Zeitung Heute : Sommerhaus, heute

Berlin, wenn die Sonne brennt: die Fenster gehen auf. So nahe sind wir unseren Nachbarn sonst nie. Hören wir doch mal rein.

Stefanie Flamm Kerstin Kohlenberg

Von Stefanie Flamm und

Kerstin Kohlenberg

Es gibt Nachbarn, die kennt man, und solche, die man nur hört, und es gibt Nachbarn, die den ganzen Winter über vollkommen unsichtbar bleiben. Sie mögen keine Musik, sie bekommen keinen Besuch, sie scheinen nicht einmal ihren Müll wegzubringen. Dieser Typ Nachbar hat meistens auch die Rollläden heruntergelassen. In unserem Haus wohnt er im Erdgeschoss. Bis vor kurzem haben wir uns manchmal Sorgen gemacht, dass er vielleicht nur ein Briefkastennachbar ist oder ein Schläfer oder schon gar nicht mehr am Leben. Doch seit dem ersten heißen Sommertag spricht er zu uns – ab sieben Uhr in der Früh, durch sein offenes Badezimmerfenster in unsere offenen Schlafzimmerfenster: „Da dreht man nichts ahnend die Dusche auf und was kommt raus: braunes Wasser, minutenlang nur braunes Wasser. Aber denen ist das ja egal. Die schicken einem dann einen Sachverständigen nach dem anderen, legen seine nichtsnutzigen Besuche auf Nebenkosten um, und was haben wir davon: braunes Wasser, immer morgens“, hallt es durch den ganzen Hof. Das Wasser, die Nebenkosten, der Rost. Um kurz nach sieben sind dann alle wach.

Das Berliner Sommerhaus ist ein rücksichtsloses Haus und indiskret wie ein Big-Brother-Container im Mietskasernenformat. Zumindest nach einem langen, verschlossenen Winter. Im Winter grüßt man nicht oder kaum hörbar, man will nicht stehen bleiben, und nur rein in die eigene gute Stube. Im Berliner Sommerhaus aber gibt es keine Privatsphäre mehr, die Fenster stehen immer offen, und mit jedem Grad, den das Thermometer steigt, sinken die Schamgrenzen weiter. An den ersten heißen Tagen fremdelt man noch ein bisschen, die Vorhänge werden manchmal noch vorgezogen, manchmal ruft einer noch gereizt „Ruhe!“ oder „Schluss jetzt!“. Doch wenn es auch abends nicht mehr kühl wird, die Luft sich nicht mehr bewegt und unten im Hof zwischen Mülltonnen und Pergola sogar die Zeit stillsteht, hat man nur noch die Wahl zwischen Exhibitionismus und Hitzetod, zwischen Voyeurismus und Ersticken. Durchzug ist dann alles, was zählt.

Also lassen wir uns gegenseitig auf den Esstisch gucken und in die Badewanne, wir erkennen, wenn jemand seine Spaghetti klein schneidet, wir hören die Gute-Nacht-Küsse der Nachbarn und die schlechte Laune am Frühstückstisch. Wir sind Spanner aus Notwehr.

Die Überschriften in der Zeitung mischen sich am Frühstückstisch mit den Erinnerungen an den letzten Campingurlaub. Nur dass sich die sanitären Anlagen doch erheblich verbessert haben.

„Kannst du mir mal erklären, warum du immer den Kaffee ausgetrunken hast, wenn ich aus der Dusche komme?“

„Mama, ich muss mal pullern.“

„Marilyn Monroe stand morgens auch immer fünf Stunden vor dem Spiegel, wenn sie am Abend vorher zu viel getrunken hatte“.

Und das Sommerhaus trinkt viel. Das sieht man an den Bierkästen, die sich mit jedem Monat höher auf den Balkonen stapeln. Und manchmal denkt man, das ist auch der Grund, aus dem diese unglaublich traurigen Laute aus dem offenen Fenster über einem kommen. Trinken, und dann durchhängen und kein Ende mehr sehen. Schluchzer, so traurig und so häufig, dass man einmal in der Nacht sogar hochgegangen ist. Man hatte lange überlegt, ob es dem Mädchen, das dort wohnt, vielleicht peinlich wäre, ob das zu viel des guten Sommerhauses sei. Ob man vielleicht nur neugierig ist und was man überhaupt machen würde, wenn sie einen verheult, oder böse anguckt. Man ist also die Treppe rauf, und hatte keine Ahnung, was man machen würde. Das Mädchen war nie im Garten, sie hatte einen nur einmal gefragt, ob sie mal telefonieren könne. Manchmal sieht man sie im Hausflur, schon lange nicht mehr mit ihrem Freund. Vielleicht macht sie ja nur Atemübungen. Ist sie nicht Schauspielerin? Oder vielleicht übt sie für eine Rolle? So lange?

Es ist zwei Uhr morgens, im Garten sitzt jetzt keiner mehr, nur die alte, weiße Hollywoodschaukel, der im ersten Winter die schaumstoffgefüllten Auflagen weggerottet sind, guckten einen an. Man steht vor der Tür, nichts rührt sich dahinter, auch keinen Laut hört man mehr. Das Treppenhaus ist warm, Mondlicht, ein leichter Luftzug weht durch das kleine Flurfenster herein. Es wäre ihr peinlich. Es wäre einem auf jeden Fall selbst peinlich. Das Sommerhaus hat seine Grenzen.

Im Sommerhaus leben, ist wie in einem Boulevardmagazin lesen, man erfährt viele Dinge, die einen gar nichts angehen, aber manchmal eben doch interessieren. Der eine Nachbar zum Beispiel, bei dem immer noch Licht ist, wenn alle schon schlafen, erzählt am Telefon, er konsumiere Kokain grundsätzlich nur durch einen alten 100-Mark-Schein. Der alte Herr aus dem dritten Stock muss im Sommer nicht zum Rauchen in den Hof. Er darf nachts am Fenster rauchen. Er hat graues Präsidentenhaar und eine edle Hakennase. Doch wenn seine Frau nicht aufpasst, wirft er die abgerauchten Kippen einfach in den Hof. Unten kehrt die Hauswartsfrau sie einmal in der Woche auf. Und das nette ältere Pärchen, das schon zu Ost-Zeiten im Haus gewohnt hat, fühlt sich am wohlsten, wenn es keine Faser am balkongebräunten Körper trägt. Im Sommerhaus verliert man schnell die Relationen. Drinnen ist draußen, im Hof ist im Haus, bei uns ist bei Euch, ist bei Ihnen. Eigentum ist Diebstahl.

Die Tischtennisplatte zum Beispiel, die den ganzen Winter über an der Hauswand gelehnt hat, und von der keiner mehr so genau weiß, wer sie eigentlich dort hingestellt hat, steht plötzlich im Hof-Garten. Und zuerst noch zögerlich, dann immer selbstverständlicher, beschnuppern Parterre links, zweiter Stock Mitte und oben rechts die Platte. Wie junge Hunde einen neuen Baum im Revier. Lust auf ein Spiel? Und wer nicht mehr kann, der wird durch den nächsten, der im Hof sein Fahrrad abschließen will, ausgewechselt.

Dann kam der erste Regen, Sommerregen, und weil keiner ein Eigentumsdieb ist, bleibt die Platte stehen. Auch beim zweiten und beim dritten Regen. Die angestoßenen Ecken saugen sich voll Wasser und fallen wie Blätter über Nacht auf den Boden. Die ganze Tischtennisplatte sieht einer Halfpipe immer ähnlicher, die in der Mitte von einem Netz, das wie eine Hängebrücke über eine Schlucht hängt, überspannt wird. Jetzt wird in unserem Haus eben Halfpipetennis gespielt. Im Berliner Sommerhaus entwickelt man Gelassenheit, und wie am See scheucht man einfach nicht mehr jede Fliege, die sich auf den Unterarm setzt, weg.

Draußen ist drinnen. Wenn es bei einer Partei klingelt, rennt das Sommerhaus geschlossen zur Tür, das war doch bei mir, oder? Beim Telefon ist es ganz ähnlich, spätestens seit alle das gleiche Siemens Gigaset mit dem selben Blechtrommelklingeln besitzen.

Am verwirrendsten sind natürlich die Stimmen. Man blickt einfach nicht mehr durch, wem hier was gehört. Im unserem Sommerhaus wird man schneller verrückt als im Petersburger Winterpalais. Vorübergehende Schizophrenie ist eine besonders oft gestellte Diagnose. Manchmal weiß man einfach nicht mehr, woher sie kommen, die Stimmen, die man da hört. Von nebenan, aus dem Erdgeschoss, der eigenen Wohnung oder vielleicht doch aus dem eigenen Kopf? Weißes Rauschen. Ach, der Fernseher gegenüber ist noch an.

„Schatz“, ruft ein Mann im vierten Stock, „Schatz, kommst du gleich ins Bett?“– „Fünf Minuten noch“, ruft es aus dem zweiten und aus dem vierten Stock zurück. Irgendwo knallt ein Sektkorken. Eine Frau kreischt „du Arschloch“.

Das Sommerhaus erinnert an eine Kommune aus den sechziger Jahren, aber man sollte nicht idealisieren, vieles, was damals Programm war und mit unerbittlicher Härte durchgefochten wurde, ist heute einfach Herdentrieb. So hörte unser Sommerhaus eine Woche lang Schostakowitsch, weil der Musikstudent von gegenüber das ohnehin gerade übt. Im Moment haben die Bombast-Rock-Fans wieder die Oberhand. Auf das Fernsehprogramm konnten wir uns auch schnell einigen. Denn wer will im Ernst Alfred Biolek im Interview mit Hansjürgen Rosenbauer sehen, wenn aus allen Fenstern die Harald-Schmidt-Show dröhnt? Das Studiopublikum hat sich in unserem Haus verdreifacht.

Manchmal fühlt man sich im Sommerhaus ein bisschen gleichgeschaltet. Meistens aber wie im Urlaub.

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