Zeitung Heute : So einfach wie sprechen

Spielend leicht – die Spracherkennungsprogramme von Dieu Hao Abitz, Berlins Unternehmerin des Jahres, bewältigen viele Idiome

Patricia Hecht
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Dieu Hao Abitz sitzt vor ihrem Computer, trägt ein Headset und sagt: „Briefkopf, bitte.“ Auf dem Computer öffnet sich der Briefkopf ihres Unternehmens. Sie diktiert eine Adresse und einige freundliche Zeilen an einen Kunden. Alles erscheint sofort als Text auf dem Bildschirm – schneller, als es handschriftlich der Fall gewesen wäre.

Abitz ist Gründerin von „Abitz.com“, einem Unternehmen, das IT-Lösungen rund um Sprache anbietet. Die Produktpalette reicht von digitaler Schrift- und Spracherkennungssoftware über elektronische Wörterbücher bis hin zu automatischen Übersetzungsprogrammen. Insgesamt werden mehr als 600 Soft- und Hardwareprodukte auf der Website angeboten, sieben feste und freie Mitarbeiter sind angestellt. „Wir sind nicht sehr groß“, sagt Abitz, „aber auf unserem Gebiet gehören wir zu den Besten.“

Abitz, 56, ist in Vietnam geboren und wuchs mit vier Geschwistern in Saigon auf. Als der Krieg 1968 eskalierte, fanden in Berlin Infoveranstaltungen im Amerikahaus statt, an denen ihr künftiger Mann teilnahm. Per Aushang in der Vietnamesisch-Amerikanischen Gesellschaft in Saigon wurde Dieu Hao Abitz darauf aufmerksam, dass ein Berliner Physikstudent direktere Informationen aus dem Land suchte – und schrieb einen ersten Brief. „Mit der guten alten Post“, sagt sie und lacht, „E-Mails gab es schließlich noch nicht.“ 1971 heirateten die beiden; Dieu Hao Abitz zog nach Neukölln.

Sie studierte Chemie an der TU, wo sie einen der ersten Computer sah: „Das Ding stand da und döste vor sich hin, weil keiner damit umgehen konnte.“ Sie hingegen fand es faszinierend. Nachdem sie festgestellt hatte, dass Laborarbeit, die oft Nachtschichten erfordert, für eine junge Mutter zweier Töchter ohnehin kaum funktionierte, legte sie sich einen Computer zu. Im Gegensatz zu chemischen Experimenten konnte sie den an- und abschalten, wann sie wollte. Außerdem, sagt die zierliche und elegante Frau heute, habe sie gedacht: „Hier liegt die Zukunft.“

Sie baute den PC auseinander und wieder zusammen, um ihn zu verstehen, formatierte Festplatten und belegte Weiterbildungen. Ende der Achtziger machte sie sich als Programmiererin in der männerdominierten Computerbranche selbstständig. Ein Freund aus den USA hatte währenddessen eine Software für das damalige DOS-System entwickelt, mit dem sich wie bislang neben deutschen oder englischen auch kyrillische oder serbische Schriften mit Sonderzeichen verwenden ließen. Abitz übernahm den Vetrieb des Produkts in Deutschland – der Grundstein ihrer Firma. Bald machte sie sich einen Namen mit dem Programmieren und dem Vertrieb von Sprachsoftware.

Der Fall der Mauer war für das junge Unternehmen ein Glücksfall: Osteuropäische Märkte öffneten sich. Die Nachfrage nach Sprachprogrammen wuchs, so dass sie Mitarbeiter einstellte. Erst mit der Umstellung von DOS auf Windows kamen Probleme: „Abitz.com“ hatte keine Produkte für das neue Betriebssystem. Und mit den großen Herstellern, die auf den Markt drängten und mit viel Kapital an neuen Programmen arbeiteten, „konnten wir nicht mithalten“. Dieu Hao Abitz konzentrierte sich mit ihrer Firma also auf Vertrieb, Dienstleistungen und Service. Programmiert werden heute nur noch Spezifizierungen: Ein Spracherkennungsprodukt etwa arbeitet mit 400 000 Wörtern. Abitz und ihre Leute, darunter neben Programmierern auch Linguisten, füttern die Programme mit Fachvokabular. Für verschiedene Behörden, wie etwa das Neuköllner Bezirksamt oder das Landesamt für Gesundheit und Soziales, sichtete Abitz mehrere Gigabyte Dokumente, um dem Programm die gebräuchlichen Wörter beizubringen. Die gesamten Berliner Straßennamen werden etwa erkannt, außerdem natürlich Namen von Politikern. „Ein Brief an Herrn Wowereit ist mit der Software kein Problem“, sagt Abitz.

Neben Ämtern hat sie insbesondere Kunden, die viel schreiben – Pressestellen oder Anwaltsbüros etwa. Auch für Behinderte bietet sich die Spracherkennung an, weil man kaum manuell arbeiten muss. Charité-Mitarbeiter nutzen die Produkte, Thyssen-Krupp und die Max-Planck-Institute. Eine von Abitz in Auftrag gegebene Studie der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft hat den Einsatz der digitalen Spracherkennung getestet: Nach einer Eingewöhnungsphase brauchten die Mitarbeiter in Behörden bis zu 75 Prozent weniger Zeit, um ihren Schriftverkehr zu erledigen.

2006 wurde Abitz Berliner Unternehmerin des Jahres. Bis dahin, sagt sie, lief der Vertrieb fast nur übers Netz – seitdem jedoch kommen immer mehr Kunden, um sich vor Ort beraten zu lassen. Dieses Jahr eröffnete sie einen neuen Standort in Rudow, in dem sie Besucher empfängt und monatlich Informationsveranstaltungen anbietet.

Was die Vielfalt der Sprachen angeht, hat „Abitz.com“ etwa im Bereich der Lernsoftware eine große Auswahl: „Von Arabisch bis Zulu ist alles dabei“, sagt Abitz – Vietnamesisch natürlich ebenfalls. In Vietnam allerdings war Dieu Hao Abitz seit ihrer Hochzeit vor 35 Jahren kein einziges Mal mehr. Ihre Familie flüchtete wegen des Kriegs in die USA und wohnt nun dort. Sie selbst, sagt Abitz, sei mittlerweile ohnehin Berlinerin geworden.

www.abitz.com

Wir sind nicht sehr groß, aber auf unserem Gebiet gehören wir zu den Besten. Abitz.com bietet etwa im Bereich der Lernsoftware eine große Auswahl: Von Arabisch bis Zulu ist alles dabei.“

Dieu Hao Abitz, Gründerin von Abitz.com

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