Zeitung Heute : Smalltalk bis der Arzt kommt

Elisabeth Binder

Immer wieder sonntags fragen Sie

Meine Zahnärztin fragt mich zu Beginn einer Sitzung regelmäßig, wie es mir geht. Muss ich sie auch fragen, wie es ihr geht, obwohl mich das überhaupt nicht interessiert?

Normalerweise ist es schon freundlich, wenn man die Frage nach dem Befinden mit einer Gegenfrage beantwortet. Man möchte dem Gesprächspartner ja nicht den Eindruck vermitteln, dass er einem schnurzegal ist. Andererseits kann ich auch verstehen, dass ein gewisser geheuchelter Automatismus auch störend wirken kann. Dieser gedankenlose Austausch von Floskeln, wie ihn besonders die Amerikaner zur Perfektion getrieben haben: „Hallo, wie geht’s?“ – „Danke großartig.“ – „Und wie geht’s Ihnen?“ – „Wunderbar!“ Das sagt alles und nichts. Dann gibt es wieder Leute, die fragen: „Wollen Sie das wirklich wissen?“ So eine Reaktion kann unhöflich wirken, weil sie die pädagogische Absicht verrät und den Adressaten bloßstellen will. Wer „Schlecht!“ sagt, meint das meist nicht ernst und ist dann schon ein bisschen unhöflich, denn er sollte sich mit einer Antwort über den Fragesteller auch nicht lustig machen. Ehrlich und akzeptabel sind Antworten wie „Ausbaufähig!“ oder „Optimierbar!“

Beim Arzt darf man bei dieser Frage getrost von einem echten professionellen Interesse ausgehen. Es gehört schließlich zu seinem Job, dass er auch verbal erkundet, wie es einem geht. Es besteht also keine Notwendigkeit, in den alten Höflichkeitstrott zu verfallen und zurückzufragen. Das könnte unter gewissen Umständen sogar komisch wirken. Allenfalls können Sie eine Antwort in Erwägung ziehen, die etwa so geht: „Ich hoffe, es geht Ihnen besser als mir, denn …“ Aber auch das könnte, je nach Tonlage, fast ein bisschen geschmacklos wirken. Antworten Sie so klar und knapp, wie möglich. Sie müssen also kein Interesse vorschützen. Andererseits lässt es auf eine menschenfreundliche Haltung schließen, wenn man sich dafür interessiert, wie sich andere fühlen.

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