So ungesund leben die Deutschen : Zu wenig Sport, falsches Essen, zu viel Stress

Wissenschaftler sehen einen beunruhigenden Trend. Immer mehr Deutsche bewegen sich zu wenig.

Zwischen Selbsteinschätzung und Realität klaffen Welten. 60 Prozent der Bundesbürger sind der Ansicht, gesund zu leben. Tatsächlich jedoch erfüllen nur elf Prozent die wichtigsten Kriterien für eine gesunde Lebensweise, wie eine Umfrage der Deutschen Sporthochschule in Köln im Auftrag des privaten Krankenversicherers DKV ergab. Jeder Zweite ernährt sich nicht richtig und empfindet ungesunden Stress, jeder Fünfte leidet unter depressiven Verstimmungen. Und fast jeder Dritte bewegt sich in seiner Freizeit nicht länger als zehn Minuten am Stück. Der Kölner Sportwissenschaftler Ingo Froböse nennt das besorgniserregend – zumal man damit rechnen müsse, dass bis zu zehn Prozent der Befragten ihr wirkliches Verhalten in Umfragen noch beschönigten. 46 Prozent erreichten dennoch nicht einmal die Mindestempfehlung der Weltgesundheitsorganisation von zweieinhalb Stunden moderater körperlicher Aktivität pro Woche. Vor zwei Jahren waren es 40 Prozent. Und mit durchschnittlich sechs Stunden am Tag kommen ausgerechnet die jüngsten Befragten, nämlich die 18- bis 29-Jährigen, auf die längste Sitzzeit. Selbst die über 65-Jährigen bewegen sich mehr. Auffällig ist: Je höher der Bildungsabschluss, desto geringer die körperliche Aktivität – auch wenn Akademiker ihre sitzende Tätigkeit mit mehr Freizeitsport auszugleichen versuchen. „Wir fahren im Auto, arbeiten am Computer, und in der Freizeit steigt unsere Mediennutzung“, beschreibt Froböse das Dilemma. Und auch DKV- Chef Clemens Muth schlägt Alarm. Ob Herzkrankheiten, Diabetes oder Rückenschäden: Bewegungsmangel und Übergewicht führten bei immer mehr Menschen zu Gesundheitsschäden. Entsprechende Aufklärung benötige „gesellschaftlich den gleichen Stellenwert wie die Aids-Prävention“. Besser geworden ist das Gesundheitsverhalten nur in puncto Tabak und Alkohol. Die Zahl der Menschen mit übermäßigem Alkoholkonsum sank gegenüber 2010 von 19 auf 16, die der Raucher von 25 auf 22 Prozent. Im Ländervergleich hat Berlin mit 70 Prozent die niedrigste Nichtraucherquote. Am meisten getrunken wird in Sachsen, am vernünftigsten gegessen in Schleswig-Holstein. Am wenigsten körperlich aktiv sind die Hamburger, am meisten unter Stress leiden die Bewohner Nordrhein- Westfalens. Für die Psyche spielen übrigens Geld und Status eine nicht zu unterschätzende Rolle. Je höher das Haushaltseinkommen, desto vitaler fühlen sich die Befragten: Das Optimum ist der Studie zufolge bei mehr als 4000 Euro erreicht. raw

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