Zeitung Heute : So viel ist sicher

Christoph Marschall[Washington]

Das Heimatschutzministerium in den USA ist der Ansicht, dass Amerikas Großstädte auch fünf Jahre nach dem 11. September nicht ausreichend auf Anschläge vorbereitet sind. Weshalb ist die Vorbereitung so schlecht?


Präsident George W. Bush hatte die Untersuchung am 15. September 2005 angeordnet, bei einem seiner Besuche in New Orleans wenige Tage nach Hurrikan „Katrina“. Auftrag war nicht, die Prävention von Terroranschlägen oder Naturkatastrophen zu prüfen, sondern es ging um die Frage: Wie reagieren Städte und Einzelstaaten auf einen Notstand, bei dem die üblichen Mechanismen der ersten Hilfe außer Kraft gesetzt werden? Wie gut funktionieren alternative Pläne für Warnungen der Bevölkerung, Evakuierung, Schutzräume, medizinische Versorgung? Die 174-seitige Studie bewertet die Notfallplanung aller 50 Einzelstaaten und von 75 städtischen Großräumen.

Das Fazit: Die Ergebnisse geben „Anlass zu großer Sorge“. Drei Viertel der Staaten und 90 Prozent der Städte zeigen große Defizite. Probleme bereiten vor allem die Evakuierungspläne und die Befehlsketten in Ausnahmesituationen. Unzureichend versorgt wären Arme, Behinderte, Alte und nicht Englisch sprechende Ausländer. Florida ist der einzige Staat mit „befriedigender“ Vorbereitung in allen zehn Kategorien, South Carolina bestand in neun von zehn Bereichen. Die Planungen in der Hauptstadt Washington bekamen zu 31 Prozent nur ein Ausreichend, in New York zu 29 Prozent. Im Gesamturteil schneidet New York besser ab, die Lage sei „teilweise befriedigend“, in Washington dagegen „unzureichend“.

Die Spitzengruppe bilden Florida, Maryland, Massachusetts, Mississippi, New York, Rhode Island, South Carolina, Tennessee, Texas und Vermont. Vertreten sind sowohl Südstaaten, die nach aller Erfahrung eine schlechtere Verwaltung haben und mehr von Korruption geplagt sind, als auch Nordstaaten. Die Südstaaten, die besser abschneiden, haben das laut der Studie ihrer reichen Erfahrung mit Hurrikanen zu verdanken. Andererseits gehört Louisiana, wo auch New Orleans liegt, zu den Schlusslichtern, ebenso das Kohlerevier West Virginia, wo es in jüngster Zeit mehrere tödliche Grubenunglücke gab.

Seit dem Terrorangriff auf New York und Washington 2001 hat das Ministerium für Heimatschutz 18 Milliarden Dollar zur Förderung lokaler Notfallplanung ausgegeben. Die Studie bemängelt, davon sei „nur sehr wenig in Planung, Ausbildung von Katastrophenschützern und Übungen geflossen“. Die Autoren regen an, jedes Jahr die Fortschritte in einer weiteren Studie zu untersuchen.

Im Vergleich zu Deutschland fällt auf: Das Ausmaß staatlicher Verwaltung ist geringer, die Eigenverantwortung der Bürger höher. Der öffentliche Verkehr hat einen geringeren Anteil. Evakuierungspläne bauen im Wesentlichen auf die Annahme, dass die Menschen ihre Autos benutzen. Auch wirtschaftliche Interessen behindern den Katastrophenschutz. Bis heute sind Chemietransporte per Bahn mitten durch Washington nicht verboten, trotz der Warnung, ein Anschlag auf so einen Zug könnte das politische Zentrum der USA auslöschen und Zehntausende das Leben kosten.

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