Zeitung Heute : Soccer Mom in el Norte

Lange galt Fußball in den USA als Mädchensport oder als Minderheitenprogramm für Hispanics. Das ändert sich langsam, aber sicher. War es 1994, bei der WM im eigenen Land, noch schwierig, die Spiele im Fernsehen zu verfolgen, so ist das bei dieser WM ganz einfach. Doch mit dem Smalltalk klappt es auch heute noch nicht immer.

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Von Christoph von Marschall, Washington

Es ist anrührend, die Entwicklung dieser Beziehung zu beobachten. Und unterhaltsam dazu. Sie hat so viele Facetten: das Wunder einer jungen, noch ziemlich unschuldig-unwissenden Liebe; das Erstaunen über die Faszination, die das Objekt der Begierde anderswo auf der Welt auslöst; die Neugier, das Geheimnis dieses Zaubers zu ergründen. Dazu werden so wunderbar naive Fragen gestellt. Und die Medien entwickeln Perspektiven, für die man sich zwar auch anderswo auf der Welt interessieren, sie aber nicht derart in den Vordergrund stellen würde. Es ist wohl der besonderen amerikanischen Mischung aus protestantischer Arbeitsethik und puritanischer Lüsternheit geschuldet.

Zum Auftakt der WM haben die USA das Thema Prostitution entdeckt, ein halbes Jahr nachdem Menschenrechtsorganisationen in Deutschland Alarm geschlagen hatten und das Organisationsteam ein internationales Aktionsprogramm gegen Zwangsprostitution einleitete. Davon scheinen die US-Medien nichts mitbekommen zu haben. Direkt vor dem Eröffnungsspiel wurde Außenministerin Condoleezza Rice mit ihrer Verurteilung von Frauenhandel zitiert, nicht aber mit ihrem Lob für die von Deutschland getroffenen Gegenmaßnahmen. Das Thema wird in einer Tonlage aus Erregung und Besorgnis debattiert, wie es sich für ein Land gehört, in dem Prostitution und Kontaktanzeigen in Zeitungen verboten sind, aber das Geschäft mit Internetsex umso unkontrollierter blüht.

Zeitungen behelligen ihre Leser auf der Titelseite mit Spekulationen, wie viel Produktivität durch eine mehr als vierwöchige Fußball-WM verloren geht, durch Krankfeiern und massenhaftes Fernsehen während der Arbeitszeit. Die umgekehrte Überlegung, wie viel Motivation und zusätzliche Leistungsbereitschaft der Stolz auf nationale Erfolge auslösen könnte, sucht man – noch? – vergebens. Mit ungläubig-neidvollem Schauer kam die konservative „Washington Times“ auf vier Millionen Arbeitstage, die weltweit ausfallen, die unproduktiven Scheinarbeiter mit Fernsehgerät am Arbeitsplatz noch gar nicht eingerechnet. Kaum zu fassen: Ausgerechnet in England, dem Land, aus dem das US-Arbeitsethos stammt, wollen 50 Prozent der bekennenden Fußballfans mindestens einen Tag blaumachen! Acht Milliarden Dollar Produktivitätsverlust! Und das alles wegen Fußball?

Dieser für Europäer leicht krude Blick auf das Globalereignis Fußballweltmeisterschaft ist freilich ein Riesenfortschritt im Vergleich zu früheren Jahren. 2006 kommt die amerikanische Öffentlichkeit nicht mehr daran vorbei, die WM zur Kenntnis zu nehmen. Alle großen Zeitungen produzierten mehrseitige, farbige Beilagen, in denen sie die Mannschaften, herausragende Stars und Spielpläne erklärten – samt TV-Tipps. Jawohl, man kann die WM im Fernsehen für Normalsterbliche verfolgen, braucht weder spezielle Satellitenanlagen noch ist man auf das Bezahl-TV angewiesen. Wenn heute Abend das US-Team gegen Tschechien spielt, werden in den USA Millionen mitfiebern – nicht alle am Fernsehgerät, beim abendlichen Anstoß in Gelsenkirchen ist es hier Mittagszeit an einem Arbeitstag. Auch via Internet kann man dem Spielverlauf folgen und sitzt doch brav am Schreibtisch.

Welch ein Unterschied zu 1994, der letzten WM vor der Internetrevolution. Für deutsche Fußballfans, die damals in Amerika Urlaub machten, wurde der Auftakt zu einer ungeahnten Enttäuschung. Die USA waren Gastgeber der Weltmeisterschaft, und doch konnte man das Eröffnungsspiel Deutschland – Bolivien auf keinem der vielen Fernsehsender im Hotel sehen. Wohin man auch zappte an jenem 17. Juni, überall die gleiche langweilige Szene: ein weißer Geländewagen Ford Bronco auf einer Landstraße, gefilmt aus einem Hubschrauber. Es war die Flucht des Football-Stars OJ Simpson, der des Mordes an seiner Ex-Frau und deren Freund verdächtig war. Simpson wurde bald gefasst, mit der Fernsehübertragung der Spiele wurde es jedoch nicht besser. Rettung brachte erst die Heimkehr nach Deutschland.

Für Fußball interessiert sich in den USA auch heute nur eine Minderheit. Seine Popularität kann sich nicht annähernd messen mit der von Football, Basketball und Baseball. Aber Soccer ist im Kommen. 17 Millionen der rund 300 Millionen US-Bürger sagten 2005 von sich, dass sie Fußball spielen, Tendenz steigend, die Zahlen für Baseball und Basketball gehen zurück. Irgendetwas muss ja dran sein, wenn während der WM mehr als eine Milliarde Menschen weltweit zusehen – eine Zahl, die sich mit US-Sportarten nicht erreichen lässt. Mehr als 50 Medien berichteten vom Trainingslager der US-Mannschaft, doppelt so viele wie 2002. Die 10 000 WM-Tickets, die der US-Fußball zugeteilt bekam, waren am ersten Tag ausverkauft. 32 Tageszeitungen haben Sportreporter nach Deutschland entsandt. Stolz drucken die Blätter Bilder von der Begrüßung des US-Teams in Hamburg durch Bürgermeister von Beust mit wehenden Stars and Stripes vor dem Rathaus.

Im Nachrichtenmagazin „Newsweek“ versucht Henry Kissinger den Amerikanern die Faszination des Fußballs nahe zu bringen, erzählt von seiner Kinderbegeisterung für die SpVgg. Fürth, von seiner Bewunderung für brasilianische Individualkünstler und deutsche Mannschaftsdisziplin, von unvergesslichen Spielen wie dem Halbfinale Italien – Deutschland in der Gluthitze Mexikos 1970 oder dem Triumph der französischen Traummannschaft 1998 über Brasilien. Mit Staunen lesen die Amerikaner, dass ein so bedeutender Mann seinen Terminkalender der nächsten Wochen am Spielplan der WM ausrichtet, um nur kein wichtiges Match zu verpassen.

Der Zuwachs an Popularität des Fußballs in den USA ist vor allem zwei Gruppen zu verdanken: der Damenmannschaft und den „Hispanics“. Das US-Frauenteam hatte den weiblichen Weltfußball ein Jahrzehnt lang dominiert, war 1991 und 1999 Weltmeister geworden sowie 1995 und 2003 Dritter. Für hunderttausende Teenager wurden Mia Hamm, Kristine Lilly oder Brandy Chastaine zu Vorbildern. In den 90er Jahren wurde das Wort „Soccer Mom“ – und nicht „Baseball Mom“ oder „Football Mom“ – zum Inbegriff für Mütter, die einen Großteil ihrer Zeit damit verbringen, die Kinder nachmittags zu Training und Spielen zu fahren. Und Millionen Zuwanderer aus Mexiko, Mittel- und Südamerika brachten ihre Begeisterung für den Sport mit nach „el Norte“. Die Sender für diese Minderheit waren die Vorreiter für eine breitere Übertragung von Fußballspielen.

Das Männerteam kann von den Erfolgen der US-Frauen bisher nur träumen. Und doch trifft es nach seinen mitreißenden Spielen bei der WM 2002 auf gesteigerte Erwartungen. Ein Team, das in Korea erst im Viertelfinale an Deutschland scheitert, dem ist manches zuzutrauen. So groß sind manche Hoffnungen, dass die Medien sie bereits wieder dämpfen – eher ungewöhnlich im notorisch optimistischen Amerika. Mit Italien, Tschechien und Ghana seien die USA in einer „Todesgruppe“ gelandet, heißt es immer wieder.

Die Zeitungen glänzen mit akkuraten Informationen und Einschätzungen. Aber die Gesellschaft macht noch wenig Gebrauch davon. 2006 trifft die WM in den USA auf gesteigerte Neugier, aber noch nicht auf ein informiertes Publikum. Zur Übertragung des Eröffnungsspiels auf Großleinwand in der Deutschen Botschaft am Freitagmittag kamen mehrere hundert Gäste. Der in Deutschland beliebte Fan-Test spielte im Smalltalk kaum eine Rolle, Abseitsregeln sind zu kompliziert für amerikanisches Publikum. Dabei hätten Costa Ricas Tore Anlass geboten. Typisch waren eher Dialoge wie dieser: „Wie wird Irland abschneiden?“ – „Irland spielt diesmal nicht mit.“ – „Oh?! Meine Vorfahren kommen von dort.“

Wie auch immer das US-Team abschneidet, eine Sorge müssen Fußballfans in den USA 2006 nicht mehr haben: Dass ein Ausscheiden der USA in der Vorrunde das Ende der TV-Übertragung bedeutet. Für die Fernsehrechte 2010 und 2014 haben ABC und ESPN 100 Millionen Dollar bezahlt, zweieinhalbmal mehr als 2002 und 2006. Die Investition zeigt: Fußball ist in den USA etabliert.

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