Zeitung Heute : So viel noch zu sagen…

Trauern im Internet – wie man durch Schreiben den Verlust verarbeiten kann

Verena Wolff (dpa)

Mit der Trauer um einen Verwandten oder guten Freund geht jeder anders um. Die einen suchen die Gegenwart von Menschen mit ähnlichen Schicksalen, andere trauern still und leise für sich. Und wieder andere loggen sich ins Internet ein und bringen ihren Schmerz auf Trauerseiten zum Ausdruck.

„Heutzutage wissen viele Menschen nicht mehr, wie man trauert. Sie sind total verunsichert“, sagt Adolf Pfeiffer, Trauerbegleiter und Regionalbildungsreferent des Bistums Trier in Koblenz. Er hat deshalb mit seinem Sohn die Seite „trauer.org“ ins Leben gerufen und bietet dort Seminare an. Ein Jahr lang erhalten die Teilnehmer jeden Monat per E-Mail Texte als Anregung, die Trauer schrittweise zu verarbeiten.

„Im Forum kann jeder zu allen Tages- und Nachtzeiten seine Gedanken loswerden und bekommt Antworten von anderen Trauernden.“ Daneben gibt es moderierte Chats und Platz für neue Trauerrituale.

„Wir haben eine Klagemauer, an der jeder seinen Schmerz rausschreien kann“, sagt Pfeiffer. Zudem könne dem Verstorbenen in einem Brief alles gesagt werden, wozu zu Lebzeiten keine Zeit mehr war. Zunächst war Pfeiffer dem Konzept des Online-Trauerns gegenüber kritisch eingestellt. Doch inzwischen hat er Vorteile entdeckt – und der größte davon ist das Schreiben: „Schreiben hat eine stärkere Wirkung und ist ein intensiverer Ausdruck der Trauer als das Sprechen.“ Diese Erfahrung hat auch Ulrike Bilger gemacht, die die ambulante Hospizgruppe Freiburg leitet und unter www.allesistanders.de eine Trauerseite für Kinder und Jugendliche betreut: „Hier ist das rasend schnelle Medium Internet ganz langsam: Man kann einfach einen Gedanken aufschreiben, ohne dass man unterbrochen wird oder noch mitten im Satz gleich einen Ratschlag mit auf den Weg bekommt.“

Das Internet sei ein guter Ort, sich über Erfahrungen mit Tod und Verlust eines lieben Menschen auszutauschen. Jugendliche, die einen nahen Verwandten verloren haben, könnten oft mit Gleichaltrigen nichts anfangen, „sie sind der Spaßkiller auf jeder Party, mit ihnen ist der Umgang schwieriger“. Am liebsten sei ihnen, so Bilgers Erfahrung, „wenn sie ihre Freizeit mit Leuten verbringen können, die ein ähnliches Schicksal erlebt haben – da können sie einfach mal losheulen, ohne blöd angesehen zu werden“.

Johannes Hoppe, Diplom-Psychologe aus Stadthagen, hat hingegen bei der virtuellen Trauerverarbeitung Bedenken: „Trauer ist eines der ehrlichsten Gefühle, die überhaupt da sind. Der Verlust lässt sich nur verarbeiten, wenn Menschen um einen herum sind, mit denen man trauern kann.“ Zwar sei das Netz eine Chance zur Hilfe, aber „die wirkliche Verarbeitung des Todes kann im Internet nicht geschehen.“ Im Web bestehe die Gefahr einer weiteren Isolation, denn „wieder einmal findet das allzu Menschliche anonym statt“. Adolf Pfeiffer sieht das anders: „Das Internet ist ein Segen für alle Menschen, die sonst nicht trauern könnten.“ Die Schwellenangst, sich helfen zu lassen, sei nicht so groß.

Im Internet:

www.trauer.org

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