SKULPTURAugust Gaul und die Wannsee-Gärten : Der Löwenbändiger

Über seine Kunst kann man in Berlin beinahe stolpern. Ein Sandstein-Löwe von ihm steht im Kolonnadenhof vor der Alten Nationalgalerie, in der Wuhlheide balanciert sein Bronze-Bär auf einer Kugel, und der vergoldete Kupfer-Hirsch aus seiner Hand überragt auf einer Säule den Rudolf-Wilde- Park am Schöneberger Rathaus. August Gaul hat das Stadtbild geprägt wie vielleicht kein anderer Bildhauer. Aber seine Skulpturen, die fast immer ungefähr lebensgroße Tiere zeigen, fallen nicht weiter auf: weil sie so realistisch wirken.

Dabei war Gaul durchaus einmal ein Avantgardist. Eine Ausstellung in der Liebermann-Villa am Wannsee würdigt ihn als ersten modernen Bildhauer Deutschlands, der sich mit seinen auf die wesentlichen Formen reduzierten Werken vom Pomp des wilhelminischen Neobarock abwandte. Dabei profitiert die Ausstellung auch vom Genius Loci. Max Liebermann bekam 1909 von seiner Frau Martha Gauls Fischotterbrunnen geschenkt. Der Maler platzierte ihn am schönsten Platz seines Gartens, vor den Fliederbüschen. Die Nachbarn der umliegenden Villenkolonie Alsen liebten die Tierfiguren so sehr, dass ein ganzer Zoo von Gaul-Skulpturen entstand. Gaul war als Gründungsmitglied der Berliner Secession neben Liebermann einer der Künstler, die gegen die Salonkunst des Kaiserreichs rebellierten. Ironischerweise hatte er einige Jahre zu den Mitarbeitern des Erfolgsbildhauers Reinhold Begas gehört, der die Hohenzollern verherrlichte. Vom 1950 demontierten Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal am Berliner Stadtschloss überstanden nur zwei Löwengruppen Gauls die Zerstörung. Sie finden sich heute im Tierpark Friedrichsfelde. Christian Schröder

Liebermann-Villa am Wannsee, So 6. 11. bis Mo, 27.2., Mi-Mo 11-17 Uhr, 8 €, erm. 5 €

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