Zeitung Heute : „So viel Offenheit von Eltern habe ich in 33 Jahren nicht erlebt“

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Manche Schulen kapitulieren vor der Gewalt oder müssen wegen geringer Anmeldungen geschlossen werden. Was ist bei Ihnen anders?

Wir wollen den Schülern Erfolgserlebnisse vermitteln, damit sie beginnen, wieder an sich selbst zu glauben. Das wissen Schüler zu schätzen. Wir machen ihnen ihre Stärken deutlich, statt zu lamentieren, wie groß die Defizite sind. Jedes Kind hat das Recht, in seinem Tempo nachzulernen. Statt Klassenbucheintrag und Tadel gibt es bei uns ein pädagogisches Gespräch. Wir kümmern uns sehr um die Probleme, die wir sehen. Ein Beispiel: Wer auf den Boden spuckt, muss eben den Gang schrubben.

Welchen Werte sind an der Nikolaus-August-Otto-Schule wichtig?

Unsere Schüler sollen sich kritisch, selbstbewusst, konstruktiv und konfliktfähig entwickeln. Das geht nicht von heute auf morgen, die Kinder müssen Gelegenheit zum Üben bekommen. Fehler sind erlaubt und sollten als Teil der Entwicklung gesehen werden.

Dieses Jahr haben sie zum ersten Mal die Väter verpflichtet, zum Elternkurs zu kommen. Wie kam es dazu?

Das war nicht unsere Idee, sondern ein Vater sagte uns im vergangenen Jahr, wenn er nicht freiwillig mitgekommen wäre, dann hätte er aus Erzählungen seiner Frau gar nicht begriffen, worum es geht. Jetzt ist das Seminar verpflichtend für Väter. Auch wenn die Eltern getrennt sind, kommt der Vater mit, wenn er in Berlin wohnt.

Was hat sich dadurch geändert?

Die Kurse sind jetzt doppelt so groß und gerade macht eine Kollegin die Step-Ausbildung, damit wir im nächsten Jahr wieder mit kleiner Gruppen arbeiten können. Ich erlebe Väter, die genauso offen sind wie die Mütter. Das hätte ich nicht erwartet. Mein Bild rückt sich enorm zurecht. Das ist ein wechselseitiges Lernen.

Was lernen Sie von den Eltern?

Mir war nicht bewusst, dass die Institution Schule nicht transparent ist. Die Form, in der wir heute Schule machen, ist nicht die Schule, die die Eltern erlebt haben. Ich habe früher gedacht, dass Eltern wegen mangelnden Interesses nicht zum Elternabend kommen. Aber es wurden einfach nicht die Themen besprochen, die Eltern interessieren.

Wie hat sich das Schulleben durch die Kurse verändert?

Es ist plötzlich eine Unterstützung und Offenheit durch die Eltern da, die ich in 33 Jahren Schulerfahrung nicht erlebt habe. Die Beteiligung an den Elternabenden ist höher. Die Eltern wollen jetzt ein Zimmer in der Schule für sich haben. In einer Klasse machen Eltern am Schuljahresende eine Extra-Veranstaltung, um den Einsatz der Kinder zu würdigen.

Wie wirken die Kurse auf die Schüler?

Ich denke, es beeindruckt die Kinder ganz schön, dass die Eltern für sie in Vorleistung treten und um den Schulplatz für ihr Kind kämpfen. Da entsteht Verpflichtung. Die Kinder merken, dass die Eltern bereit sind, etwas für sie zu tun. Das ändert ihre Haltung gegenüber Schule.

Wie haben sie das Step-Programm an ihre Schule angepasst?

Wir wählen eine einfachere Sprache und der Anteil der Übungen ist größer. Wir können nicht davon ausgehen, dass alle Eltern das Begleitbuch lesen. Die Eltern machen selbst Rollenspiele und Stuhlkreise. Wenn die Kinder nach Hause kommen und davon erzählen, können die Eltern mitreden.

Das Gespräch führte Dorothee Schmidt

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