Zeitung Heute : Sklavenschiff auf Irrfahrt: Odyssee der Kinder

Christoph Link

Die Bucht von Guinea ist wegen ihres schwül-heißen Klimas berüchtigt. Unter den Missionaren der letzten Jahrhunderte galt sie als "Grab des weißen Mannes", weil hier viele von ihnen an tropischen Krankheiten starben. Durch diese Bucht also irrt seit inzwischen mehr als zwei Wochen ein Schiff, das unter nigerianischer Flagge fährt und den Namen "Etinero" trägt. Es hat eine Fracht geladen, die dem Kapitän inzwischen unbequem geworden sein dürfte: Es handelt sich um Kinderarbeiter, die vom bettelarmen Benin nach Kamerun und Gabun verschickt werden sollten.

Nachdem das Schiff, ein Seelenverkäufer im Wortsinn, tagelang verschollen war, wurde es gestern vor der Küste Äquatorialguineas gesichtet. Vor etwa einer Woche war es vom Hafen in Owendo abgewiesen worden, der nahe Libreville liegt, der Wirtschaftsmetropole des reichen Ölförderstaates Gabun. Am Donnerstag hatte die "Etinero" dann vergeblich versucht, im Hafen von Douala in Kamerun anzulegen.

Die Schilderungen über die Zahl der Kinder an Bord sind widersprüchlich - einmal ist von 30 die Rede, ein anderes Mal von 250. Eine Unicef-Mitarbeiterin in Libreville hat vom gabunesischen Transportminister die Auskunft erhalten, auf dem Schiff befänden sich 250 nigerianische Kinder. Vom Ursprungshafen Cotonou in Benin heißt es, die "Etinero" sei am 30. März mit 139 Passagieren, darunter sieben Kindern, abgefahren. Aber natürlich könnten die Sklaven auch unterwegs an Bord gekommen sein.

Im Hafen von Cotonou haben sich nun Mitarbeiter vom Roten Kreuz und vom Kinderhilfswerk Unicef postiert, die darauf warten, dass die "Etinero" an den Ausgangspunkt ihrer Reise zurückkommt. Die Helfer gehen davon aus, dass die sanitären Bedingungen miserabel sind und die Kinder nach der Odyssee krank und unterernährt sind - es heißt, es sei nur Proviant für vier Tage geladen gewesen. "Alle Welt wartet auf das Schiff, doch es antwortet nicht auf unsere Funkmeldungen", sagt Leutnant Charles Sègbey von der Hafenbehörde in Cotonou.

Ob die "Etinero" nun wie gehofft Kurs auf Cotonou nimmt, ist unklar. Der Kapitän, von dem gemunkelt wird, er sei ein Krimineller, könnte auch einen der sieben in Nigeria liegenden Häfen ansteuern. An einem großen Empfang durch Polizei und Hilfsorganisationen dürfte er jedenfalls nicht besonders interessiert sein.

Ein Kind kostet 30 Mark

Die Irrfahrt des Sklavenschiffs wirft ein Licht auf den in weiten Teilen Afrikas immer noch verbreiteten Handel mit Kinderarbeitern. Besonders in Mali und Benin verkaufen Familien ihre Kinder an durchreisende Agenten, die ihre Ware mitnehmen und auf den Kakaoplantagen in Kamerun und an der Elfenbeinküste weiterverkaufen. Gute Kunden sind auch die Privathaushalte in Gabun und Nigeria. Im Süden Benins bekommen Eltern für ihre Kinder umgerechnet 30 bis 45 Mark. Die Gewinnmarge der Menschenhändler ist denkbar groß: Sie verlangen pro Kind einen Preis von 600 bis 900 Mark.

Marc Béziat vom Komitee gegen die moderne Sklaverei (CCEM) weiß, dass der Sklavenhandel in Benin von "beachtlicher Größenordnung" ist. 1995, erzählt er, seien 117 Kinder an den Grenzen des Landes abgefangen worden, drei Jahre später seien es schon 1058 gewesen. Doch die Dunkelziffer derjenigen Kinder, die tatsächlich über die Grenze gebracht und verkauft werden, ist hoch. Gegen eine "Gebühr" drücken die Zollbeamten ebenso wie die Polizisten an den Straßenkontrollen ein Auge zu. Nur wenigen der Sklavenkinder gelingt es, in den Jahren der Gefangenschaft ein bisschen Geld zu sparen und nach Hause zurückzukehren.

In Benin ist der Sklavenhandel seit 1961 verboten; auf Kindesentführungen steht sogar die Todesstrafe. Gerade deshalb sorgen Hilfsorganisationen sich nun, der Kapitän der "Etinero" könne sich auf hoher See seiner jungen Passagiere entledigen.

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