Zeitung Heute : "Sommerloch": Ruppig

Elke Auer

Ein Girlie verwandelt sich in eine obdachlose Tierquälerin, eine Freibadnixe in ein Sexmonster und eine adrette Schuhverkäuferin in ein Monster mit schuppiger Schwanzflosse: In den Erzählungen von Anna Katharina Hahn bleibt das Hübsche nie harmlos und das Alltägliche nie normal. "Sommerloch", eine Sammlung von 16 Kurzgeschichten, ist das Debüt der 1970 geborenen Hamburger Autorin. Sie erzählt von Abgründen und Grusligkeiten, die hinter einem tristen Dasein lauern. Ein Mann begleitet seine Frau, eine erfolgreiche Reiseleiterin, und erniedrigt sie im Hotelzimmer mit Sado-Maso-Spielen. Zwei Sekretärinnen steigern ihren Fitness- und Diätwahn, bis sie fast skelettiert sind. Ein Mädchen besucht die Oma auf dem Land und verdient sich sein Geld mit skurrilen nächtlichen Diensten beim Dorfarzt. Anders als bei ihren gleichaltrigen Kolleginnen Judith Hermann ("Sommerhaus, später") oder Julia Franck ("Bauchlandung") gibt es bei Anna Katharina Hahn keine melancholisch-verklärten Zwischentöne. Der Alltag, den sie beschreibt, ist gnadenlos.

Ihre Sprache ist es auch - vielleicht noch gnadenloser. Im "seichten, pisswarmen Teil" des Freibads, in dem alles voller "Chlor, Pisse, Bier" ist, sieht ein Ich-Erzähler nur "Horden von schwammigen Seekühen". Er fragt sich: "Wenn man jetzt schon niemanden zum Bumsen findet, wie wird es erst in fünfzig Jahren sein." Vielleicht so wie bei der Busfahrerin, die in der Erzählung "Der Angeber" den einzigen Fahrgast im Bus verführt. Die beiden turnen auf dem "Boden voller Kaugummiflecke, ledrig-eingeschrumpelter Mandarinenschalen" herum und gehen danach auseinander, gelangweilt.

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