SOMMERLIEBE„Hyde Park am Hudson“ : Miss Daisy und ihr Chauffeur

Foto: Tobis
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Ein Sommer an der Ostküste, Ende der dreißiger Jahre. Franklin Delano Roosevelt (Bill Murray) langweilt sich in seinem Elternhaus im Bundesstaat New York, wo er sich vom politischen Tagesgeschäft erholt. Also wird kurzerhand Magaret „Daisy“ Suckley (Laura Linney), eine Kusine fünften Grades, mit sanfter Autorität von ihrer Pflegestelle für eine alte Lady abberufen und zur Zerstreuung des US-Präsidenten herbeikomplimentiert.

Doch der alte Schlawiner hat seine Verwandte nicht ohne Hintergedanken eingeladen: Von seiner Gemahlin Eleanor (wunderbar kratzbürstig: Olivia Williams) seit langem entfremdet, sucht er das erotische Abenteuer und umgarnt die altjüngferliche Daisy bei automobilen Ausflügen durch idyllische Ostküstenlandschaften so lange, bis sie seinem Charme erliegt. Fortan bewegt sich Daisy wie selbstverständlich im Mikrokosmos der Sommerresidenz, bis der Staatsbesuch des britschen Königspaars die Affäre für alle Beteiligten kompliziert.

„Hyde Park am Hudson“ kam bei der Kritik in den USA erstaunlich schlecht weg. Sicher, der südafrikanische Regisseur Roger Michell hat hier das Format des Biopics nicht gerade neu erfunden. Und Bill Murrays schelmenhafte, nicht eben vorteilhafte Darstellung des Architekten des „New Deals“ stieß nicht auf ungeteilte Sympathie, obwohl er sogar für einen Golden Globe nominiert war. Schließlich musste Samuel Wests Verkörperung des stotternden George V. nur gut zwei Jahre nach Colin Firths oscarprämierter Tour de Force in „The King’s Speech“ zwangsläufig den Kürzeren ziehen. Obwohl sich gerade hier ein Vergleich lohnt: Wests reduziertes, präzises Spiel ist das genaue Gegenteil von Firths demonstrativem Virtuosentum und steht exemplarisch für den gesamten Film.

Ganz unverkrampft verbindet Michell das Allerprivateste mit der großen Politik – der Monarchenbesuch hat für England am Vorabend des Zweiten Weltkriegs existenzielle Bedeutung. Seine Schilderung einer nur scheinbar lapidaren Episode, die in allen Beteiligten nachwirkt, fügt sich zu einer sanftmütigen, gleichwohl bitter unterströmten Parabel über Untreue und Loyalität. „Hyde Park am Hudson“ ist brillant erzählt, exquisit in Szene gesetzt und erinnert an die Leichtigkeit französischer Sommerkomödien. Ein Film, der mehr ist, als es auf den ersten Blick scheint. Wann hat man das heutzutage schon noch? Sehenswert.Jörg Wunder

GB 2012, 96 Min., R: Roger Michell, D: Bill Murray, Laura Linney, Olivia Williams, Samuel West, Olivia Colman, Elizabeth Marvel

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