Zeitung Heute : So ist’s Recht

Die Ausbildung soll Soldaten auch auf Grenzerfahrungen vorbereiten – die Übungen sind streng geregelt

Robert Birnbaum

Verteidigungsminister Struck hat die rückhaltlose Aufklärung der Misshandlungen von Bundeswehrsoldaten angekündigt. Was ist in Ausbildungskompanien erlaubt, was ist grundsätzlich verboten?

Die Geiselnahme wird angekündigt. Kein vermummter Ausbilder bricht im Bundeswehr-Ausbildungszentrum Hammelburg oder im Gefechtsübungszentrum bei Magdeburg unvermittelt aus dem Busch, verschleppt ahnungslose Soldaten in finstere Keller und übt ein bisschen foltern. Die Geländestation „Verhalten bei Gefangennahme/Geiselnahme“ ist eine von vielen in der Zusatzausbildung, die jeder Bundeswehrsoldat absolviert, bevor er in einen Auslandseinsatz geschickt wird. Es ist keine einfache Station, weil sie an die Psyche geht. Aber es ist eine Station mit Regeln, Ge- und Verboten: Geiselhaft nach Dienstvorschrift.

„Stromschläge sind natürlich völlig inakzeptabel“, sagt Oberst Wolfgang Fett. Auch über andere der rüden Praktiken, mit denen Rekruten in der Freiherr-vom-Stein-Kaserne in Coesfeld traktiert wurden, kann der Chef des Heeres-Pressezentrums in Koblenz nur den Kopf schütteln. Schon dass Rekruten in der Grundausbildung einer Geiselübung ausgesetzt wurden, verstößt klar gegen das Reglement. Zwar hat Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan „einsatznäheres“ Training auch in der Grundausbildung ausdrücklich angewiesen. Aber Geiselnahme steht erst seit dem 1. Oktober auf dem Grundlehrplan – und dort nur theoretisch. „Soldaten sollen wissen, dass solche Situationen später einmal auf sie zukommen können“, sagt Fett. Deshalb wird das Thema im Unterricht angesprochen, wird über Szenarios und Verhaltensweisen geredet. Aber eben nur geredet. Die Praxis ist ausdrücklich der späteren, konkreten Einsatzvorbereitung vorbehalten.

Dort unterliegt sie einem recht detaillierten, im Januar festgelegten und im Lauf des Jahres an etlichen Punkten verschärften Reglement. An der Ausarbeitung der Übungsregeln waren Psychologen, aber auch Militärgeistliche beteiligt, die in Auslandseinsätzen als „Kummerkasten“ viel Einblick in die Soldatenseele haben. Grundsätzlich, sagt Fett, wird die Geiselsituation erst in der Theorie noch einmal vorbesprochen. Die praktische Übung muss ein Offizier überwachen, außerdem ist von Anfang bis Ende ein Truppenpsychologe dabei. Am wichtigsten aber: Danach gibt es eine ausführliche Nachbereitung – mit Manöverkritik, Erfahrungsaustausch und Verhaltenstipps. Daran nehmen in der Regel auch die „Geiselnehmer“ teil, diesmal ohne Maske.

Auch für die Übung selbst gibt es Einschränkungen und Verbote. Der Menschenwürde-Artikel eins des Grundgesetzes schwebt unsichtbar als Generalklausel darüber. „In allen Weisungen wird unmissverständlich der Schutz der Menschenwürde als Grundprinzip betont“, sagt Fett. Körperliche Gewalt ist verboten, das Zufügen von Schmerzen natürlich auch, ebenso jede Zwangshaltung wie etwa längeres gebücktes Stehen. Selbst die Bundeswehr-Grundregel, dass kein Vorgesetzter einen Untergebenen gegen dessen Willen anfassen darf, gilt grundsätzlich fort. Dass den „Geiseln“ die Hände hinter dem Rücken gefesselt werden, steht hingegen auf dem Programm – sofern die Fesseln, egal ob Tücher, Schnüre oder Kabelbinder, keine Adern abschnüren. Auch die Augen zu verbinden ist erlaubt, mit dem Befehl zum Hinknien muss die Übungsgeisel rechnen, mit rüdem Ton, auch mit Drohungen der „Geiselnehmer“.

Das Ganze, sagt ein Soldat mit Auslandserfahrung, ist „eine Grenzerfahrung“, trotz Vorbereitung und Reglement. Tatsächlich liegt darin ja auch ein Sinn der Übung. Der Soldat soll nicht nur theoretisch wissen, in welche Zwangslagen er kommen und wie er sie mit heiler Haut bestehen kann, er soll sich selbst und seine Reaktion unter – künstlichem, trotzdem hohem – Stress kennen lernen. Wem das zu viel wird, hebt die Hand. „Dann ist sofort Schluss“, sagt Fett und versichert, der Abbruch – übrigens keine Seltenheit in Hammelburg – bleibe für den Soldaten folgenlos. Schließlich geht es auch in der Realität nicht darum, den harten Kerl zu markieren. „Wenn Sie bei einer echten Geiselnahme den Helden spielen und dem Geiselnehmer am besten auch noch Widerworte geben, sind Sie ganz schnell erledigt“, sagt Fett. Die Lage entspannen, Kooperationswillen zeigen, kühlen Kopf behalten, kurz: „Überleben ist das Ziel.“

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