Zeitung Heute : Solidarität mit der Vergangenheit

Die Parteichefin galt vor ihrer Rede als isoliert, danach verzogen ihre männlichen Herausforderer erstaunt die Gesichter. Gabi Zimmer hat zwar nicht über die inhaltliche Zukunft der PDS gesprochen, aber viele Herzen der Basis zurückerobert. Das reichte für den Sieg.

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Von Sabine Beikler

und Matthias Meisner, Gera

Roland Claus steht vor dem Sitzungssaal der PDS im Kultur- und Kongresszentrum in Gera. Zitternd hält er ein Glas Wasser in seinen Händen: Ihm ist mulmig, in ein paar Minuten spricht er vor den 426 Delegierten. Sein Auftritt am frühen Abend ist gut abgepasst: Die Generaldebatte ermüdet nach Stunden allmählich auch die hartgesottensten Genossen. Claus tritt vor das Mikrofon und verkündet, womit keiner mehr gerechnet hatte: „Ich möchte für den Parteivorsitz kandidieren.“ Der Applaus hält sich in Grenzen. In diesem Augenblick hat die Partei drei Kandidaten für den Parteivorsitz: Gabi Zimmer, Dietmar Bartsch und Roland Claus. Aber auch das wird sich schnell wieder ändern an diesem verrückten Abend in Gera, dessen Ausgang endgültig erst kurz vor Mitternacht entschieden war.

Ist das Taktik, Machtbewusstsein oder Selbstüberschätzung, was Claus zu seiner Kandidatur bewogen hatte? Der Noch-Fraktionschef betont mehrmals, er „stehe in gutem Kontakt zu Gabi“. Nein, sein Verhältnis sei mitnichten zerrüttet. Warum er trotzdem gegen „die Gabi“ kandidiert? Er wolle halt keine Lagerbildung. Im Gegenteil: Mit seiner Kandidatur sollten sich die beiden Seiten „entspannen“, sagt er. Claus’ engste Parteifreunde indes sehen seine Entscheidung mit Befremden. Petra Sitte, Fraktionschefin in Sachsen-Anhalt, sagt, er habe sich mit niemandem beraten – „und ich hätte ihm auch davon abgeraten“. Ob er überhaupt etwas von dem Tagesablauf mitbekommen habe? Die Sympathien der meisten Delegierten liegen am Abend bei Gabi Zimmer. Obwohl ihr Tag ganz anders angefangen hatte.

Am Samstagmorgen bereitete sich die PDS-Parteichefin im Dorint-Hotel in Gera auf ihren Auftritt wenige Stunden später vor – bei Rühreiern mit Toast und Schokoflocken mit Milch. Mit dem Beginn des Parteitages sieht es so aus, dass Gabi Zimmer in der PDS isoliert ist. Reihenweise sind die Genossen in Interviews von ihr abgerückt. Der Ehrenvorsitzende Hans Modrow, einst einer ihrer wichtigen Förderer, hat ihr vor ein paar Tagen ins Gesicht gesagt, dass er Zweifel an ihrem Führungstalent habe. Dabei hat Zimmer einen Trumpf im Ärmel. Die als Konkurrenten gehandelten Kandidaten Bartsch und Claus sind beide umstritten. Und eines schien bereits klar, als sie sich am Freitagabend erstmals öffentlich zeigte: So schnell werde sie sich nicht zermürben lassen. Das signalisiert Zimmer.

Und sie beweist es. Am Ende ihrer Rede darf sie gemessen an dem, was vorher alles passiert war, sehr zufrieden sein. Überraschend zufrieden. Die Parteichefin nennt am Anfang ihrer Rede die Konzeptlinie: Entweder künftig als linke, sozialistische Partei oder als „ostdeutsches sozialdemokratisches Projekt" zu fungieren. Damit trifft sie den Nerv der meisten Delegierten, nämlich das Unbehagen gegen rot-rote Koalitionen. Harte Geschosse fährt die Parteichefin gegen die Koalitionen in Schwerin und Berlin auf. Trotz der engen finanziellen Spielräume müsse die PDS „sozial gerecht" handeln und einen offenen und transparenten Stil an den Tag legen. Immer wieder gibt es Applaus, kritische Zwischenrufe bleiben dagegen aus. Zimmer wirft den Landesverbänden unter Rot-Rot indirekt „bedingungslose Regierungsbeteiligung, bedingungsloses Vorgehen, einen opportunistischen Politikstil“ vor. Das bringt Parteifreunde aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern in Rage. Wir bewegen uns an der Grenze zur Denunziation, sagt Benjamin Hoff aus Berlin. Helmut Holter, Vizeministerpräsident in Schwerin, glaubt, Zimmer habe mir ihrer Rede die Stimmungslage getroffen. Aber: „Sie hat nicht deutlich gemacht, was die PDS in dieser Gesellschaft will." Der Berliner PDS-Senator Thomas Flierl wiederum ist über die Einfalt ihrer „Lösungsansätze" entsetzt.

Zimmer spricht zwar davon, dass die Partei nicht Strategie- und konzeptlos sei, aber wie die künftige Richtung und Programmatik auszusehen haben, erklärt sie nicht. Die Frage nach der Auseinandersetzung zwischen Gestaltung und Gestaltungsanspruch sieht die Parteichefin als wesentlichen Konflikt? Was heißt Zukunft für die Partei? Eine Antwort erhalten die 426 Delegierten darauf nicht. In der Friedenspolitik indessen kann die Partei nach wie vor Flagge zeigen. „Kein Krieg im Irak!", ruft sie aus – und auch hier brandet – natürlich – Beifall auf. Ihre Anhänger, und das sind viele an der Basis, feiern sie jetzt. Stehende Ovationen gibt es für die Parteichefin, und die Spitzenpolitiker, die Zimmers Abwahl herbeisehnen, verziehen die Mienen. „Das ist schon die halbe Miete gewesen", ruft Uwe-Jens Heuer der Parteichefin zu, als sie den Saal verlässt. „Wunderbar", gratuliert die frühere DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft, und Freudentränen stehen ihr in den Augen. Und Zimmer lässt sich von den Genossen ganz lieb drücken.

Von da an ahnt Dietmar Bartsch, der dritte im Kandidatenbund, dass er an diesem Tag nichts mehr reißen wird. Und deshalb zieht er später seine Kandidatur zurück. Er wisse ja, dass er nicht der „Königsweg“ sei. Und kann das Sticheln gegen seine Parteichefin doch nicht lassen: „Ich will nicht die Delegierten, sondern die Gesellschaft gewinnen.“ Spät abends trinkt Bartsch an der Bar ein Bier und sagt sarkastisch: „Jetzt werde ich doch nicht mehr Vorsitzender.“ Und er sieht aus, als denke er: Und der Claus auch nicht.

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