Zeitung Heute : So ein Theater: Johanna: "Ich bin die Königin vom Potsdam"

Susanna Nieder

Johanna ist zehn Jahre alt. In ihrer Freizeit flitzt sie am liebsten auf Rollerskates durch die Gegend. Sie geht in die 4. Klasse und findet Mathe doof. Wenn Schule ist, hätte sie gerne Ferien. Aber wenn Ferien sind, wünscht sie sich, dass die Schule anfängt. Denn Johanna wohnt mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Schwester in einem Asylbewerberheim. Und da ist es ganz schön langweilig.

Ein Asylbewerberheim ist ein großes Haus, in dem Familien aus verschiedenen Ländern leben. Manche sind nach Deutschland gekommen, weil bei ihnen zu Hause Krieg ist. Andere haben Schwierigkeiten mit der Regierung in ihrem Land und müssen befürchten, dass man ihnen etwas Schlimmes antut. Deshalb möchten sie hier leben. Das geht aber nicht so einfach, denn jedes Land hat Regeln, wer dort wohnen darf und wer nicht. Und solange geprüft wird, ob ein Asylbewerber diese Regeln erfüllt, muss er im Asylbewerberheim wohnen.

In der Freizeit ist dort nicht viel los. Aber in den Sommerferien hat Johanna etwas entdeckt, das genauso viel Spaß macht wie Rollerskaten: Theater spielen. Da war sie nämlich mit anderen Kindern aus ihrem Heim bei einem Workshop im Waldschloss.

Das Waldschloss ist ein altes Haus, wo es allerhand interessante Veranstaltungen für Kinder gibt. Dort haben Johanna und ihre Freunde gelernt, dass Theater aus vielen Dingen besteht. Jemand malt das Bühnenbild, Requisiten werden gebaut und Kostüme genäht. Licht und Musik spielen eine wichtige Rolle und Wörter, denn schließlich soll ja eine Geschichte erzählt werden.

Das Wichtigste sind die Schauspieler. Das dachte sich auch Johanna, setzte einen Hut auf, stieg auf die Bühne und spielte drauflos. "Sie war gleich die Königin", sagt Stefan, einer der Betreuer vom Waldschloss.

Es ist nämlich so, dass im Theater etwas mit den Menschen passiert. Diejenigen, die auf der Bühne stehen, verwandeln sich. Und die, die zuschauen, spüren plötzlich Angst oder Freude und wollen, dass der Königssohn die Prinzessin bekommt und dass die böse Hexe bestraft wird. Im Theater können sich Menschen Geschichten erzählen. Wenn jemand von weit her kommt, ist das umso besser, denn dadurch wird die ganze Sache noch spannender. Am besten ist es dann, wenn man merkt: Die Menschen auf der Welt sprechen verschiedene Sprachen, essen verschiedene Speisen und sehen unterschiedlich aus. Trotzdem haben sie sich viel zu erzählen. Oder vielleicht gerade deshalb.

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