Soldat in Afghanistan : Käßners Einsatz

Sie sind auf der Route Violet, die nach Kabul führt. Ein Auto rammt sie, ein Sprengsatz explodiert, und ein Mann verliert sein rechtes Bein. Was es heißt, in Zeiten des Kriegs Soldat zu sein.

Dagmar Rosenfeld
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Der Soldat Tino Käßner in Afghanistan.Foto: privat

MurnauDirekt hinter der Haustür, zwischen Turnschuhen und schwarzen Lederstiefeln, steht eines von Tino Käßners rechten Beinen. Tino Käßner hat vier rechte Beine. Ein Ausgehbein, ein Badebein, ein Fahrradbein und ein Sport- und Kletterbein. An diesem Nachmittag, als er den Besuch an der Haustür im oberbayerischen Murnau empfängt, trägt er sein Badebein. Unter seiner grauen Jogginghose lugt ein Stück weiße Plastikwade hervor, an deren Ende ein hautfarbener Plastikfuß mit fünf platten Zehen sitzt. Es ist das einzige seiner Beine, mit dem er ins Wasser gehen kann: In der Mitte der Plastikwade ist ein Loch, durch das kann das Wasser abfließen.

"Bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan …", so beginnt die Titelgeschichte der Tageszeitung, die auf dem Esstisch der Käßners liegt. Am Montagmittag, dem 20. Oktober 2008, werden zwei deutsche Soldaten getötet, zwei schwer verletzt, als sich ein Fahrradfahrer neben einem Bundeswehrtransporter in die Luft sprengt.

"Bei einem Selbstmordattentat in Afghanistan …", so beginnt auch Tino Käßners eigene Geschichte. An einem Montagnachmittag im November 2005 zerfetzen zwölf Kilogramm Sprengstoff sein rechtes Bein aus Fleisch und Blut.

Als "robusten Friedenseinsatz" bezeichnet das Bundesverteidigungsministerium die Arbeit deutscher Soldaten in Afghanistan. Von der Wirklichkeit, die sich hinter diesem Begriff verbirgt, wissen die Deutschen wenig - und womöglich wollen sie es gar nicht so genau wissen. Deutschland, so sagen Politikwissenschaftler, sei nach dem Zweiten Weltkrieg eine "postheroische Gesellschaft" geworden. Die Deutschen befürworteten militärische Einsätze, täten sich aber schwer damit, die Kosten solcher Einsätze zu tragen: auszuhalten, dass Soldaten deutsche Interessen durch Schießen und Sterben vertreten.

Deshalb erzählt diese Geschichte davon, was es heißt, in einer Zeit, in der die Bundeswehr dahin geht, wo der Krieg ist, Soldat zu sein. Davon, was es bedeutet, wenn der Ehemann, die Tochter oder der Vater in Bosnien oder Afghanistan ihren Dienst tun. Es ist die Geschichte von zwei Soldaten, von Antje und Tino Käßner.

"Unsere Hochzeit, 15. Juli 2006" steht auf dem schwarzen Album, darunter ein Foto mit zwei ineinander verschlungenen Händen - Antje und Tinos Händen. Auf den ersten Seiten hat Antje aufgeschrieben, was sie gemeinsam erlebt haben.

"Es war im Sommer 2003 in Rothenburg an der Fulda! Unsere Blicke trafen sich. Wir stellten uns die Frage, gehören wir zusammen? Die Zeit sollte es zeigen. Nach unserem ersten Treffen sollte erst einmal einige Zeit ins Land gehen, bis wir uns wiedersehen konnten, denn wir beide mussten in den Auslandseinsatz."

Auslandseinsatzvorbereitung, Kaserne Rothenburg. Für Antje, die damals noch Rudolph heißt, und Tino Käßner wird es der erste Einsatz im Ausland sein. Antje ist seit 1998 bei der Bundeswehr. Eine sichere Stelle sollte es sein, deswegen ist sie zur Bundeswehr gegangen. Wobei Sicherheit so eine Sache ist, wenn man sich auf acht Jahre bei einer Armee verpflichtet, die in die Regionen dieser Welt zieht, die "Krisenherde" genannt werden. Antje, die Frau mit kurzen braunen Haaren und blauen Augen, wird nach Bosnien gehen, Tino nach Afghanistan. Er ist Soldat geworden, weil er in Chemnitz in seinem gelernten Beruf, Gas- und Wasserinstallateur, nicht weit gekommen ist. Er hatte schon nach dem Grundwehrdienst überlegt, sich für längere Zeit zu verpflichten. Er mag die körperliche Belastung, die Grenzerfahrung, den vollen Einsatz eben. Ein Draufgänger ist er nicht, aber ein Draufzugeher.

An unerwarteter Stelle, irgendwo zwischen Minenkunde und Kursen in länderspezifischen Sitten, beginnt plötzlich eine Liebe. Ihre letzten Tage vor dem Einsatz in Bosnien verbringt Antje bei Tino. Sie gehen schwimmen, spazieren, reden über das, was sie wohl erwarten mag. Angst haben sie nicht, obwohl erst wenige Wochen zuvor in Kabul ein Bus der Bundeswehr von Selbstmordattentätern in die Luft gesprengt wurde. Vier Soldaten starben, 29 wurden verletzt. Es war der erste tödliche Angriff gegen deutsche Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg. Natürlich hatten sie die Bilder im Fernsehen gesehen. "Aber mit uns hatte das nichts zu tun", sagt Tino Käßner. Auch das lernt man als Soldat - Abstand zu halten von dem, was einen verwunden kann.

2004 geht Tino ein zweites Mal nach Afghanistan und im Jahr darauf ein drittes Mal.

Antje ist mittlerweile zu Tino gezogen. Ihre Zeit bei der Bundeswehr ist abgelaufen, sie macht jetzt in einer Münchner Werbeagentur eine Ausbildung als Mediengestalterin. Die Entscheidung für ein Leben mit Tino war auch eine Entscheidung für ein Leben in Zivil. "Zwei Berufssoldaten in einer Familie, das geht auf Dauer nicht gut", sagt sie. Was ist, wenn beiden etwas zustößt?

Es ist der Sommer 2005, kurz vor dem erneuten Afghanistan-Einsatz, sie machen Urlaub auf Rügen. Tino und Antje sitzen auf einer Decke am Strand. "Was wäre das Schlimmste, was dir bei deinem Einsatz passieren könnte?", fragt Antje. "Wenn ich ein Bein verlieren würde", sagt Tino, "dann würde für mich eine Welt zusammenbrechen." Tinos Leidenschaft ist der Sport, vor allem das Radfahren.

Am 14. November 2005, 14 Uhr 15, steuert Tino Käßner den gepanzerten Geländewagen aus der Einfahrt des Camp Warehouse, des deutschen Lagers. Zwei Kameraden sitzen mit im Auto. Sie sind auf der Route Violet, die ins Zentrum von Kabul führt, als von der gegenüberliegenden Fahrbahn plötzlich ein weißer Toyota herüberzieht, auf den Geländewagen zuhält und in die Fahrerseite kracht. Käßner tritt das Bremspedal durch, sein Wagen kommt ins Schleudern, prallt gegen einen Betonpfeiler. Die Airbags springen auf. Die drei Soldaten steigen aus, um nachzusehen, was mit dem Wagen ist. Als Tino Käßner sich umdreht, sieht er, wie der weiße Toyota wendet und frontal auf ihn zufährt. "Irgendwas geht hier schief", denkt er. Dann kommt der Knall. Tino Käßner liegt am Boden, Stille und Staub umhüllen seinen Körper, noch brennender als der Schmerz in den Beinen sind die Fragen in seinem Kopf. Wie geht es den beiden anderen? Werden wir jetzt hier verrecken? Da weiß er noch nicht, dass der eine Kamerad keine Beine mehr hat und der andere tot ist. Er versucht aufzustehen, aber es geht nicht. Er sieht sein rechtes Bein, das merkwürdig verdreht ist, riecht das Blut, das dunkle Flecken in den Staub zeichnet.

Was macht ein Mensch, der in Todesangst an einem Straßenrand in Kabul liegt? Schreien? Weinen? Tino Käßner greift in seine Hosentasche, dort, wo das Verbandspäckchen ist, und versucht, das blutende Bein abzubinden. Plötzlich sind da britische Soldaten, sie bringen ihn in die Krankenstation eines amerikanischen Camps, das nur 500 Meter entfernt ist. Dort wollen sie ihn ausziehen. Tino Käßner liegt mit flatternden Augenlidern auf dem Untersuchungstisch, seinen Körper durchschüttelt ein ruckartiges Zucken, weil der Kreislauf aufgeben will. Sein Verstand aber funktioniert noch: "Vorsicht, in meiner Hose ist eine geladene P8, nicht dass die noch losgeht", sagt er. Dann steht auf einmal ein Soldat aus seinem Camp neben ihm, "alles wird gut", flüstert der ihm ins Ohr. Da weiß Tino Käßner, dass er heimkommen wird und dass er jetzt, endlich, ohnmächtig werden kann. In einer Münchener Werbeagentur steht Antje Rudolph an einem weißen Konferenztisch, die Hände auf die Lehne eines schwarzen Lederstuhls gestützt und fragt die beiden Männer in Uniform, ob sie ihnen einen Kaffee anbieten kann. Es ist der verzweifelte Versuch, Normalität zu bewahren, obwohl Antje Rudolph weiß, dass nichts mehr normal sein wird, wenn uniformierte Bundeswehrangehörige sie an ihrem Arbeitsplatz "dringend sprechen müssen". Es ist 17 Uhr 50 mitteleuropäischer Zeit, als für Antje Rudolph das Unvorstellbare Wirklichkeit wird.

"Am nächsten Morgen hörte ich, dass du stabil bist und nach Deutschland geflogen wirst. 48 Stunden nach dem Anschlag erfuhr ich auch, was mit dir ist. Die Ärzte sagten, dass du im Koma liegst, du aber deinen Unterschenkel verlieren wirst. Fünf Tage später, am 19. November bist du aus dem Koma erwacht, wie Dornröschen aus ihrem 100-jährigen Schlaf. Ich war da …"

Sie stehen aufgereiht am Krankenbett, Antje, Tinos Mutter, die Schwester. Der Vater bleibt lieber etwas abseits, hinten am Bettende. Ihre Gesichter sollen Tino willkommen heißen, wenn er ins Leben zurückkehrt. Die Angst versuchen sie hinter einem Lächeln zu verbergen. Die Angst davor, ihm erklären zu müssen, warum die Bettdecke am rechten unteren Ende flach aufliegt, warum da, wo sich eigentlich die Konturen seines Beins abzeichnen sollten, nichts mehr ist. "Was macht ihr denn hier", sind seine ersten Worte. Sie lächeln, ein wenig unbeholfen. "Scheiß Phantomschmerz" sind die Worte Nummer 6 und 7, mit denen er sich seiner neuen Wirklichkeit stellt. Niemand weiß bis heute, woher er in diesem Moment vom Verlust seines Beins wusste.

Am Anfang weint Tino viel - nicht aus Trauer oder Wut, auch nicht um sein rechtes Bein. Es sind Tränen der Rührung. Sie fließen, als der Spieß ihm eine bayerische Flagge mitbringt, auf der alle Kameraden aus der Kompanie unterschrieben haben. Sie strömen über seine Wangen, als ein Freund ihm eine CD schenkt: "Dieser Weg wird kein leichter sein" von Xavier Naidoo. Der hat eine Widmung für Tino auf die Hülle geschrieben.

Was am 14. November in Kabul passiert ist, daran kann er sich recht genau erinnern. Und er kann es aussprechen. Er erzählt es Antje, den Psychologen, die ihn betreuen, den BKA-Beamten, die ihn vernehmen. Als Tino erfährt, dass sich seine Version mit den Ermittlungen des BKA deckt, ist er erleichtert. "Zu wissen, dass es wirklich so gewesen ist, und vor allem, dass wir nichts falsch gemacht haben, das ist ein gutes Gefühl." Eine Erklärung, warum er sich so bedingungslos auf sein neues Leben einlassen und sein altes Leben loslassen konnte, haben weder Ärzte, Psychologen noch Tino Käßner selbst. Posttraumatische Belastungsstörung, kurz PBS, nennen Psychologen den Krieg im Kopf, der nicht aufhören will. Die Zahl der Soldaten, die aus Auslandseinsätzen zurückkommen und das Erlebte nicht verarbeiten können, steigt: 671 sind es seit 1996, 392 davon seit 2003. Ein Jahr zuvor waren die ersten deutschen Truppen in Afghanistan gelandet.

Nach dreieinhalb Wochen im Bundeswehrkrankenhaus Koblenz darf Tino nach Hause, auf Krücken gestützt geht er durch die Flure, aufrecht auf zwei Beinen.

Antje schreibt: "… und mir war klar, ich will immer für dich da sein. Wir wollen zusammen kämpfen."

Hannah ist ein Jahr alt, sie hat blaue Augen wie ihre Mutter. In der Hand hält sie einen weißen Plüschengel. Ein ganzes Himmelsregiment haust im Wohnzimmer der Käßners. "Wir glauben nicht an Gott, aber damals in Afghanistan müssen hunderte Schutzengel bei Tino gewesen sein", sagt Antje Käßner. Seitdem dürfen sich die Engel in ihrem Wohnzimmer ausruhen. Tino Käßner ist jetzt Vorruheständler und Radfahrer mit Handicap. Er hätte bei der Bundeswehr bleiben können, auch am Schreibtisch gibt es genug Arbeit für einen Soldaten. "Ich hätte meine Uniform nicht richtig ausgefüllt", sagt er. Soldat zu sein hat für Tino Käßner viel mit Körperlichkeit zu tun. Vor kurzem hat ihn die Männerzeitschrift "GQ" zum Helden erklärt, ein ganzseitiges Foto haben sie von ihm gebracht, in einem silberglänzenden Radtrikot. Als Held betitelt zu werden, das hat Tino Käßner nicht gefallen. "Sein rechtes Bein zu verlieren, das macht noch keinen Helden aus", sagt er. Es sei ein Berufsunfall gewesen.

Auch wenn Tino Käßner kein Soldat mehr ist, plant er schon den nächsten Auslandseinsatz: Olympia 2012 in London, dafür trainiert er täglich sechs Stunden.

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