Zeitung Heute : So hoch wollen sie leben

Marc Deckert

Vom richtigen Standort betrachtet ist New York immer noch New York. Wer von Long Island City oder Greenpoint über den East River nach Manhattan blickt, sieht in der Ferne sofort den beruhigenden Umriss des Empire State Buildings und die hohen Türme Midtown Manhattans - die silbern-funkelnde Art-Deco-Spitze des Chrysler Buildings, den Citycorp-Wolkenkratzer und als jüngsten Ankömmling den riesenhaften Trump World Tower am Flussufer. Auch der Central Park ist in diesen Tagen ein guter Standort. Von dort aus bietet sich der vertraute Anblick: Über den Bäumen ragen die Wolkenkratzer und Apartmenthäuser in einer Reihe empor, wie die Latten eines überdimensionalen Zauns. Es gibt aber auch schlechte Orte. Man kann nur davor warnen, zurzeit die Fähre nach Staten Island zu benutzen, denn je weiter man sich auf dem Wasser von der Südspitze Manhattans entfernt, desto trauriger wird das Panorama. Die große klaffende Lücke in der Skyline wird mit zunehmender Entfernung immer deutlicher - und am Ende schmaler Häuserschluchten zeigen sich vereinzelt die Kräne, die auf Ground Zero stehen. Auch wer versucht, sich auf die verbleibende Skyline zu konzentrieren, wird enttäuscht, denn der Blick bleibt einfach nirgendwo haften. Es fehlt der Wiedererkennungseffekt - von hier aus gesehen gibt es kaum etwas Charakteristisches an den Gebäuden Lower Manhattans. Zu einförmig und gesichtslos sehen die Türme aus, vielleicht einmal abgesehen von der Spitze des eleganten Woolworth Building. Wäre da nicht die Form der Insel, man könnte meinen, die Skyline von Boston, Denver oder Toronto zu betrachten.

Der Blick aus dieser Richtung zeigt, dass die Anschläge vom 11. September nicht nur ein klaffendes Loch, sondern eigentlich zwei Löcher hinterlassen haben. Das eine befindet sich am Boden und heißt "Ground Zero". Das andere befindet sich hoch oben in der Luft und hat keinen Namen. Es ist die Leerstelle in der Skyline, wo jene beiden Türme, die kultivierten New Yorkern in den 70er Jahren noch wie plumpe Ungeheuer vorgekommen waren, heute von den meisten vermisst werden. Im Weihnachtsgeschäft waren Schwarzweißfotos der alten Skyline an allen Straßenständen ein Verkaufsrenner. Ebenso die Coffeetable-Bildbände mit Wolkenkratzer-Motiven, die bei Barnes & Noble in dicken Stapeln herumlagen.

Vom Ende der Wolkenkratzer ist daher jetzt allenorts zu lesen. Aber ist das wirklich so? Zwar stimmt es, dass auf Ground Zero nun allem Anschein nach eine möglichst pragmatische und schnelle Lösung angestrebt wird, die keinen Spielraum für Abenteuer lässt. Doch wenn man sich zu sehr auf Ground Zero konzentriert, übersieht man, dass an anderer Stelle waghalsige Bauten in die Skyline hinaufstoßen und so das Gesicht New Yorks verändern werden: An der achten Avenue wird ab 2003 das von Renzo Piano entworfene neue Hauptquartier der "New York Times" entstehen - ein Turm, um dessen Glasfassade sich ein halbtransparentes Gespinst weißer Keramikstäbe zieht, das gleichsam eine zarte Außenhaut bildet. Der ungewöhnlich schöne Turm ist das größte Bauprojekt, das nach dem 11. September enthüllt wurde. Die Architekturkritik feiert Pianos Entwurf begeistert; das Gebäude wird aber nicht nur hinreißend gut aussehen, sondern mit 348 Metern bis zur Mastspitze auch höher als das Chrysler Building sein. Vom Ende der Wolkenkratzer kann also keine Rede sein.

1 Central Park

An einer anderen Ecke der achten Avenue baut Sir Norman Foster für den Hearst Verlag einen 42 Stockwerke hohen Schaft aus Glas und Stahlfacetten. Fosters Turm nutzt das bisherige Verlagshaus, einen plumpen Art-Déco-Bau aus den 20er-Jahren als Unterbau. Bei Nacht soll das neue "Parabuilding" wie ein leuchtender Kristallstab wirken. Fosters Turm werde "offenbaren, dass Architektur immer noch eine Möglichkeit in New York ist", jubelte Herbert Muschamp, Architekturkritiker der "New York Times". Und: "Darauf hat die Skyline gewartet."

Weniger schön, aber dafür gewaltig wird wohl die neue Zentrale des AOL Time Warner Konzerns ausfallen, die sich am Columbus Circle bereits im Bau befindet. An der Südwestspitze des Central Parks wird sie in nächster Nähe zum "Trump International Hotel & Tower" stehen und die feine Adresse "1 Central Park" bekommen. Statt einem Turm genehmigt sich der größte Medienkonzern der Welt Zwillingstürme, die schon jetzt auf einer überdimensionalen Werbetafel über dem Columbus Circle zu sehen sind. Die zukünftigen Mieter für die oberen Stockwerke werden mit dem Slogan "five star living at the center of everything" angelockt. Ebenfalls hoch, aber wohl noch in diesem Jahr bezugsfertig sind die Adressen 425 Fifth Avenue, ein elegant aussehender Apartment-Turm mit Kalkstein-Fassade, das gläserne Westin Hotel am Times Square und die neue Zentrale der Bertelsmann-Tochter Random House an der Ecke Broadway und 56. Straße.

Interessant an diesen Projekten ist zweierlei: Je leidenschaftsloser die Diskussion um die zukünftige Nutzung von Ground Zero unter Leitung der Wiederaufbaubehörde und Bürgermeister Bloombergs geführt wird, desto mehr verlagern sich die Träume auf andere Großbaustellen in Manhattan. Und je größer die Befürchtungen werden, dass auf Ground Zero anstatt neuer Wahrzeichen eine Art anonymer "Corporate Architecture" entsteht, desto größer ist die Freude darüber, dass es noch große Firmen gibt, die ihre Büroflächen in New York ehrgeizig in die Höhe schießen lassen.

In New York einen Wolkenkratzer zu bauen, sei immer noch für jeden Architekten ein Traum, hat der französische Architekt Jean Nouvel unlängst dem Magazin "Talk" verraten. Und tatsächlich haben sich in den letzten Jahren verstärkt Namen aus der A-Liste zu Wort gemeldet, wenn es um neue Hochhausprojekte in Manhattan ging. Dabei haben nur einige wenige Projekte eine Chance, realisiert zu werden. Wer glaubt, es sei in New York leichter, ein hohes Haus durchzusetzen, irrt sich leider: Die Genehmigungsverfahren sind bürokratisch, die "zoning codes" streng. So kämpfte der 95-jährige Philip Johnson im vergangenen Jahr vergeblich um seinen Entwurf eines Apartment-Turms in Soho, der von Kritikern als ausgesprochene Schönheit gelobt wurde. Die Fassade des kubistisch aussehenden Turmes wurde von überlappenden Trapezen gebildet, welche die Brauntöne der Häuser in der Umgebung aufnahmen. Leider war Johnsons schlanker Turm den Behörden für die traditionell von Brownstone-Gebäuden mit Feuertreppen dominierte Gegend zu hoch. Ebenso unglücklich endete im vergangenen Jahr das viel versprechende Zusammentreffen zweier Stararchitekten: Rem Kohlhaas und Jaques Herzog arbeiteten gemeinsam am Modell eines Hotel-Turms, der dem belebten Astor Place im East Village ein neues Wahrzeichen verpassen sollte: im Sommer provozierte der Entwurf euphorische Reaktionen, von der "New York Times" wurde er bildhaft als "gigantisches Paar Hosen mit asymmetrischen Beinen" beschrieben. Nach wenigen Monaten begrub Auftraggeber Ian Schrager die Pläne allerdings still und heimlich, weil er den gewagten Entwurf nicht mehr kommerziell genug fand.

Auch andere Architekten haben in New York noch unerfüllte Hochhaus-Träume: Einer der Mitbewerber um den Auftrag für den neuen New-York-Times-Tower war Frank Gehry, der rund eine Million Dollar für seinen Entwurf ausgegeben haben soll, sich aber kurz vor der Entscheidung aus dem Wettbewerb zurückzog. Bislang hat Gehry, der Schöpfer des kultisch verehrten Guggenheim Museums in Bilbao, noch kein realisiertes Großprojekt in New York vorzuweisen - auch seine Pläne für ein gigantisches neues Guggenheim am Ufer des East River liegen seit dem 11. September vorerst auf Eis. Bauherren-Kleinmut, wankende Investoren und die Rezession sind auch in New York der größte Feind der Architektur. Doch obwohl einige der ambitionierten Traumhäuser nicht gebaut werden, gibt es noch genügend positive Visionen für die Skyline. Der Autor und Experte Jonathan Mahler spricht sogar von einer "radikalen Wiedergeburt", die die Stadt gerade durchmache. Oft steckt ein öffentlicher Auftraggeber hinter einem großen Wurf: so wie bei Billie Tsiens vor kurzem eröffneten "Museum of Folk Art", Peter Eisenmans wirbelndem "Staten Island Institute of Arts and Sciences" oder Raimund Abrahams Österreichischem Kulturinstitut in Midtown, das wie eine 20-stöckige Kreuzung aus Osterinsel-Skulptur und Jedi-Schulungszentrum aussieht.

Himmel über New York

Auch für den Hochhausbau sind die Zeichen - mit kleinen Einschränkungen - derzeit wieder positiv: zwar scheint es nicht gerade opportun, aus der New Yorker Börse einen 250 Meter hohen Glasturm zu machen, wie ihn David Childs von Skidmore, Owings & Merrill vor dem September vorgeschlagen hatte. Da wäre die Einladung für Terroristen kaum zu übersehen. Und auch die Ära der Superwolkenkratzer scheint in den USA endgültig vorbei zu sein. Viele Vernunftargumente sprechen gegen Riesen wie die alten Twin Towers: allein schon das Verhältnis zwischen Bürofläche und Aufzügen droht bei über 50 Stockwerken unwirtschaftlich zu werden. Doch Projekte wie Renzo Pianos hoher und eleganter New-York-Times-Turm zeigen, dass die Skyline Manhattans noch lange nicht vollendet ist. Bei der öffentlichen Präsentation des Projekts im Dezember schwärmte der Maestro aus Genua von Bauten, die "Leichtigkeit" und "Transparenz" ausstrahlen. Und tatsächlich ist die zarte, changierende Keramik-Haut seines Turms, schon wieder eine Abkehr von jenem Festungsbau, der gerade angeraten scheint. Man ahnt, dass das weißlich-graue Gebäude vor einem bedeckten New Yorker Himmel wie ein Nebelhauch aussehen wird. Oder mit Pianos Worten: "Von außen nach innen und von innen nach außen bekommt man das Gefühl von Durchlässigkeit." So ein Zitat könnte nach dem 11. September leicht böswillig interpretiert werden. Doch der Mut des Projekts verdient Respekt. So räumt auch der "New Yorker" ein, dass nach dem 11. September nichts leichter gewesen wäre, als "das Glaszelt einfach zusammenzufalten, Piano nach Genua heimzuschicken und etwas Gewöhnliches oder einfach gar nichts zu bauen." Es ist nicht passiert und das ist ein positives Signal für die Stadt und die New Yorker, die nun Bauwerke für die Seele brauchen. Der Architekt jedenfalls hat das bewusst berücksichtigt: Piano setzte seinem Gebäude eine Antenne auf, die keine technische Funktion hat, sich aber dafür sanft im Wind wiegen soll. Erstaunten Fragern erklärte Pianos Partner Bruce Fowle den Sinn des Gimmicks: "Der Mast ist eine kinetische Skulptur. Renzo sagt, das gibt einem etwas zum Liebhaben."

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