Zeitung Heute : Skorpions

Scorpions

Kai Müller

Es ist ein Irrtum zu glauben, Michail Gorbatschow habe die Perestrojka verursacht. In Wirklichkeit ist das Sowjetimperium wegen eines 1, 68 Meter großen Zwergs zusammengebrochen. Obwohl klein, hatte er eine laute Stimme. Ein paar noch sehr viel lautere Gitarren hatte er auch. Diesem Lärm konnte selbst ein Weltreich nicht trotzen. Man weiß nie, was passiert, wenn Zwerge Rockmusik machen.

Schon 1985 hatte sich ein britischer Gentleman erlaubt, von den Sowjets als „Russen“ zu singen. Die Russen, das mussten Menschen sein, die ihre Kinder nicht weniger lieb hatten als wir, glaubte der ehemalige Englischlehrer, den sie jetzt Sting nannten.

Das Wort Perestrojka war da noch nicht erfunden. Niemand hatte eine Ahnung, wie das gehen sollte mit dem Kanonenbeiseiteschieben und Mauerabtragen. Abwarten und rührselige Popsongs schreiben war alles, was man auf dieser Seite der Welt dafür tun konnte. Bis der Zwerg kam. Mit seiner Band, den Scorpions, durfte er 1988 in die Sowjetunion einreisen und vor mehreren Hunderttausend Menschen auftreten. Rotarmisten sollen daraufhin „mit unvorschriftsmäßig geöffneter Uniformjacke“ in den Armen von „schwer vernieteten, lederbekleideten Hard-Rock-Fans“ gelegen und gemeinsam Feuerzeuge geschwungen haben. Das war das Ende. Schlimmer konnte es für den Sowjetstaat nicht kommen. Denn die Luft fegte nichts geringeres als der „Wind of Change“.

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