Zeitung Heute : So sieht die Lösung aus

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Lieber P.,

was glaubst Du wohl, was mir heute geschehen ist? Ich hatte das Glück zu erfahren, was ein moderner Politiker ist. Jetzt sollst es auch Du wissen: Der moderne Politiker ist ideologiefrei, pragmatisch und lösungsorientiert.

Sofort fragst Du mich natürlich, von wem diese Definition stammt, und wer womöglich ihr herausragender Vertreter sein könnte in diesem Wahljahr, in dem es von lösungsorientierten, pragmatischen und ideologiefreien Politikern nur so wimmelt.

Könnte es Edmund Stoiber sein? Gerhard Schröder? Guido Westerwelle? Na? Richtig, die Definition stammt von Westerwelle. Mit jeder Erwähnung des FDP-Vorsitzenden in einer solchen Reihe gehen wir ihm übrigens auf den Leim.

Das ist sein Trick, musst Du wissen: dass einem, wenn man über die Chancen der Kanzlerkandidaten nachdenkt, ganz wie von selbst der „Westerwelle“ einfällt. Nächsten Freitag, auf dem Bundesparteitag der Freien Demokraten, will er, so hat er angedroht, „für Klarheit sorgen“.

Dahinter steckt die Leistung eines beeindruckenden Kommunikators (you remember, stupid?). Ganz heimlich so für Dich, gib es zu, hast Du auch schon mal leise ausprobiert: „Bundeskanzler Guido Westerwelle…“ Nichts ist unmöglich, seit Politik ideologiefrei, pragmatisch und lösungsorientiert geworden ist.

Ob in den nächsten 20 Wochen, bevor wir dann alle pragmatisch entscheiden werden, irgendjemand auf den Gedanken kommt, die Frage zu stellen, was wir eigentlich wollen? Hast Du nicht auch den Eindruck, dass wir uns in einem durch und durch virtuellen Wahlkampf befinden, in einer Art demokratischem Computerspiel, in dem Darstellungsformen aufgerufen und Was-wäre-wenn-Situationen simuliert werden – einfach so, zum Spaß?

Wenn man den einen Kanzlerkandidaten anklickt, erscheint auf dem Bildschirm: „3 mal 40“. Das ist sein Wahlprogramm. Beim anderen erscheint: „15, 25, 35“. Das ist seines. Der Amtsinhaber hat das Problem, dass sein Spiel („Auf den Kanzler kommt es an“) schon seit längerem läuft, und die Nutzer mittlerweile nach Kurzweiligem Ausschau halten.

Wir waren uns einig, dass wir einander nicht unterfordern wollten, deshalb zur Erläuterung: Stoiber will Spitzensteuersatz, Lohnnebenkosten und den Anteil der Staatsausgaben am Sozialprodukt, die Staatsquote also, jeweils auf unter 40 Prozent senken - daher „3 mal 40“. Und Westerwelle verspricht uns ein Steuerrecht, in dem es künftig nur noch drei Steuersätze geben soll: Wer wenig verdient, zahlt 15 Prozent, ich zahle 25 Prozent und Du 35 Prozent.

Ideologiefrei und pragmatisch.

Wie schön eine lösungsorientierte Politik doch sein kann, wenn man die Welt, wie sie wirklich ist, ausblendet. Stoiber macht, wenn man weiter klickt, immerhin darauf aufmerksam, dass sein Programm ein Heidengeld kostet, und er deshalb Verbindliches erst zusagen kann, wenn er an der Regierung ist.

Westerwelle hat solche Bedenken nicht, wir sollen ihm einfach vertrauen: Am Ende, sagt er, ist mehr und nicht weniger in der Kasse. Früher, als man noch geradeaus dachte, hätte man gesagt, hier will uns einer die Katze im Sack andrehen.

Du musst verzeihen, aber ich kann die wirkliche Welt nicht ganz ausblenden: Wollen wir uns tatsächlich darauf einlassen, die Lösungsorientierung zu wählen anstatt eine Lösung? Es ist noch nicht lange her, da haben wir Hans Eichel wegen seiner beherzten Sparpolitik über den grünen Klee gelobt und seine auf viele Jahre angelegte Steuerreform als wacker und einigermaßen gerecht und ausgewogen beurteilt. Irgendwie ist das langweilig geworden.

Heute habe ich den Eindruck, es wiederholt sich einfach in der Politik, was wir vor Jahresfrist in der New Economy erlebten: Es wächst eine gigantische Blase der Erwartungen heran. Sie wächst und wächst, und natürlich wird sie nach der Wahl, eine große Zahl moderner Politikspekulanten zurücklassend, mit einem großen Knall zerplatzen.

Pragmatisch und ideologiefrei.

Du hast mich gefragt, ob ich wüsste, was mit der SPD los ist, warum sie zur Zeit so schlechte Umfragewerte hat? Kann sein, sie hat nicht begriffen, dass Politik ein Spiel geworden ist, was weiß ich. Vielleicht ist sie problemorientiert.

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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