geblieben.

Was ist an der Streif so besonders?

Das Rennen auf der Streif in Kitzbühel an diesem Samstag ist nicht bloß ein Rennen. Es ist Symbol für alles, was die alpine Abfahrt zum Ereignis macht. Die Streif steht für extreme Mutproben, für ein Medienspektakel, für Voyeure, die lustvoll Nervenkitzel empfinden, für Sponsoren und Zuschauermassen. Sie ist das gefährlichste Rennen im alpinen Skizirkus. Der US-Starabfahrer Daron Rahlves sagt: „Wenn du den Dämonen und deiner eigenen Angst ins Gesicht schauen und dich bis zum Maximum testen lassen willst, bist du in Kitzbühel am richtigen Platz.“

Schon am Start fällt ein Fahrer in die Tiefe, das Gefälle beträgt 70 Prozent. Nach sechs Sekunden ist er 100 Stundenkilometer schnell, dann fliegt er an der „Mausefalle“ bis zu 80 Meter weit, Gefälle 85 Prozent. Danach ein Steilhang, 62 Prozent Gefälle. So geht’s weiter, bis zum berüchtigten Zielhang. Alles auf blankem Eis. Stephan Eberharter, Olympiasieger, dreifacher Weltmeister aus Österreich sagt: „Bei meiner ersten Abfahrt auf der Streif hatte ich Todesangst.“ Er trat 2004 zurück.

Es sind genau diese Sprüche, die authentisch sind, aber die Streif zum Mythos hochjazzen. Die Streif ist der ultimative Höhepunkt in einem Spektakel namens Weltcup-Abfahrt, in dem es keine klare Aufteilung in Täter und Opfer gibt. Weltklasse-Fahrer sind keine klassischen Opfer, auch nicht auf der Streif. „Ski fahren können hier viele“, sagt Rahlves, „richtig rennfahren nur wenige“. Das wissen die 45 000 Zuschauer, die jedes Jahr zum Rennen kommen, die Sponsoren, die das 5,5- Millionen-Euro-Rennen mitfinanzieren, und die Leute vom Fernsehen, für die das Rennen ein Quotenhit ist und die möglichst spektakuläre Sprünge wünschen. „Die Veranstalter wollen, dass die Fahrer gefordert sind“, sagt der Österreicher Fritz Strobl, der auf der Streif den Streckenrekord hält. „Da wird mit der Präparierung bis an die Grenze gegangen.“

Eine Weltcup-Abfahrt ist eine Show, nichts anderes. „Die Zuschauer wollen Stürze sehen, davon lebt der Sport“, sagt Patrick Ortlieb, der frühere Abfahrts weltmeister aus Österreich. „Nur ernsthaft passieren sollte halt nichts.“ Dieser Satz symbolisiert die fast obszöne Gratwanderung: größtmöglicher Nervenkitzel bei maximaler Sicherheit. An den Strecken stehen immer mehr und bessere Fangzäune, die den direkten Aufprall stufenweise abbremsen. Die Mausefalle wird inzwischen mit einem riesigen Luftkissen abgesichert. Andererseits wurde die Streif zum Beispiel 2008 von oben bis unten vereist. Die Wellen wurden nicht geglättet, so dass die Strecke hart und ruppig war. Die Abfahrt ist immer ein Kampf ums Überleben, nur wird die Brutalität nicht immer so sichtbar wie auf der Streif. Das italienische Bormio gilt nach der Streif als gefährlichste Abfahrt der Welt. Im Dezember fand dort die Weltcup-Abfahrt statt, und der Österreicher Christoph Gruber sagte, es sei „lebensgefährlich“.

Welche Rolle spielt die Skitechnik?

Durch die Technik ist alles noch gefährlicher geworden. Vor ein paar Jahren rasten Abfahrer auf 2,20 Meter langen Skiern ins Tal, jetzt sind die Ski kürzer und tailliert. Diese Taillierung bedeutet, dass die Fahrer engere Kurven fahren können; so aber steigt der Druck auf den Körper. „Früher ist man durch Kurven gerutscht“, sagt Hubert Hoerterer, der langjährige Mannschaftsarzt der deutschen Ski-Nationalmannschaft. „Heute wirkt dort auf die Fahrer das Drei- bis Vierfache der Erdbeschleunigung. Diese Kräfte hält der Bewegungsapparat nicht mehr aus. Wir reden mittlerweile von Unfällen, die entstehen, weil das Skimaterial fast unkontrollierbar ist.“ Zudem werden Rennen fast nur noch auf den Kanten gefahren. Damit wird auch die Körperbeherrschung schwieriger. Und man fährt nicht mehr auf Schnee, sondern auf Eis und Kunstschnee. „Als Normalsterblicher können Sie auf so einem Untergrund nicht einen Schwung machen“, sagt Christian Neureuther, die deutsche Skilegende.

Was wird für mehr Sicherheit getan?

Die Verantwortlichen des Ski-Weltverbands reagieren auf diese technischen Entwicklungen. Sie entschärfen viele Pisten. Würden die Fahrer bei der Streif heute noch auf der gleichen Linie auf die Mausefalle zurasen wie Franz Klammer 1975, würden sie 100 Meter weit fliegen. Auch die längste Abfahrt des Weltcups, in Wengen, wurde entschärft. Aber alles hat Grenzen. Auf der Abfahrtsstrecke von Garmisch-Partenkirchen hatten die Veranstalter 2003 wieder den Seilbahnsprung eingeführt. Dieses natürliche Hindernis gab es früher schon, die Läufer sprangen zehn Meter weit. Dann integrierten ihn die Verantwortlichen wieder – das Fernsehen hatte Druck gemacht. Die Folge war eine verschärfte Version: An der Kante wurde ein Schanzentisch gebaut. Die Sprünge gingen nun 40 Meter weit. Aber nicht alle Fahrer gehen volles Risiko ein. Max Rauffer, der frühere deutsche Weltklasse-Abfahrer, sah auf der Streif mal einen, der seine Angst nicht überwinden konnte. Der Mann stieg im Startbereich aus der Gondel, blickte in die Tiefe und stieg dann wieder ein. „Er hatte meinen großen Respekt“, sagt Rauffer.

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