Zeitung Heute : Smartes Landei im ideellen Gesamtkreuzberg

Der Tagesspiegel

Die Frage, weshalb ausgerechnet Radio Bremen eine Serie mit dem Titel „Berlin, Berlin“ produziert, lassen wir mal außen vor - vermutlich war das der einzige Weg, Brigitte Grothum und Günter Pfitzmann zu vermeiden und auch um Curth Flatow als Autor herumzukommen. Und vermutlich hätte das Ganze in München oder Leipzig nicht viel schlechter funktioniert, weil nämlich David Safier ein glänzender Drehbuchautor ist und Felicitas Woll eine Idealbesetzung für das taffe Landei namens Lolle. Was die ARD da in erst einmal 25 Folgen sendet, könnte sich zum Glücksfall im Vorabendprogramm entwickeln, zum Beweis, dass die Labertaschen von „GZSZ“ nicht längst das ganze Genre ruiniert haben

Dabei ist nicht einmal viel Neues im Spiel. Das Landmädchen mit dem unkaputtbar guten Herzen kennen wir aus der Linie 1, die grün umflorten Friedrichshainer Altbauten stehen für das ideelle Gesamtkreuzberg, in dem sich schon Anwalt Liebling zu Hause fühlte, und drunten rennen allerhand Lolas durch die Straßen; Lolle, die Hauptheldin, vorneweg. Dass dennoch etwas anderes, Klischeefreies, entstanden ist, liegt also an der bekömmlichen Zubereitung, daran, dass ein leichter, ironischer Ton zwischen Komödie und Drama angeschlagen wird, frei von Comedy-Albernheit und doch in innigem Kontakt mit dem Lebensgefühl der plusminus 20-Jährigen, an die sich die Serie richtet. Zuletzt - die Privaten können es ja auch - gelang das mit dem RTL-Glücksgriff „Mein Leben & Ich“, aber auch da war ja David Safier als Autor im Spiel, einer, der sich amerikanische Vorbilder genau angesehen und von ihnen Ökonomie und Präzision gelernt hat, ein Handwerker im besten Sinn. Inhaltlich hat er wenig geklaut von drüben, sieht man einmal von den kurzen Zeichentrick-Animationen ab, die uns ins Herz von Lolle blicken lassen, ganz wie bei Ally McBeal. Süß!

Felicitas Woll in der Hauptrolle fügt sich ideal in den leichten Ton der Serie. Sie macht keine Tragödie aus ihrem Liebeskummer, gibt das kulleräugige Landei sogar betont smart und schlagfertig, und selbst in ultrabrutalen Situationen lässt sie nur ganz sanft die Stimme flattern, beispielsweise, wenn ihr ein leibhaftiger Union-Fan anträgt, sie könne ja auch bei ihm übernachten. Ja, wir werden uns das weiter ansehen, schon wegen eines Satzes, der gleich am Anfang kommt: „Ich will aber keine Journalistin werden.“ Auf den warten wir im medienbesoffenen Deutschland, wo offenbar alle Journalisten werden wollen müssen, seit etwa 20 Jahren. (Immer montags, 18 Uhr 25, ARD-Vorabendprogramm). bm

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