Zeitung Heute : So steht es geschrieben

Dem Papst wird erneut Untätigkeit im Zusammenhang mit einem Missbrauchsfall vorgeworfen. Dabei gibt es Dokumente die belegen, dass er etwas gewusst haben muss. Was sind das für Dokumente?

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Mehr als hundert Jungen soll ein katholischer Priester in den 50er und 60er Jahren im amerikanischen Erzbistum Milwaukee missbraucht haben. Als der Fall Mitte der 90er Jahre der Glaubenskongregation im Vatikan gemeldet wurde, habe der damalige Chef der Kongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, nichts unternommen, um den Priester vom Dienst zu suspendieren. Das berichtete die „New York Times“ am Donnerstag unter Berufung auf Dokumente, die die Zeitung von Anwälten der Opfer bekommen hat. Vatikansprecher Federico Lombardi wies den Vorwurf zurück, die Glaubenskongregation sei untätig geblieben. Mit Blick auf das Alter und die angeschlagene Gesundheit des Geistlichen habe der Vatikan auf eine kirchliche Strafe wie die Versetzung in den Laienstand verzichtet. Rom habe die Erzdiözese Milwaukee aber gebeten, geeignete Maßnahmen gegen den Geistlichen zu verfügen, der damals bereits in Klausur lebte und kurze Zeit später starb.

Den staatlichen Behörden wurde der Fall nicht angezeigt. Dies hatte der Vatikan auch nicht angeordnet. Und der Vatikan versteht sich spätestens seit 2001 als oberste Instanz bei Missbrauchsfällen. So hat es Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben „Über den Schutz der Heiligkeit der Sakramente“ vom 30. April 2001 verfügt. In der Ausführungsvorschrift „Über schwerwiegende Verstöße“ hat Kardinal Joseph Ratzinger dann am 18. Mai 2001 noch einmal deutlich gemacht, dass auch sexueller Missbrauch von Minderjährigen ein schweres Verbrechen ist, das künftig allein von der Glaubenskongregation zu beurteilen ist.

Zu dem Schreiben war es gekommen, weil 2001 hunderte Missbrauchsfälle in amerikanischen Diözesen öffentlich geworden waren. Bis 2001 waren die örtlichen Diözesen für die Aufklärung zuständig, wenn ein Priester beschuldigt wurde, übergriffig geworden zu sein. Doch Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger hatten das Gefühl, die amerikanischen Bischöfe würden den Vorwürfen nicht konsequent genug nachgehen und machten das Thema zur Chefsache. Mit dem Schreiben „Über den Schutz der Heiligkeit der Sakramente“ zogen sie die oberste Zuständigkeit an sich beziehungsweise an die Glaubenskongregation.

Die Glaubenskongregation ist der oberste Gerichtshof der katholischen Kirche, zuständig nicht nur für eine Million Kleriker, sondern auch für die rund eine Milliarde katholischer Christen. Oberster Richter ist der Präfekt der Kongregation. Von 1982 bis 2005 war das Kardinal Joseph Ratzinger. Somit hatte letztlich er seit 2001, seit dem Schreiben „Über den Schutz der Heiligkeit der Sakramente“, die oberste Verantwortung dafür, wie weltweit katholische Bistümer mit pädophilen Priester umzugehen hatten. Denn seit 2001 darf kein Bistum mehr eigenmächtig handeln, jeder begründete Verdachtsfall muss nach Rom gemeldet, die Diözesen müssen für das weitere Vorgehen auf die Weisung aus Rom warten. Die Glaubenskongregation behält sich auch vor, eigene Ermittlungen zu unternehmen. Seit 2001 hat der Vatikan nach eigenen Angaben von 3000 Verdachtsfällen erfahren, lediglich bei 20 Prozent wurden Strafen verhängt, in 60 Prozent wurde das Verfahren eingestellt. Wer als katholischer Priester ein Kind missbraucht, dem droht nach Kirchenrecht die Amtsenthebung oder die Höchststrafe, die Entlassung aus dem Klerikerstand.

Die römischen Schreiben aus dem Jahr 2001 zeigen aber deutlich, wie groß die Kluft zwischen kirchlichem und staatlichem Recht ist. So ist es zum Beispiel genauso schlimm, wenn ein Priester sexuellen Verkehr mit Kindern hat wie wenn er das Beichtgeheimnis bricht oder die Hostien der Eucharistiefeier wegwirft. Die schwerste Strafe trifft Priester, die einem „Mitschuldigen an einer Sünde gegen das sechste Gebot (Ehebruch) die Absolution erteilen“. Solch ein Priester wird anders als ein pädophiler Täter sofort mit der Tat exkommuniziert, ohne die Untersuchung und das Urteil abzuwarten. Der Missbrauch des Absolutionsrechts ist also gravierender als der Missbrauch eines Kindes.

In den kirchlichen Dokumenten ist auch nicht die Rede von der Kooperation mit staatlichen Behörden. Im Gegenteil: Diese schweren Verbrechen „unterliegen dem pontifikalen Geheimnis“, heißt es, der höchsten Stufe von Vertraulichkeit des Heiligen Stuhls. Außerdem führen die Schreiben von 2001 aus, dass niemand außer einem Priester mit einem Verfahren zu sexuellem Missbrauch befasst sein darf. Im Vatikan fallen eben Legislative, Judikative und Exekutive zusammen – nach demokratischem Rechtsverständnis ein absolutes Unding.

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