Sommer 2009 : Nicht nur zur Urlaubszeit

20 Jahre nach dem Mauerfall sind aus grauen, verfallenden Orten restaurierte, oft bildschön auferstandene historische Städte geworden. Dies schreit nach touristischer Würdigung. Doch was nutzt dies, wenn internationale Reiseführer noch immer vor Fremdenhass in Ostdeutschland warnen?

Peter von Becker

Deutschland macht Ferien, auch zu Hause. Nicht alle zieht’s nach Balkonien, aber eine wachsende Zahl von Urlaubern bleibt diesen Sommer im eigenen Land. Rund 40 Prozent der traditionell sonnenhungrigen deutschen Touristen verteidigen den Titel „Reiseweltmeister“ jetzt zwischen Ostsee und Oberbayern. Denn es ist Krise, und Statistiker weisen nach, dass ein Urlaub etwa an den Küsten von Mecklenburg-Vorpommern ein Drittel preiswerter ist als in Spanien, Italien und sogar der Türkei. Überhaupt gibt es kaum ein europäisches Reiseland, das auf vergleichbarem Niveau heute als so kostengünstig gilt wie Deutschland.

Vor allem in den neuen Bundesländern. Und es ist ja im 20. Jahr nach dem Mauerfall eine unbestreitbare Erfolgsgeschichte: wie sich die ökologisch vergiftete Natur der einstigen DDR tatsächlich in vielfach blühende Landschaften verwandelt hat. Wie aus grauen, verfallenden Orten inzwischen gerettete, restaurierte, oft bildschön auferstandene historische Städte und Stätten geworden sind.

Von Stralsund bis Quedlinburg, von Schwerin bis Görlitz sind das Perlen, mit gotischen Domen, Renaissance-Rathäusern, mittelalterlichen Gassen, barocken Plätzen, mit Landschlössern und Burgen, mit dem Inbegriff bisweilen auch jener Romantik, die im In- und Ausland ein suggestives Synonym für deutsche Städte und Länder bildet. Etwas, das sich in der durch stärkere Modernisierung geprägten alten, westlichen Bundesrepublik seltener findet und das nördlich der Alpen kaum seinesgleichen hat.

Dies alles schreit: nach touristischer Würdigung. Ist der Tourismus für die meisten Regionen Ostdeutschlands doch ein entscheidender Wirtschaftsfaktor. Das gilt ohnehin für die Hauptstadt Berlin, wird jetzt als Zukunftschance aber sogar für das ehemalige Bombodrom beschworen. Und es gibt ja Erfolge: So konkurriert das arme Mecklenburg-Vorpommern mit dem reichen Bayern um Platz 1 der meistbereisten Bundesländer. Trotzdem zählt man in Meck-Pomm mit all seinen Ostseebädern knapp fünf Prozent ausländische Touristen. In Bayern sind es fünfmal, in Berlin siebenmal so viele.

Außer in Dresden, Potsdam, Leipzig zur Messezeit oder Weimar fehlt es an internationalem Tourismus in ganz Ostdeutschland. Ist Hamburg von Reisenden aus Skandinavien oder Holland überlaufen, sind die Deutschen eine Autostunde östlich in Schwerin schon wieder unter sich. Trotz seiner klassizistischen Innenstadt und einem Wasserschloss, das man auch an der Loire suchen kann. Ähnlich steht’s um die Wartburg in Eisenach oder die Schlösser und Parks des Fürsten Pückler in Branitz und Muskau, allesamt europäische Highlights.

Zwei Jahre nach Angela Merkels G-8-Gipfel in Heiligendamm an der Ostsee laviert dort das strahlend weiße Grandhotel am Rand der Pleite. Anteil der internationalen Gäste, trotz weltweiter G-8-Publicity, kaum fünf Prozent. Das zeigt, der touristische „Aufbau Ost“ müsste längst eine wirtschafts- und sozialpolitische Chefsache sein. Mehr Weltoffenheit täte Ostdeutschland in vielerlei Hinsicht gut. Das hat etwas mit Begegnung und Bildung zu tun und mit dem Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit. Aber wer – wie die Bundesregierung – mehr ausländische Touristen will, muss dazu auch Zeichen setzen.

Die vom Bundeswirtschaftsminister geförderte Deutsche Zentrale für Tourismus (DTZ) in Frankfurt am Main ist völlig unterfinanziert und setzt für ein Foto-Werbeprojekt „20 Jahre Fall der Mauer“ von New York bis Tokio gerade eine halbe Million Euro ein. Man hoffe zudem auf das „Luther-Jahr“. Das soll 2017 sein. Und was preist die Website der DTZ als Attraktion im „Reiseland Deutschland“ ganz vordringlich an? Es sind: „paradiesische Shoppingmeilen“.

Neben viel mehr und klügerer Werbung, vor allem für den wachsenden Städte-Kulturtourismus, bräuchte es im Jahr 20 nach 1989 freilich verstärkt die Einsicht: Wenn internationale Reiseführer noch immer vor Fremdenhass in ostdeutschen Städten warnen, dann heißt das eine Herausforderung für den deutschen Alltag. Nicht nur zur Urlaubszeit.

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