Zeitung Heute : So schön kann verlieren sein

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Irgendeinen Titel werden sie schon finden, auch wenn es zum ersten Platz nicht gereicht hat. „Weltmeister der Herzen?“ Ist wohl eher Brasilien. „Die besten Zweiten aller Zeiten“? Schon besser. All das und noch viel mehr stand auf den Plakaten, die gestern Nachmittag den Römerberg in Frankfurt überzogen, gehalten von mindestens 15000 Fans, die sich schon vormittags ihre Stehplätze gesichert hatten auf dem traditionellen Versammlungsort für den Tag danach. Doch erst um 16 Uhr 49 betraten Rudi Völler, Oliver Kahn und die anderen auf dem Frankfurter Flughafen wieder deutschen Boden – ein kleiner Schritt für sie, ein großer Sprung für die Fans, die den Vollzug der Heimreise auf einer riesigen Videowand verfolgten, jeden Schritt euphorisch bejubelten und stetig vom ZDF darüber informiert wurden, dass sie nicht allein waren beim Warten auf die Lufthansa-Maschine aus Tokio: Schon in Putbus auf Rügen, so erfuhren sie, hätten die Menschen versucht, den Flieger in der Luft zu sehen. Mit bloßen Augen!

Eine Inszenierung, als seien die Vizeweltmeister samt Entourage gerade vom Mars zurückgekehrt. Völler und Kahn waren statusgemäß die ersten, die die Maschine verließen, es folgten die anderen Spieler, DFB-Boss Mayer-Vorfelder, eher unauffällig Edmund Stoiber, der lieber mit der Mannschaft zurückfliegen als die Einladung in die Kanzlermaschine annehmen wollte. Erste Interviews fanden gleich am Rollfeld statt, ja, man sei sehr müde, ja, man sei sehr glücklich, ja, die Euphorie der Fans daheim habe den Erfolg möglich gemacht, man sei „mental nochmal durchgestartet“ (Reiner Calmund).

Vor dem Römer wurde trotzig „We are the Champions“ intoniert einschließlich der eher unpassenden Zeile „No time for losers“; dass hier ja auch die Verlierer des Finales standen, mochte niemand mehr so deutlich zur Kenntnis nehmen, auch nicht Oliver Kahn, der in hart erkämpfter Lockerheit auf seinem Kaugummi herumbiss. Große Begeisterung, große Worte vom engen Balkon des Kaisersaals, Carsten Jancker in Festlaune mit Bier und rasanter Brille, Völler eher im Hintergrund. Doch das half nichts: Ab sofort gehört das Lied „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, intoniert auf die Melodie des unzerstörbaren „Guantara“, zum geschützten Kernbereich deutschen Liedguts. Dann standen sie noch lange schunkelnd auf dem Balkon, nutzten immer wieder die Gelegenheit, die Biergläser des Sponsors prägnant vor die Kameras zu halten. Es gibt nur ein’... Waldemar Hartmann gibt es auch nur einmal. Der Reporter stand mit dem blauen ARD-Mikro beseelt in der Mitte der Kicker-Phalanx, auch er ein Vizeweltmeister.

Bernd Matthies

Der Abend nach der Niederlage. Oliver Kahn steht im Eingang des schon gut gefüllten Bankettsaals mit einer offenen Flasche Bier in der Hand. Er schaut erst in den Saal, dann auf die Flasche. So, als interessiere ihn gerade nichts anderes. Automatisch, ohne zu reden, schreibt er zwei Autogramme. Er ist nicht unhöflich, nein, einfach nicht ganz anwesend. Nach Kahn kommt Jens Jeremies in kurzer Hose, ohne Socken, dafür aber mit einem dicken Verband zum Festessen geschlappt. „Nur weil die Herrschaften sich im Anzug in unserem Glanz sonnen wollen, zieh’ ich mir doch nichts Feines an“, raunt Jeremies.

So wird der Vizeweltmeister empfangen: holzvertäfelte Wände, an der Decke Kristallleuchter, auf zwei 15-Meter-Buffets Sushi und andere Köstlichkeiten, auf der Bühne zwei Keyboards und ein viel zu großes Schlagzeug, unberührt. Wer in Deutschland wirklich wichtig ist, tummelt sich an diesem Sonntagabend auf dem rot-gelb karierten Teppichboden des Sheraton Bay Hotels von Yokohama. Auf den Tischen – in der Mitte des Raums der für die Politiker – stehen Platzkärtchen.

Die Stimmung am sehr späten Abend in Yokohama ist betreten, aber das liegt nicht nur an der Niederlage im WM-Finale. Es kommt dazu, wie zwei Spitzenpolitiker dieses Ereignis für ihr persönliches Anliegen instrumentalisieren. Etwa zeitgleich betreten Gerhard Schröder und Teamchef Rudi Völler den weitläufigen Vorraum des Bankett-Saals. Sie gehen aufeinander zu, sie umarmen sich, sie reden. Völler sieht neben dem Kanzler aus wie ein Schulbub. Die Hände gefaltet, der Blick andächtig. Schröder lobt noch einmal die tolle Leistung des Teams. Auch Johannes Rau gesellt sich dazu, während Edmund Stoiber die Szene im Hintergrund mit großer Unruhe beobachtet. Es dauert eine halbe Minute, bis er sich von rechts hinten an das Trio heranschleicht und plötzlich an Völlers Seite steht. Das interessiert die Fotografen. Es klickt und blitzt, bis Schröder genug hat. „Na, Herr Kandidat, brauchen Sie noch mehr schöne Bilder?“, fragt der Kanzler und lacht etwas verächtlich. Neinnein, er habe da nur etwas Fachliches mit dem Rudi Völler zu klären, murmelt Stoiber. Aber Schröder hört das schon nicht mehr, weil seine Sicherheitsleute eine Schneise durch den Pulk geschlagen haben, damit der Kanzler sich vorerst aus diesem absurden Theater verabschieden kann.

Drinnen im Festsaal hat das Protokoll die beiden – und zehn andere – am selben Tisch platziert. Schröder sitzt neben Ehefrau Doris und Frau Völler, Stoiber neben DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, und dabei fällt auf, dass Stoiber, seitdem er Kanzlerkandidat ist, ähnlich gut gebräunt ist wie Mayer-Vorfelder. Später am Abend, als irgendjemand vom DFB Schröder auffordert, doch bitte eine kleine Ansprache zu halten. sorgt Schröder mit einer Finte dafür, dass sein Herausforderer sich nicht wieder mit ins Rampenlicht drängt. Der Kanzler steht auf, sagt, dass er sich bewusst kurz halten werde, weil er die Feier nicht lange unterbrechen wolle, und kündigt an, jetzt auch im Namen des Kandidaten Stoiber zu sprechen. Zum allerersten und wohl auch zum allerletzten Mal. Ob das in Ordnung sei? Da kann Stoiber natürlich nicht widersprechen.

Otto Schily sinniert im Gespräch mit Franz Beckenbauer über den Grund für die Niederlage. „Ich habe diesmal gar kein Brettchen an den Meiji-Schrein gehängt, an den rosa Baum.“ Beckenbauer versteht nicht recht. Also erzählt Schily noch mal, wie er vor dem wichtigen Gruppenspiel gegen Kamerun schon mal in Tokio war und auf einem Tempel-Gelände ein Brettchen an dem dortigen Schrein befestigt habe. Das mache man, um sich etwas zu wünschen. Die meisten wünschten sich Gesundheit oder viele Kinder. Er aber habe damals einzig um den Sieg über Kamerun gebeten.

Schily ist nicht der Einzige, der sich in abergläubische Erklärungen flüchtet. Wolfgang Niersbach, Vizepräsident des Organisationskomitees der WM 2006, beugt sich zu Reiner Calmund und erzählt ihm, was ihn gerade ein Mann von der Fifa gefragt habe: „Wie kannst du denn den Calmund mit ins Stadion nehmen, Wolfgang? Der verliert doch auch mit Leverkusen alle Finalspiele.“ Von denen, die um die beiden herum stehen, lachen nur wenige.

Da rettet Franz Beckenbauer die Stimmung. Er steigt auf die Bühne, greift sich das Mikrofon und singt seinen Klassiker aus den 70ern: „Gute Freunde kann niemand trennen“ heißt der Song. Begleitet wird Beckenbauer von der Gruppe Pur. Gerhard Schröder und Edmund Stoiber fühlen sich nicht angesprochen vom Refrain. Stoiber verlässt das Bankett weit früher als der Kanzler, der noch lange mit Doris schunkelt. Am nächsten Tag im Flugzeug stehen dem Kanzler die Spuren der Nacht in den Augen. Er sagt, er hoffe, dass die Mannschaft in den nächsten vier Jahren zusammenbleibe. Das ist natürlich rein sportlich gemeint.

Markus Feldenkirchen, Yokohama

Nacht in Yokohama. Am Bahnhof warten zwei einsame deutsche Fans. Einer hat ein Trikot mit der Aufschrift „Klose“ an, der andere trägt ein „Matthäus“-T-Shirt und dokumentiert damit, dass er schon lange Reisefan der deutschen Nationalmannschaft ist. Beide hocken selig nicht nur vom Reiswein auf dem Boden und sind glücklich, dass sie dabei waren – auch wenn die Nacht auf dem Boden des Bahnhofs nicht gemütlich zu werden verspricht. Sie müssen um sieben in der Früh zum Flughafen von Tokio, um zurück zu fliegen.

Die Sonne geht um kurz nach vier über der Skyline der Hauptstadt auf. Im Keihin, einem 24-Stunden-Schuppen am Daiichi-Keihin-Boulevard in Takanawa brennt noch Licht. Einige Versprengte der Nacht schlürfen Ramen, die japanische Suppe, trinken Bier. Ein paar Brasilianer sind darunter, aber sie haben schon ausgetanzt, Journalisten tauschen die letzten Informationen aus. Bis hierher dringt auch vor, dass Oliver Kahn noch zu den Tönen von Pur zum inneren Frieden gefunden habe und die Fortsetzung seiner Nationalmannschafts-Karriere verkündete, die er wohl im Falle des Sieges beendet hätte.

Hier im Keihin hatten in den vergangenen Wochen mitunter irische und russische Fans gesessen und die Spielszenen der WM mit Sojaflaschen, Chili-Gläsern und Reisschüsseln nachgestellt. Aber nun stehen die Sojaflaschen und die Chili-Gläser wieder an ihrem Platz, und die Reisschüsseln sind wieder Reisschüsseln und keine Spieler.

Als die Reisegruppen mit den kurzfristig eingeflogenen Fans und der offizielle deutsche Tross in der Luft sind, ist es Mittag in Tokio. Die Regenzeit bestimmt das Wetter, Tokio läuft wieder unter Schirmen. Die örtlichen Blätter vermelden eine leichte Aufhellung der Stimmung an der Börse, auch wenn der World-Cup im Nachbarland Korea der weitaus größere Finanzerfolg war. Die genaue Auswertung des Ertrages dieses Weltereignisses wird noch folgen. Adidas aber hat schon mal ausgerechnet, dass Japan durch die 1,5 Millionen verkauften Fußbälle zum zweitgrößten Abnehmerland nach den USA raufgeklettert ist. Die Hotels dagegen sind enttäuscht, weil in Korea statt der erwarteten 640 000 Menschen nur 450 000 gekommen sind.

Ein Stück weiter die Bucht von Tokio hinaus, in Sakuragi-cho, wo in den vergangenen sechs Wochen das japanische Hauptpressezentrum stand, werden schon die klatschnassen Fifa-Fahnen von den Masten genommen. Vor dem Pacifico Yokohama steht kein Polizist mehr, um Akkreditierungskarten zu scannen. Im Keihin, dem 24-Stunden-Schuppen am Daiichi-Keihin-Boulevard in Takanawa, sitzen nur noch Japaner.

Helmut Schümann, Tokio

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