Zeitung Heute : Sollten wir uns impfen lassen?

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Das Szenario, das von Gesundheitsministerium und Robert KochInstitut für den unwahrscheinlichen Fall eines Einsatzes der Pocken als Biowaffe ausgearbeitet wurde, sieht drei Phasen vor: Gegenwärtig (Phase 1) wird Impfstoff gelagert. Wenn irgendwo auf der Welt ein Pockenfall auftreten sollte (Phase 2), werden in Deutschland medizinisches Personal und einige für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens wichtige Gruppen geimpft. Falls einzelne Fälle in Deutschland auftreten (Phase 3), sollen so genannte Riegelungsimpfungen das gesamte Umfeld des Erkrankten schützen. Bis zu vier Tage nach einer Neuinfektion kann die Impfung noch Schutz aufbauen. Erst wenn zahlreiche Neuerkrankungen auftreten, ist eine Impfung der gesamten Bevölkerung geplant. Wir haben Professor Helmut Hahn, Mikrobiologe am Uniklinikum Benjamin Franklin, gefragt, welche Bedeutung diese und andere Impfungen heute haben.

Herr Professor Hahn, wie gut würde die Pockenschutzimpfung heute noch schützen, die viele von uns als Kinder bekamen?

Genaue Erkenntnisse dazu gibt es nicht. Sicher ist nur, dass der Impfstoff drei Jahre lang hochwirksam ist. Dass die Impfungen von vor 30 Jahren noch Schutz bieten, ist eher unwahrscheinlich.

Die Bundesregierung will Pocken-Impfstoff in großen Mengen lagern. Warum werden nicht gleich vorsichtshalber alle Deutschen geimpft, wenn der Vorrat reicht?

Der Grund sind die Nebenwirkungen. Man rechnet mit ein bis zwei Toten pro einer Million Impfungen, das wären also in Deutschland bei einer umfassenden Schutzimpfung schätzungsweise 80 bis 160 Todesfälle. Darüber hinaus treten alten Statistiken zufolge fast 140 schwere Erkrankungen pro einer Million Geimpfter auf, zum Beispiel Gehirnentzündungen, die bleibende Schäden hinterlassen. Diese vorhersehbaren Risiken einzugehen erscheint in der jetzigen Situation nicht vertretbar. In den Zeiten, als die Pocken noch eine reale Gefahr darstellten, war das natürlich anders.

Stellen die Pocken nicht heute wieder eine Gefahr dar?

Ich persönlich halte es für unwahrscheinlich, dass Pocken für bioterroristische Zwecke reaktiviert werden. Dass mit „Pseudoattacken“ Panik ausgelöst wird, halte ich im Augenblick für die größere Gefahr.

Sind Vorsorgemaßnahmen also übertrieben?

Nein, denn die Bürger müssen sich darauf verlassen können, dass die Regierung Vorsorge trifft. Lieber würde ich aber die Gelegenheit nutzen, um vor Impfmüdigkeit bei Infektionen zu warnen, die uns wirklich bedrohen. Zum Beispiel lassen sich viel zu wenige gegen Influenza impfen. Das gleiche gilt für die Pneumokokken-Schutzimpfung, die vor allem Menschen über 60 vor einer gefährlichen Form der Lungenentzündung schützen kann.

Die Fragen stellte Adelheid Müller-Lissner

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