Zeitung Heute : Soll Schwarzfahren doppelt so teuer werden?

Der Tagesspiegel

In jedem anständigen Land gibt es Schranken, Sperren, Drehtüren. Nur in Deutschland, dem großen Land der Gewissensentscheidung, darf man einfach aufs Perron treten. Und da steht man dann neben den Automaten, der eine voll von Süßkram, der andere nur mit Fahrscheinen gefüllt. Ob in München, Frankfurt oder Berlin: frei ist der Mensch, einen Fahrschein zu ziehen oder nicht, seinem nackten Gewissen überlassen, ein Schwarzfahrer zu sein. Doch das Gewissen, das lässt sich schrecken, hofft jedenfalls der so genannte Bund-Länder Fachausschuss, und erhöhte gerade das „erhöhte Beförderungsentgelt" von 30 auf 40 Euro. Bundesweit gilt diese „Verordnung über die allgemeinen Beförderungsbedingungen", die anders als ein Bundesgesetz nur vom Bundesrat abgesegnet werden muss.

Die einzelnen Verkehrsunternmehmen müssen sich allerdings nicht strikt daran halten. Sie können problemlos weniger kassieren als bundesweit festgesetzt, ein höheres Bußgeld darf es aber nicht sein.

Ärgerlich für die BVG, denn sie würde gerne kräftiger zulangen. „Erst wenn die Strafe fürs Schwarzfahren mindestens doppelt so hoch ist oder dem Preis einer Monatskarte entspricht“, sagt ihr Sprecher, „werden Schwarzfahrer abgeschreckt.“

Auf 6,6 Millionen Fahrgäste kamen im vergangenen Jahr in Berlin rund 240 000 ertappte Schwarzfahrer, die wirkliche Quote ist vermutlich noch viel höher. Nach eigenen Schätzungen entgingen der BVG dadurch weit über 10 Millionen Euro, etwa die Summe, die eine Gebührenerhöhung brächte. Doch an der Preisschraube lässt sich kaum mehr drehen. Die BVG muss sich schon jetzt den Vorwurf anhören, teurer zu sein als vergleichbare Verkehrsunternehmen in Deutschland. Auch deshalb gebe es viele Schwarzfahrer, wird von deren Seite argumentiert.

Doch lassen sie sich durch drastische Geldbußen abschrecken? Die BVG darf es derzeit nur eingeschränkt ausprobieren, weshalb ihr Betriebsrat zumindest in Bussen wieder auf mehr Kontrolle setzt. Er will den hinteren Einstieg auch tagsüber verbieten. Es wäre die Rückkehr der Schranke. Während das noch diskutiert wird, schafft der Bund-Länder-Ausschuss weitere Fakten: Nun will er auch eine Geldbuße für das verbotene Rauchen auf Bahnsteigen, in Bussen und Bahnen in die „Verordnung über die allgemeinen Beförderungsbedingungen" aufnehmen. Bisher reagieren die meisten Verkehrsunternehmen kraft ihres Hausrechts mit Ermahnungen, was in der Regel ignoriert wird. Doch in Zukunft dürfen sie auch kassieren. „Rauchen in den öffentlichen Verkehrsmitteln“, so Thomas Hilpert vom Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, „gefährdet schließlich nicht nur die Sicherheit, sondern erhöht auch die Reinigungskosten.“ Geplant ist ein bundesweit geltendes Bußgeld von 15 Euro. Moritz Schuller

PRO

Natürlich würden wir am liebsten alle gratis mit der BVG fahren. Insofern ist es nur verständlich, dass Schwarzfahrer und ihre Fürsprecher Bußgelder ablehnen und dagegen sind, dass die Strafe fürs Fahren ohne Ticket angehoben wird. Und sie haben ja durchaus sympathische Motive. In einer idealen Welt bräuchten wir weder Fahrscheine noch Bußgelder. Aber wir leben in der Wirklichkeit. Und in der funktionieren manche Dinge eben nicht, wenn sich jeder so benimmt, wie er es für richtig hält, ohne Rücksicht auf das Ganze. Denn: Der öffentliche Nahverkehr ist eine Solidargemeinschaft. Und die basiert darauf, dass sich jeder an ihre Spielregeln hält. Schwarzfahrer hingegen sind Egoisten, die nur an sich denken. Und dabei das fein ausbalancierte Gefüge des öffentlichen Verkehrssystems überstrapazieren – und zwar weniger zu Lasten der BVG, sondern primär auf Kosten aller ehrlichen U-Bahn- und Busfahrgäste. Das Unternehmen hingegen, über dessen teure Tarife viele Kunden zu Recht stöhnen, kratzt das Fehlverhalten der fahrscheinlosen Minderheit kaum. Die Zahl der Schwarzfahrer steigt? Na, dann setzen wir doch einfach die Preise noch ein bisschen herauf. Die Zeche zahlen all jene Bürger, die täglich brav ihren Anteil an der Solidargemeinschaft entrichten. Und die sich zu Recht fragen, wieso sie den Fahrkartenautomaten mit ihren sauer verdienten Euros füttern, wenn doch das Bußgeld für Schwarzfahrer gerade mal 30 oder 40 Euros beträgt. Kurz- um: Wenn die Solidargemeinschaft funktionsfähig bleiben soll, muss den Schwarzfahrern die Strafe für ihren Egoismus weh tun. Eine Verdoppelung des Bußgeldes wäre zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung. Lars von Törne

CONTRA

Zunächst die Fakten: Die BVG nahm im vergangenen Jahr von 240 000 erwischten Schwarzfahrern elf Millionen Mark (5,6 Millionen Euro) „erhöhtes Beförderungsentgelt“ ein - eine hübsche Nebeneinnahme, die den chronisch klammen Verkehrsbetrieben hochwillkommen ist. Und genau darum geht es: um mehr Geld. Weil an der Preisschraube für die Fahrscheine nach den Erhöhungsrunden der letzten Jahre nicht schon wieder gedreht werden konnte, greift die BVG ab 2003 eben tiefer in die Gebührenkiste. Bei allem Verständnis dafür, dass die Verkehrsbetriebe den Schwarzfahrern das Leben schwer machen wollen - und im Interesse aller Kunden auch müssen: Sie sollte den Mut haben, das Kind deutlicher beim Namen zu nennen. Nicht mehr Abschreckung ist das Ziel der BVG-Strategen, sondern mehr Euro in der Betriebskase.

Die alte Strafe, 30 Euro, sind genauso erzieherisch wie 40 Euro - beides tut weh. Gerade, weil es häufig die sozial Schwachen sind, die kein Ticket kaufen. Der Pädagogik wäre also auch mit 30 Euro genüge getan.

Wenn mehr Abschreckung das Ziel wäre, dann setzte die BVG mehr Kontrolleure ein. Schließlich ist derzeit die Wahrscheinlichkeit, einem Kontrolleur in die Arme zu laufen, nicht groß. Dazu gehört auch, in den frühen Morgenstunden oder späten Abendstunden genauer hinzuschauen.

Doch davon ist beim Berliner Öffentlichen Nahverkehr bisher wenig zu spüren. Ist es einfach nur Unlust, oder geht es auch hier wieder ums Geld? Denn mehr Kontrolleure würden zwar mehr Strafgebühren einnehmen, doch auch mehr Geld kosten. Doch das ist besser, als sich dem Vorwurf der Abzocke auszusetzen. Ingo Bach

Was meinen Sie?

Soll das Bußgeld für Schwarzfahrer verdoppelt werden?

Rufen Sie am heutigen Sonntag zwischen 8 und 24 Uhr an.

Wenn Sie dafür sind, wählen Sie 0137-203333-1, sind Sie dagegen wählen Sie die 0137-203333-2. (Kosten pro Anruf: 12 Cent). Das Ergebnis veröffentlichen wir am kommenden Dienstag.

Abstimmung auch im Internet:

www.tagesspiegel.de/ted

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