Zeitung Heute : Sneakers – hoch geschnürt

Schwule setzen Mode-Trends von morgen

Ulf Lippitz

Eine der populärsten Sendungen im amerikanischen Fernsehen heißt „Queer Eye For The Straight Guy“. In der Show versuchen fünf schwule Männer einem heterosexuellen Zeitgenossen beizubringen, was er in Sachen Stil, Mode und Design bisher versäumt hat. Er lernt, dass ein Stapel schwarzer T-Shirts keine Mode-Kollektion und Muttis Mobiliar kein Einrichtungsplus ist. Ziel der Mission: den Reiz des Kandidaten bei der weiblichen Bevölkerung zu erhöhen. In den USA nennt man das ein „gay makeover“ – denn schwule Männer gelten als gepflegt und modisch, als Trendsetter schlechthin.

Die schwule Experimentierfreudigkeit brachte bereits unterschiedlichste Trends in den Mainstream: die engen T-Shirts in den 90ern, danach die Militärklamotten, bedruckte T-Shirts oder rosa Polo-Hemden. Schwule haben keine Angst vor ungewöhnlichen Farben und ausgefallenen Formen in der Mode. Im Marketing hat man das längst erkannt – und wirbt gerne mit homoerotisch angelegter Ästhetik.

Die persönliche Eleganz ist das Ergebnis einer kollektiven Biografie, meinen Sozialwissenschaftler. Die meisten Schwulen erleben in der Pubertät eine Zeit der Abgrenzung. Sie finden sich nicht im Erfahrungsrahmen der Mehrheit wieder. Nach dem Coming-Out, der Phase des Sich-Selbst-Entdeckens, folgt die Phase des Sich-Selbst-Erfindens. Wer am Rand steht, fordert nun seinen Platz in der Mitte – und da das nicht mit traditionell heterosexuellen Qualitäten wie Fußballspielen oder Frauengeschichten gelingt, hilft das schicke Outfit nach.

Dabei frönen homosexuelle Männer einem Hedonismus, der kulturell weit zurückreicht. Oscar Wilde polarisierte vor über 100 Jahren als ästhetischer Paradiesvogel, in den 70ern führten die Selbstinszenierungen der New Yorker Disco-Kultur die Tradition fort, und heute: Muskelshirt, tief sitzende Hosen und hoch geschnürte Sneakers gehören zur Standardausrüstung einer Partynacht. Damit treffen schwule Männer mit den visuellen Karriere-Vorstellungen von Madonna, Kylie und Britney überein – die von schwulen Stylisten beraten werden. Diese Damen wissen das „gay makeover“ erfolgreich hinter sich.

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