Zeitung Heute : Soldaten gehen, Studenten kommen

Seit mittlerweile zehn Jahren kommen junge Amerikaner über das Berlin Consortium for German Studies an die Freie Universität. Dadurch soll die enge transatlantische Bindung Berlins durch den akademischen Transfer gestärkt werden

Oliver Trenkamp

Endlich darf Karoline rauchen. Auf der Straße, im Café, an der Uni, im Zug – fast nirgends muss sie auf Zigaretten verzichten. „Das gefällt mir an Berlin“, sagt die 20-Jährige, „außerdem ist das Nachtleben hier viel billiger als in New York.“ Sie grinst und wendet sich wieder ihrem Computer zu, aus dem Laptop kommt laute Musik. Karoline studiert Politik – eigentlich an der Columbia University, direkt am Broadway, in New York. Jetzt sitzt sie in Berlin-Dahlem, im Seminarraum des Berlin Consortium for German Studies, einem Programm einiger Elite-Unis aus den Vereinigten Staaten, der so genannten Ivy-League, und der Freien Universität.

Doch Karoline ist nicht zum Rauchen nach Berlin gekommen. Sie ist eine von 36 Gaststudierenden, die für bis zu zwei Semester das verschulte amerikanische Uni-System und den übersichtlichen Campus mit den kurzen Wegen hinter sich gelassen haben, um die deutsche Uni humboldtscher Prägung mit zum Teil heillos überfüllten Kursen kennen zu lernen. Seither besucht sie Seminare wie „Gewalt gegen Frauen aus internationaler Perspektive“ und „Politische und rechtliche Grundlagen für die männliche Erinnerungskultur“. Sie und ihre Kommilitonin Modessa von der University of Pennsylvania finden: „Ein herrlicher Titel.“ Beide müssen lachen. Während Karoline später für eine Nichtregierungsorganisation arbeiten oder in die Politik gehen will, plant Modessa ihre Karriere als Mitarbeiterin einer amerikanischen Firma in Deutschland und will deswegen auch noch Jura studieren. In beiden Lebensläufen macht sich der Aufenthalt in Berlin sehr gut. Die Sprachkenntnisse und die akademischen Leistungen sind für die jungen Amerikanerinnen zwar wichtig, das Leben und Zurechtkommen in einer ganz und gar fremden Großstadt aber mindestens ebenso.

Und genau das ist der Ansatz des Programms. „Die Studierenden sollen hier kein kleines Amerika vorfinden“, erklärt Carmen Müller von der FU, Resident Administrative Director des Consortiums. „Das ist kein Inselprogramm“, sagt sie, „die jungen Amerikaner sind hier voll integriert.“ Das gilt sowohl für das akademische als auch für das außeruniversitäre Leben. Vom Stundenplan bis zur Wohnungssuche – der Alltag an der FU und in Berlin stellt Karoline und Co. vor immer neue Herausforderungen. Zu Hause sind die Kurse meist vorgegeben, hier muss aus dem breiten Angebot das Richtige gewählt werden.

Bevor es in die eigene Wohnung oder WG geht, findet zur Eingewöhnung ein vierwöchiges „Homestay“ statt, während dessen die Studierenden in Gastfamilien leben. Details des Alltagslebens werden dabei manchmal zu kleinen Hindernissen: In einem der früheren Jahrgänge traute sich eine junge Amerikanerin die ganze erste Nacht ihres Aufenthalts nicht auf die Toilette. Ihr war die Klospülung der Altbauwohnung nicht geheuer. Niemand hatte ihr erklärt, dass sie zum Spülen an der Kette hätte ziehen müssen.

Carmen Müller lacht angesichts solcher Anekdoten. Sie und die anderen Mitarbeiter stehen mit Rat und Tat zur Seite. „Wir stellen die Infrastruktur, die Betreuung und übersetzen zum Beispiel die hier erworbenen Noten ins amerikanische System“, sagt sie. Die beteiligten US-Unis schicken abwechselnd einen Professor als Academic Director nach Berlin, momentan ist es die Kunsthistorikerin Cordula Grewe von der Columbia. Außerdem helfen studentische Tutoren. Doch das Ziel bleibt, dass die Gäste aus Übersee auf eigenen Beinen stehen. „Die ersten Anrufe bei der eigenen Wohnungssuche kosten natürlich Überwindung“, so Müller. Nach der Eingewöhnung kommen die meisten aber sehr gut zurecht.

Seit mittlerweile zehn Jahren kommen junge Amerikaner über das Berlin Consortium an die Freie Universität. Nach dem Abzug der Alliierten, so die Idee, sollte die enge transatlantische Bindung Berlins durch den akademischen Transfer gestärkt werden. Gerade die FU mit ihren sehr guten Beziehungen in die USA bot sich als Partneruniversität für die renommierten amerikanischen Hochschulen an, darunter auch Princeton und Yale. „Die Soldaten gehen, die Studenten kommen“, bringt es Müller auf den Punkt. Die Historikerin ist Absolventin des John F. Kennedy-Instituts für Nordamerikastudien der FU und war oft in den USA. Von Anfang an, dem Sommersemester 1996, koordiniert sie das Programm. Damals wurden die Studierenden noch im Wohnheim untergebracht. „Davon haben wir schnell Abstand genommen“, sagt Müller, „die Gruppe war dann zu sehr unter sich.“ Es wurde fast ausschließlich Englisch gesprochen. Jetzt, in den Gastfamilien, müssen sich die Gäste in der deutschen Sprache und Kultur zurechtfinden.

Neben Exkursionen gehören Praktika zu dem umfangreichen Programm. Auch wenn letztere nicht zwingend sind, nehmen viele der Gaststudenten das Angebot in Anspruch. Darunter sind Arbeiten in der Senatskanzlei, in PR-Firmen oder in Anwaltsbüros. „Das sind keine Kopierjobs“, betont Müller, die einen der Brückenkurse des Programms unterrichtet.

Mehr als 370 Studenten kamen über das Berlin Consortium aus den USA schon nach Berlin. Und während nach dem 11. September 2001 die Zahlen bei anderen Programmen zurückgingen, gab es beim Consortium sogar Zuwächse. Allerdings mussten sich die Studierenden oft für die Politik ihrer Regierung verteidigen. „Die Streitkultur ist in Deutschland eine andere als in den USA“, erklärt Müller, „hier geht es oft etwas aggressiver zu.“ Darauf habe man die Gäste aber vorbereitet: „Es geht ums Thema, nicht um die Person – auch bei harten Diskussionen.“ Dazu kommt: Viele Amerikaner sind ganz und gar nicht einverstanden mit der Politik von Bush.

Karoline und Modessa haben gerade ganz andere Probleme. Sie dürfen ein Buch, das sie für ihre Hausarbeit brauchen, nicht ausleihen. „Eure Präsenzbestand-Bürokratie ist merkwürdig“, sagt Modessa und Karoline ergänzt: „Außerdem machen die viel zu früh zu. Genau wie die Geschäfte.“ Solche Dinge funktionieren in den USA einfach besser. Insgesamt fühlen sich beide aber pudelwohl in Berlin und wollen nach ihrem Studium wiederkommen. Jetzt zündet sich Karoline erstmal eine Zigarette an.

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