Zeitung Heute : So oder so ein Liberaler

Der Tagesspiegel

Er hat es verschwiegen! Oder fast schon vergessen. Oder als Wander- und Lehrjahre abgebucht. Christoph Stölzl, der die Berliner CDU in eine bessere Zukunft führen soll, war neun Jahre Mitglied der FDP und sogar stellvertretender Vorsitzender der Berliner Liberalen. In der offiziellen Biographie des Volksvertreters Stölzl, im Handbuch des Abgeordnetenhauses, taucht dieser Nebenzweig seines politischen Lebens nicht auf. Auch im Munzinger-Archiv, dem Archiv des öffentlichen Lebens in Deutschland, ist zwar viel über Stölzl, Christoph, dt. Historiker und Politiker zu lesen, aber kein Wort über die FDP.

Hat er was zu verbergen? Eigentlich nicht. 1984 wurde der damalige Leiter des Münchener Stadtmuseums Mitglied der Freien Demokraten, weil die kleine FDP (5,3 Prozent bei den Kommunalwahlen) im Stadtrat „die kulturelle Leuchte“ gewesen sei. „Kommen Sie zu uns“, lockte die CDU wenige Jahre später, als Stölzl in Berlin das Deutsche Historische Museum aufbaute. Aber er blieb den Liberalen treu. Als im Juni 1989 der designierte FDP-Landeschef Hermann Oxfort einen „Vorstand des Sachverstandes“ auf die Beine stellen wollte, bat er auch Stölzl, zu kandidieren. Der sagte Ja und wurde - mit 141 von 247 Stimmen - stellvertretender FDP-Landesvorsitzender.

Es war eine turbulente, krisenhafte Zeit für die Berliner Liberalen. Im März 1989 gewann Rot-Grün die Abgeordnetenhauswahl und die FDP flog aus dem Landesparlament. Landeschef Walter Rasch trat zurück, die soziallliberale Carola von Braun wollte die Nachfolge antreten, sie fiel aber durch. Erst am 20. Juni 1989 konnte ein neuer FDP-Landesvorstand gewählt werden: Mit Oxfort als Chef, Stölzl und von Braun als stellvertretende Vorsitzende und dem ehemaligen SFB-Intendanten und DDR-Korrespondenten der ARD, Lothar Loewe, als Beisitzer.

Beinahe hätte der Historiker Andreas Nachama dem Historiker Stölzl die Tour vermasselt. Nachama, der damals FDP-Mitglied, aber noch nicht Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde war, warf dem Vorstandskandidaten in einem Offenen Brief vor, in seinem Buch Kafkas böses Böhmen. Zur Sozialgeschichte eines Prager Juden antisemitische Formulierungen benutzt zu haben. Stölzl wurde trotzdem in den FDP-Landesvorstand gewählt, wies den Vorwurf empört zurück und zog vor das Landgericht. Die veröffentlichten Zitate seien sinnentstellend aus dem Zusammenhang gerissen; er habe antisemitische Literatur nur rezitiert. Nachama verließ dennoch die FDP im Zorn.

Als Parteivize wurde Stölzl beauftragt, das Grundsatzprogramm der Landes-FDP zu reformieren. Naja, so richtig wurde nichts daraus. Nachhaltige Spuren, so erinnern sich ehemalige Parteifreunde, habe der etwas zerstreute Museumsdirektor in der FDP nicht hinterlassen. „Museum und Politik, das passte einfach nicht zusammen“, gibt Stölzl heute zu. Ab und zu schrieb er ein schlaues Papier und hielt ausgezeichnete Reden. Das Motto des FDP-Vorständlers, so wird kolportiert, sei gewesen: Manches erledigt sich durch Zeitablauf. „Ein netter Kerl, er hat nicht immer alles so ernst genommen“, erinnert sich FDP-Landesgeschäftsführer Knut-Michael Wichalski. Im September 1990 wurde eine Gesamtberliner FDP-Führung gewählt. Ohne Stölzl. Drei Jahre später gab er das Parteibuch zurück. Macht nichts. Stölzl, seit einem Jahr CDU-Mitglied, lacht. „Ich bin so oder so ein Liberaler“.ULRICH ZAWATKA–GERLACH

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