Zeitung Heute : Soll ich oder soll ich nicht?

Tatort Computer: Das neue Urheberrecht wirft für kopierwillige Musikhörer und die Industrie neue Fragen auf

Markus Ehrenberg

Bald könnte das Zigarettenkaufen noch mehr Überwindung kosten. Röntgenbilder von krebsbefallenen Lungen sollen auf der Schachtel zu sehen sein, wie das schon in Kanada praktiziert wird. Das fordern Gesundheitspolitiker. Damit auch dem Letzten klar wird: Rauchen gefährdet Ihre Gesundheit. Man darf gespannt sein, wie die Zigarettenwerbung damit umgeht. In einer ähnlichen Zwickmühle steckt die Firma Sony. Musik aufnehmen könnte Ihre Unschuld gefährden, steht da sinngemäß bei der neuesten Sony-Kampagne für einen MiniDisc-Walkman, unten im Kleingedruckten der DIN-A4-großen Anzeige.

In der Langfassung liest sich das freilich etwas komplizierter. Zu sehen ist eine gewisse „Becky“, die sich über ihren ersten „Musik Download auf MiniDisc“ freut. Möglich machen das tragbare Computer wie das Vaio-Notebook und der Net-MD-Walkman. Alles Spitzentechnologie, mit deren Hilfe man im Internet nach Musikstücken suchen, sie aufnehmen und auf mobile Abspielgeräte übertragen kann. So weit so gut. Dank des neuen Urheberrechts, das vor einigen Tagen in Kraft getreten ist, könnte „Becky“ mit ihren Downloads allerdings in Schwierigkeiten geraten. Dann nämlich, wenn Juristen in dem Herunterladen von Musik aus dem Internet einen Diebstahl erkennen, weil „Becky“ dafür in illegalen Musikbörsen unterwegs war. Darauf weist Sony auf der Anzeige kleingedruckt hin: „Das Aufnehmen und Wiedergeben von urheberrechtlich geschütztem Material kann ohne Genehmigung des Inhabers der Urheberrechte rechtswidrig sein.“

Vorsicht mit dem freigiebigen Anwenden der schicken, neuen Geräte also, die eigentlich für die grenzenlose, mobile Freiheit im Umgang mit Musik sorgen sollen. Die „Süddeutsche Zeitung“ sieht in solchen absurden Konsequenzen aus dem neuen Urheberrecht schon einen Aufbruch ins „wilde Kopieristan“, der Internet-Dienst „telepolis“ gar einen „Bereich des Halbwahnsinns“. Gerätehersteller (wie Sony), Musiklieferanten (wie Sony) und Musikhörer bewegen sich weiterhin auf recht unsicherem Gebiet. Man muss sich im Internet nur mal bei sonymusic.de unter „Kopierschutz“ umschauen oder besser noch auf der Homepage internetrecht-rostock.de/urheberrecht-faq.htm, um zu sehen, wie viele Fragen auch nach dem Inkrafttreten des neuen Urheberrechts offen bleiben. Das betrifft den Bereich der Privatkopien (die im Kern ja erlaubt sind), des Kopierschutzes und seiner Umgehung, sowie all die zivilrechtlichen und wettbewerbsrechtlichen Folgen.

Viel Arbeit also für Bundesjustizministerin Brigitte Zypries. Von allen Seiten gibt es Verbesserungsvorschläge und Nachfragen. Darf ich privat für meine Freundin von meiner CD eine MiniDisc kopieren? (Ja) Und danach auch noch für deren Freundin? (Jein) Haben bald alle Kauf-CDs einen Kopierschutz? (Wahrscheinlich ja, sagt Sony) Und machen die dann nicht meinen CD-Player kaputt? (in den Test-Labors bislang nicht).

Vielleicht könnte man das Kopieren prinzipiell auch ganz abschaffen. Schon fordert die Industrie die De-facto-Abschaffung der Privatkopie. Kopien zum privaten Gebrauch sollten laut Interessenverband der Phonographischen Industrie (IFPI) nur dann zulässig sein, wenn danach eine „ausschließlich analoge Nutzung“ stattfindet. Von der „Rückführung der digitalen Privatkopie in ein Exklusivrecht“ verspricht man sich das Entstehen eines Marktes für Privatkopien. Kunden könnten das Recht auf eine private Kopie separat erwerben. „Becky“ müsste dann also noch genauer aufpassen, was sie aus dem Internet aufnimmt und abspielt.

So wie das Sony-Werbemädchen machen das rund 22 Millionen Deutsche jährlich. Jeder Einzelne kauft weniger CDs. Brennen ist Volkssport. Die Anzahl der mit Musik gebrannten CD-ROMs stieg 2002 im Vergleich zum Vorjahr um 42 Prozent. Eine Viertelmilliarde CD-Rohlinge wurden kopiert (das sind 100 Millionen Stück mehr als verkaufte CD-Alben!) – nur mit Musik, ob zum Privatgebrauch oder nicht.

Auf der Wunschliste der IFPI finden sich dann auch weitere Punkte, mit denen man den Einbrüchen bei den Tonträgerumsätzen entgegentreten will. So sollen Internet Service Provider (ISPs) in die Verantwortung genommen werden, wenn Kunden über ihre Internetzugänge geschütztes Material verbreiten. Darüber hinaus könnten Auskunftsansprüche seitens der Rechteinhaber gegen die ISPs verstärkt werden. Das bedeutet konkret: die Preisgabe von Kundendaten. Im Entdeckungsfall schlägt die Industrie einen „Verletzerzuschlag“ in Höhe des Zweifachen der eigentlichen Lizenzgebühr vor, der bei nachgewiesener Urheberrechtsverletzung erhoben werden kann. Die Musikindustrie hofft, durch diesen Maßnahmenkatalog wieder einen „funktionsfähigen Markt“ herzustellen, in dem ihr bis vor einigen Jahren äußerst lukratives Geschäftsmodell auch weiterhin Früchte trägt.

Für die von kopiergeschützten CDs düpierte Kundschaft bleibt abzuwarten, ob in die Entwicklung von attraktiven Online-Angeboten genauso viel Energie gesteckt wird wie in die Umformung der juristischen Rahmenbedingungen. Was nützen „Becky“ legale Services bei WOM, wenn das musikalische Angebot dürftig ist oder zu viel kostet? So nimmt Sony mit Zähneknirschen in Kauf, dass man immer bessere Technologien für immer intelligenteres Aufnehmen und Abspielen von Musik zur Verfügung stellt, man aber gleichzeitig nicht genau weiß, wie man Raubkopien verhindern soll. „Klar schlagen da zwei Herzen in unserer Brust. Mit der MiniDisc-Kampagne und den Warnhinweisen zeigen wir aber, dass wir das neue Copyright-System unterstützen“, sagt Unternehmenssprecherin Doreen Pankow. Es gebe ja genug Musik-Portale, die legale Ware zum Download anbieten.

Ganz scheint Sony seiner eigenen „Download-Werbung“ nicht mehr zu trauen. Die auf der großen Anzeige beworbene Internet-Adresse www.sony.de/connect sollte eigentlich die offenen Fragen der Kunden klären. Tippt man sie in den Browser ein, taucht eine weitestgehend leere Seite auf.

Hilfe im Internet:

www.internetrecht-rostock.de/urheberrecht-faq.htm

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