SOMMERKOMÖDIE„Kleine Tricks“ : Umleitung ins Glück

Martin SchwickertD

Wenn es das Schicksal gibt, dann muss es auch einen Weg geben, es auszutricksen. Der siebenjährige Stefek hat eine große Schwester. Die kann so was. Auf dem Parkplatz vor der Kaufhalle in einer polnischen Kleinstadt hocken die beiden und beobachten einen Obstverkäufer, bei dem keiner Äpfel kauft, während die Leute am Stand nebenan Schlange stehen. Elka hilft dem Glück auf die Sprünge, indem sie ihren Einkaufswagen neben dem Obstverkäufer abstellt. Schon bald schiebt der nächste, um die Pfandmünze wiederzubekommen, seinen Einkaufswagen dazu – und kauft ein Kilo Äpfel. Innerhalb kürzester Zeit hat der Mann alle seine Äpfel verkauft.

In „Kleine Tricks“ spürt der polnische Regisseur Andrzej Jakimowski der Magie des Alltags nach. Einen ungewöhnlichen Sommer lang begleitet er den aufgeweckten Stefek. Sein Vater hat die Familie kurz nach Stefeks Geburt verlassen. Die Mutter hat mit dem Lebensmittelladen alle Hände voll zu tun, und so kümmert sich hauptsächlich Elka um den Jungen. Am Bahnhof entdeckt Stefek einen Mann, der dort jeden Tag auf dem Weg in die große Stadt umsteigt. Er ist sich sicher, dass dies sein Vater ist. Mit vielen kleinen Tricks versucht er den Unbekannten aufzuhalten und umzuleiten in den Laden der Mutter und in den Schoß der Familie.

Jakimowski erzählt von dieser Vatersuche in einem mäandernden, aber keineswegs ziellosen Erzählfluss. Die Geschichte entwickelt sich aus vielen kleinen, ungeheuer genau konstruierten Details. Die Bilder sind durchflutet von der Sonne des Sommers, die die polnische Kleinstadt mit ihren bröckelnden Fassaden einmal nicht als postsozialistische Tristesse, sondern als spröde Idylle zeigt. Thematisch ist „Kleine Tricks“ mit den Schicksalsgemälden des polnischen Altmeisters Krzysztof Kieslowski verwandt, steht jedoch durch seinen schelmischen Humor dem tschechischen Kino sehr viel näher. Kaum zu glauben, dass die beiden jungen Hauptdarsteller hier zum ersten Mal vor der Kamera stehen und sich ganz unbekümmert in den Herzen des Publikums einnisten. Jakimowskis zarte Sommerkomödie ist gerade deshalb ein so großartiger Film, weil er sich mit Geduld und Vergnügen den kleinen Dingen des Alltags widmet, die sehr viel öfter über unser Leben entscheiden als die großen dramatischen Ereignisse, die üblicherweise auf der Leinwand verhandelt werden. Ein echter Lichtblick. Martin Schwickert

„Kleine Tricks“, Polen 2007, 96 Min., R: Andrzej Jakimowski, D: Damian Ul, Ewelina Walendziak

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