Zeitung Heute : Soccer heißt jetzt Football

In Australien wird Fußball immer populärer. Das 3:1 über Japan, Australiens erster Sieg bei einer Weltmeisterschaft überhaupt, hat die Euphorie im Land noch vergrößert. Seit der Reformierung der heimischen Liga vor einem Jahr befindet sich der Sport ohnehin auf dem Vormarsch – spätestens 2018 will Australien eine Weltmeisterschaft ausrichten.

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Von Alexander Hofmann,

Sydney

In Australiens beliebter „Footie Show“ geschah diese Woche Unerhörtes: Der Moderator der Rugby-Sendung hatte sich einen Schal der „Socceroos“ um den Hals gebunden. Besser lässt sich der Umschwung im Bewusstsein der australischen Öffentlichkeit kaum festmachen: Ausgerechnet ein Vertreter der Sportart, deren Anhänger sich stets über die „merkwürdigen Rundballspieler“ lustig gemacht haben, gibt sich plötzlich als Fan der australischen Nationalmannschaft. Während „Soccer“ in Australien neuerdings „Football“ heißt, müssen sich die Anhänger der Sportart „Australien Rules Football“ (eine Mischung aus Rugby und Fußball), bald einen neuen Namen ausdenken. Ganz sicher müssen sie das, wenn die Australier heute gegen Brasilien überzeugen oder die Vorrunde überstehen.

Fußball wird in Australien schon seit Jahrzehnten als „schlafender Riese“ bezeichnet. Manchmal hat er zwar etwas gezuckt und sich gelegentlich sogar auf die andere Seite gedreht, aber letztendlich ist der Riese immer wieder sanft entschlummert. Bis jetzt. Nach Australiens dramatischer Qualifikation für die WM, die erst im Elfmeterschießen gegen Uruguay gelang, aber noch mehr nach dem ersten WM-Sieg überhaupt gegen Japan, läuft Fußball auf allen Fernsehkanälen. Dabei war Fußball mit etwa einer Million Aktiver schon seit Jahren größter Teilnehmersport, als Spitzensport hatte Fußball aber stets das Nachsehen und insbesondere in den Medien einen schweren Stand. Das hat vor allem historische Gründe. Zwar wurde schon in den damaligen britischen Kolonien vor rund 130 Jahren gekickt, Rugby, der in Australien erfundene Australian Rules Football und Cricket waren stets beliebter. Erst die vermehrte nicht-britische Einwanderungswelle vor allem aus Südeuropa brachte eine Veränderung. Für die Immigranten, deren Englisch, wenn überhaupt vorhanden, oft nicht besonders gut war, bedeutete Fußball ein Stück Heimat.

Die Klubs hatten in dieser Zeit Namen, die an die Heimat erinnerten: Croatia, Budapest oder auch Marconi. Auf dem Spielfeld wurde sich in den Sprachen der jeweiligen Herkunftsländer unterhalten, nur in der Kirche war die Verbindung zur eigenen Herkunft genauso stark.

Les Murray, der als elfjähriger unter seinem ursprünglichen Namen Laszlo Urge nach dem Ungarnaufstand nach Australien kam, ist heute der große Fußballexperte im Fernsehen, er ist beinahe in jeder Sendung zu sehen und steht für den Aufschwung der Sportart in der Öffentlichkeit. „Ich konnte bei meiner Ankunft gar nicht fassen, dass es ein Land gab, in dem Fußball nicht die Nummer eins ist“, sagt Murray.

Die Spieler der derzeitigen Nationalmannschaft sind die Nachkommen von Einwanderern wie Murray, die in den fünfziger und sechziger Jahren kamen. Den Weg nach Deutschland schaffte Australien mit einem Team, in dem Muslime, Katholiken, Orthodoxe und Anglikaner standen, Deutsche, Libanesen, Kroaten, Polynesier, Italiener, Griechen, ein paar Kindeskinder britischer Einwanderer sowie ein „echter“ Australier, der von den Ureinwohnern abstammende Archie Thompson, bildeten eine Einheit.

Ein Fan beschrieb die jahrzehntelange Verzweiflung, die manche Fans nach der ersten erfolgreichen Qualifikation ergriffen hatte, so: „Ich bin 30, aber ich habe seit 32 Jahren auf diesen Moment gewartet.“ 1974 hatten die Australier erstmals an einer WM teilgenommen. Die Feierabendspieler, die begeistert waren, kostenlose Fußballausrüstungen zu bekommen, verloren 0:2 gegen die DDR, 0:3 gegen die BRD und schafften beim 0:0 gegen Chile ihren bis dahin einzigen Punkt bei einer Weltmeisterschaft.

Ihre Nachfolger jagten einer weiteren WM-Teilnahme lange vergeblich hinterher. Und das, obwohl inzwischen sehr viele Australier ihrem Fußwerk in europäischen Ligen nachgehen. Harry Kewell beispielsweise spielt beim englischen FC Liverpool, einige Profis stehen in der italienischen Serie A unter Vertrag. Wie Harry Kewell haben viele ihre Heimat schon als Schuljungen verlassen, um an europäischen Fußballakademien zu trainieren. Die meisten Spieler werden einer breiten australischen Öffentlichkeit deshalb erst jetzt bekannt. So werden sich vielleicht in Zukunft nicht nur Schweizer für den Herkunftsort von Scott Chipperfield interessieren. Der Vater des australischen Mittelfeldspielers, der in Basel spielt, berichtete amüsiert, dass zwei Rucksackreisende aus der Schweiz extra einen Abstecher nach Wollongong südlich von Sydney gemacht hätten, um zu sehen, wo ihr Idol herkommt, das sich dort vor seinem Erfolg in Europa als Schulbusfahrer ein Zubrot zu seinem bescheidenen Lohn als Halbprofi verdiente.

Chipperfield, der schon mehr als 50 Länderspiele bestritten hat, wird beim nächsten Heimaturlaub wohl mehr Interesse als zuvor auslösen. Aber auch er wird vermutlich so bald nicht wieder in der australischen Liga spielen. Die besteht nach ihrer Neugründung vor einem Jahr aus acht Vereinen, von denen einer aus Neuseeland kommt. Der ehemalige deutsche Nationalspieler Pierre Littbarski gewann als Trainer von Sydney FC die erste Meisterschaft der neuen Liga.

Die „alte“ Liga hatte immer noch in den ethnischen Nischen gehaust, die meisten Klubs waren eng mit der Kultur europäischer Länder verknüpft und hatten damit potenzielle Fans abgeschreckt. Erst eine totale Überholung des Spielbetriebes unter Vorsitz des Milliardärs Frank Lowy und dem vom Rugby abgeworbenen Generalsekretär John O’Neill haben die Liga verändert. Es nehmen nur noch acht Mannschaften am Spielbetrieb teil, in den Vereinen spielt die Herkunft der Spieler nun keine Rolle mehr.

Seit der Reform kommen im Durchschnitt gut 10 000 Zuschauer statt wie bisher 4000. Kürzlich hat der Verband die Senderechte für die A-League und die WM-Qualifikation bis 2013 für 70 Millionen Euro an einen Kabelsender verkauft. Zwar bezeichnete Littbarski das Niveau der Vereine als „Mitte zweite Liga in Deutschland“. Der ehemalige deutsche Nationalspieler weiß aber auch um die „enorme Bedeutung der WM-Teilnahme für den Fußball in Australien“. Zudem sei es wichtig, dass sich Australien weiter in den asiatischen Verband integriere.

Die Australier träumen schon heute davon, dass ein Spiel gegen Japan vielleicht in ein, zwei Jahrzehnten ein Fußballklassiker sein könnte. Und noch ein Traum ist durch die erfolgreiche Qualifikation und den ersten Sieg bei einer WM wieder belebt worden – eines Tages will Australien Gastgeber des größten Fußballfestes der Welt sein. In dieser Woche sprach Premierminister John Howard einem solchen Vorhaben – möglicherweise schon für 2014 – die Unterstützung der Regierung zu, konkrete Planungen gibt es aber noch nicht. Deshalb kommt eine Bewerbung für 2018 eher in Frage. Dass die Australier solche Großveranstaltungen erfolgreich bewältigen können, haben sie bei den Olympischen Spielen in Sydney 2000 bewiesen.

Und wenn die „Socceroos“ so weitermachen wie bisher, braucht sich die Fifa wohl auch keine Sorgen um die Zuschauerzahlen zu machen.

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