Zeitung Heute : So, Future

Andreas Forte war Punk, trank, saß mal im Knast. Seine alten Freunde hat er noch, aber er lebt jetzt ein ruhigeres Leben. Am Wochenende will er Bürgermeister von Elmshorn werden

Rieke Beckwermert[Elmshorn]

Er muss seinen Namen buchstabieren, vielleicht ist das schon ein schlechtes Zeichen. F-O-R-T-E. Forte, wie eine hohe Dosis Medizin. Forte, wie laute Musik. Es ändert nichts, die junge Frau, die vor ihm steht, hat noch nie von ihm gehört. Er ist verblüfft. So was ist ihm seit zehn Jahren nicht mehr passiert.

Kaum fängt er an, seinen Stand in der Fußgängerzone aufzubauen, halten die Passanten inne. Manche schütteln den Kopf. Der schon wieder, sagen ihre Blicke. Macht sich wieder wichtig. Da steht er, Andreas Forte, 37 Jahre alt, parteilos, in schwarzer Trainingsjacke, kurzer abgeschnittener Jeans. Seine blondierten Fusselhaare kräuseln sich unter der Kapuze, das Pink der vergangenen Wochen ist schon ausgewaschen. Gut gelaunt redet er auf die Menschen ein.

„Und für was bist du?“, fragt eine junge Blonde. „Für dich!“, sagt er, lächelt. „Meine Stimme hast du“, flötet sie zurück.

Stimmen braucht er. Am Sonntag wählt Elmshorn, Schleswig-Holstein, seinen Bürgermeister. Andreas Forte will demnächst die kleine Stadt nordwestlich von Hamburg regieren. Er will die SPD-Bürgermeisterin Brigitte Fronzek ablösen.

Ausgerechnet er. Der „Punker“, sagen die Elmshorner. Der „Randständige“, sagt die Polizei, einer, der mit seiner fragwürdigen Prominenz Obdachlose, Säufer und andere Süchtige anlockt. „Ein Mensch“, sagen viele Hartz-IV-Empfänger und meinen ihren Streetworker. Endlich einer, der sich für sie einsetzt.

An diesem Tag beginnt Fortes Wahlkampf damit, dass er sich an der engsten Stelle der Elmshorner Fußgängerzone mit seiner mobilen Wahlkampfeinheit einrichtet. Wackliger Plastikstehtisch, blaues Frotteehandtuch, gelbe Chrysantheme, dazu ein rauchender Freund namens Lars. „Hier“, sagt Forte, „kann ich die Leute besser abfangen.“ Die Konkurrentin hat Plakate kleben lassen, die sie als „kompetent, menschlich, fair“ anpreisen. Forte klebt zwei Din-A4-Zettel an die Wand hinter sich. Auf dem einen steht in fetter Druckerschwärze „Forte“, auf dem anderen „und gut“. Bis zur Wahl wird er täglich Flyer verteilen, auf denen er ankündigt: „Neues vom Bürgermeister der Herzen.“ Mehr Bürgernähe, mehr Toleranz, das will er bieten. Und Taten statt Worte. Wie die genau aussehen können? Da flüchtet sich der Kandidat gern in Phrasen. „Der Bürgermeister ist ja eher ein Repräsentant.“ Ein Grund, warum mancher Kommunalpolitiker hier in Fortes Kandidatur kaum mehr als einen Gag sieht.

Dabei ist es nicht sein erster Versuch. 2001 schockte Forte seine Heimatstadt. Er war 31 Jahre alt, trug ein Nietenband am Hals, einen Irokesenkamm auf dem Kopf und ein provozierendes Grinsen im Gesicht. Er trieb den damaligen Innenminister von Schleswig-Holstein, Klaus Buß, zu scharfen Äußerungen: Die Zulassung des Kandidaten sei „rechtswidrig und eindeutig vorsätzliche Rechtsbeugung“, und wenn sie für den Ausgang der Wahl relevant sei, müsse er sie für ungültig erklären. Forte sollte wegen mangelhafter verwaltungsrechtlicher Erfahrung ausgeschlossen werden. Den Kreiswahlausschuss ließ das kalt.

Dieses Mal musste Forte für die Zulassung als Parteiloser 195 Unterschriften sammeln. Es gibt noch einen dritten Kandidaten, einen Erzieher, der als chancenlos gilt. Forte dagegen mobilisiert angeblich auch CDU-Senioren. Die CDU hat trotz intensiver Bemühungen keinen geeigneten Bewerber gefunden. Offiziell will die CDU niemanden unterstützen. Aber die SPD-Frau ist schon seit zehn Jahren im Amt, obwohl die Union stärkste Partei im Stadtrat ist.

Ein mürrischer Rentner steuert auf Fortes Stehtisch zu, mustert ihn gründlich. „Informationen zur Bürgermeisterwahl“, damit hatte der Punk ihn angelockt.

„Und wer kandidiert?“ – „Ich.“

„Soso. Haben Sie denn die nötige Ausbildung?“ – „Die muss man heute nicht mehr vorweisen.“

„Und was ist mit Verwaltungsfachkenntnissen?“ – „Auch die nicht.“

„Na ja. Ich bin ja nicht von hier.“ Der Mann trottet davon. Für seine Kritiker hat Forte eine Standardantwort. „Am Ende entscheidet immer der Bürger.“ Bei der Direktwahl vor sechs Jahren entschied der Bürger: 8,1 Prozent für Forte. Auf die „Komma eins“ Prozent besteht der Kandidat. Ein beachtliches Ergebnis. Aber um die Stadt „nach vorn zu bringen“, wie er es verspricht, bräuchte er dieses Mal deutlich mehr. „Warum nicht?“, sagt Forte, „in Elmshorn hat sich doch nichts geändert.“

Elmshorn, 50 000 Einwohner. Die Krückau fließt durch die glanzlose Innenstadt. Dass Elmshorn nur wenige Kilometer von Hamburg entfernt liegt, lässt sich an der hohen Kriminalitätsrate ablesen, heißt es bei der Polizei. In Elmshorn werden Deutschlands bekannteste Haferflocken gewalzt, wurde Koch-Entertainer Tim Mälzer geboren, wuchs Ex-Tennis-Profi Michael Stich auf. Aber sonst?

Andreas Forte mag seine Stadt. Er kennt viele Menschen, weiß, welche Häuser unter Denkmalschutz stehen und warum sie abgerissen werden sollen. Und dass er dagegen ist. Das findet das alte Mütterchen mit dem Gehwagen gut, da lässt es sich gern einen von Fortes Bürgermeister-Briefen in den Korb stecken. Forte schreibt, dass er um billigen Wohnraum für Hartz-IV-Empfänger kämpfen will, um eine Verschönerung der Innenstadt, der Spielplätze, der Parks. Dass die Maßnahmen von den Menschen entschieden werden sollten. Vorschläge, die auch örtliche Polizisten loben. Nur: Es fehle an der nötigen Durchsetzungskraft.

Forte hat Ideen, Forte hat kaum Geld. Vielleicht ist das der Grund, warum er seine Glaubwürdigkeit bei den Elmshorner Punks behalten hat. Für Menschen wie Lars, den arbeitslosen Koch, ist er ein Vorbild. Lars sitzt auf einem Klappstuhl neben dem Wahlkampftisch. Warum er mit Forte befreundet ist? „Passt halt.“

Forte ist einer von ihnen, aber einer, der es geschafft hat. Vor zehn Jahren lungerte er täglich bei den Punks am Bahnhof herum, ohne Ausbildung, ohne Perspektive. Wusste nicht wohin mit seiner Energie. Trank. Saß mal wegen Einbruchdiebstahls hinter Gittern, war obdachlos. Kriegt die Kurve. Setzt seinen Kopf und eine Anwältin ein, bringt 1999 eine Satzung gerichtlich zu Fall. Darin will die Bürgermeisterin das „Niederlassen zum Alkoholgenuss außerhalb zugelassener Freisitzanlagen von Gaststätten“ verbieten. Das neue Wegerecht soll Forte und seine Freunde vom öffentlichen Trinken abhalten. Das Oberverwaltungsgericht in Schleswig weist Bürgermeisterin Brigitte Fronzek zurecht: falsches Rechtsgebiet, schwammige Formulierung. Es ist Fortes erster Sieg über die Bürgermeisterin.

Dann bekommt er einen Job als Streetworker, ist indirekt bei der Stadt angestellt. Plötzlich interessieren sich Frauen für ihn. Heute ist er mit einer Arzthelferin verheiratet, hat zwei Kinder und ein Haus im Dorf vor der Stadt, auf Kredit. Der Irokesenschnitt ist kurzen Stoppeln gewichen. Manch einer sagt, er sei sehr normal geworden.

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