Zeitung Heute : Sommers Schlussverkauf

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Von Corinna Visser

Der Kanzler holt Luft. Er bläst die Backen auf, guckt feindselig. Dann dreht er sich um – und verlässt wortlos den Raum. Selten hat man Gerhard Schröder einen radikalen Stimmungswechsel so deutlich angesehen wie Anfang der Woche auf einer Pressekonferenz in Ludwigshafen. Dabei hatte die Journalistin nur eine Frage gestellt. Sie galt der Zukunft von Telekom-Chef Ron Sommer.

Zu dem Zeitpunkt wusste der Kanzler schon: Bei dieser Frage konnte er nur verlieren. Die Diskussion um die Position von Ron Sommer hatte zu Wochenbeginn eine Dynamik bekommen, die den Vorstandschef des größten europäischen Telekommunikationsunternehmens wahrscheinlich seinen Job kosten wird. Und der Bundeskanzler im Wahlkampf sieht dabei gar nicht gut aus. Er hat Fehler gemacht. Er hat eine Debatte um die Person Sommer zugelassen, ohne eine Alternative zu haben.

Er hat sich treiben lassen. Von den verbitterten Kleinaktionären, die Genugtuung für den dramatischen Kursverfall der Aktie fordern. Von der eigenen Partei, die sehen wollte, dass der Kanzler der Selbstbedienungsmentalität der Manager im eigenen Konzern ein Ende setzt. Und am schlimmsten: vom Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber, der sich zum Anwalt der Menschen gemacht hat, die viel Geld verloren haben. Doch es ist noch schlimmer: Das Gezerre um den Telekom-Chef schadet dem Unternehmen, der Aktienkultur in Deutschland und dem Ansehen deutscher Unternehmen bei ausländischen Investoren.

Dass Sommer in dieser Debatte untergehen wird, ist seine persönliche Tragödie. Er habe sich an die ständigen Rücktrittsgerüchte gewöhnt, hat er bisher jedes Mal gesagt. Auch vor der letzten Bundestagswahl hatte man ihm bei einem Regierungswechsel eine schnelle Ablösung vorausgesagt. „Damals hieß es, ich stehe Helmut Kohl zu nahe, diesmal wirft man mir die Nähe zu Schröder vor“, sagt er müde.

Nur, dass ihm diese Nähe verloren gegangen ist. Irgendwann in den letzten vier Wochen. Und der Telekom-Chef weiß nicht, wann. Und er weiß nicht, warum. Sommer hat seine Gelassenheit verloren, die viele für kalte Arroganz halten. Denn diesmal sieht es so aus, als würde er seinen Posten nicht einmal mehr bis zur Wahl halten können. Diesmal ist er nervös. Krümmt den Rücken, wenn er in größerer Runde für die Telekom wirbt. Ringt die Hände. Und dann geht er in die Offensive: „Finger weg von meinem Unternehmen“, ist die Botschaft, die er dem Kanzler vor die Füße geschleudert hat. Es ist eine Kampfansage. Bei der alle nur verlieren können: Sommer seinen Job, der Kanzler sein Ansehen als Krisenmanager, das Unternehmen Telekom seinen gerade erst erworbenen Ruf als modernes Dienstleistungsunternehmen mit internationalen Ambitionen.

Massive Proteste gegen Sommer hatte es zuletzt im Mai gegeben: Auf der Hauptversammlung in Köln hatte Sommer schlechte Nachrichten für seine Aktionäre. Die Telekom schrieb zum ersten Mal seit dem Börsengang rote Zahlen. Der Kurs der T-Aktie war unter den Ausgabepreis von 1996 gestürzt. Ron Sommer trug das vor, als lese er gerade das Kleingedruckte aus einer Handy-Betriebsanleitung. Leidenschaftslos. Kühl.

Im großen Rund der Köln-Arena war es totenstill. Dann kam das, was die meisten der enttäuschten Aktionäre als frechen Schlag ins Gesicht empfanden: Während sie viel Geld verloren hatten und sich mit einer um die Hälfte gekürzten Dividende zufrieden geben mussten, hatten Aufsichtsrat und Management die Bezüge für die Vorstandsmitglieder im Jahr 2001 um 90 Prozent erhöht. Die Stimmung der Volksaktionäre explodierte. Die Proteste, die Pfiffe und Buhrufe quittierte Sommer mit versteinerter Miene. Und dünnen Worten: „Der Vorstand hat sich weder selbst bedient noch bereichert.“

Ende der Gier

Das war der Anfang vom Ende. Anders als in allen anderen Jahren verflog der Ärger diesmal nicht. Im Gegenteil. Die Wut der Kleinaktionäre machte den Aufsichtsrat nervös. Und die Bundesregierung, die mit Sorge beobachtete, dass die T-Aktie immer weiter fiel. Und der Wahltag naht. 2,5 Millionen Privataktionäre, das sind auch 2,5 Millionen Wähler.

In der Öffentlichkeit stellten sich Eichel und Schröderl vor Sommer. Allerdings, so gehen die Gerüchte, sollen sie im Mai schon über eine Ablösung nachgedacht haben. Termin: nach der Wahl. Beide dachten wohl, dass sie wichtigere Probleme zu lösen hätten. Vielleicht, so war das Kalkül, würde es ja auch ohne eine Ablösung gehen. Weil niemand anderes für den Job in Sicht war. Sommer und seinen Vorständen wurde geraten, ein Signal zu setzen. Eines, das die Aktionäre verstehen würden. Verzicht zum Beispiel. Neue Bescheidenheit. Ende der Gier.

Sommer parierte: Im Juni verzichteten der Vorstandschef der Deutschen Telekom und sein gesamter Vorstand auf alle Aktienoptionen für dieses Jahr. Das sind Millionen Euro. Doch zu diesem Zeitpunkt hat ihnen schon niemand mehr geglaubt, dass sie tatsächlich auf etwas verzichten. Das Krisenmanagement hatte versagt. Weil die Telekom die Stimmung bei den Aktionären nicht mehr einschätzen konnte.

Auch der Kanzlerkandidat der Union entdeckte nun die verärgerten Kleinaktionäre als Wähler. Er prangerte die dreiste Selbstbedienungsmentalität des Telekom-Vorstands an und merkte, dass er mit seinem Angriff gegen die Manager quer durch die Republik auf Zustimmung stieß. Er weitete seine Angriffe gegen die Telekom aus. Im „Bild“-Zeitungsduell mit Gerhard Schröder machte er den Kanzler selbst für die desolate Entwicklung der T-Aktie verantwortlich. Schröder zeigte Nerven. Stoiber machte den Punkt.

Dass er mit seinem Vorwurf, die Regierung habe beim Unternehmen Telekom zu wenig eingegriffen, bei seinen eigenen Leuten Entsetzen auslöst, stört ihn wenig. Und beim Thema Staatseingriffe ist Stoiber den Traditionalisten der SPD ohnehin näher als dem Wirtschaftsflügel der eigenen Partei.

Schröder und der Rest der SPD verfielen in Panik. Die Regierung hatte sich von dem Herausforderer in die Enge drücken lassen. Wer will schon gern als Kapitalvernichter des kleinen Mannes dargestellt werden? Schröders Unterstützung für Ron Sommer wird immer schwächer. Der Kanzler sagt, es sei allein Sache des Aufsichtsrats, Entscheidungen über die Besetzung des Vorstands zu treffen. Am Donnerstag vergangener Woche sollen sich Schröder und Eichel einig geworden sein: Sommer muss gehen.

Was macht Sommer? Er arbeitet wie immer, er erscheint im Bonner Hauptquartier der Telekom, er reist, er verhandelt die Zusammenarbeit zwischen seiner US-Mobilfunktochter Voicestream mit einem der größten amerikanischen Mobilfunker, AT&T Wireless. Er diskutiert mit möglichen Käufern für das Telekom-Kabelnetz, lässt noch einmal „alle Ecken im Konzern nach Sparpotenzialen durchsuchen“. Er macht Finanzchef Karl Gerhard Eick Dampf, die (guten) Zahlen für das zweite Quartal schnell auszurechnen. Er versucht verzweifelt, einen Erfolg zu präsentieren.

Aber die Zeit spielt gegen ihn. Weder die Zusammenarbeit noch die Zahlen noch der Schuldenabbau gelingen rechtzeitig. Sommer geht dahin, wo er früher immer hinging, wenn er dem Volk etwas zu sagen hatte: Er platziert eine Botschaft in der „Bild“-Zeitung. Es ist eine Botschaft an die Bundesregierung. Sie lautet: raus aus meinem Haus.

Sommer hat Recht, wenn er der Regierung vorwirft, aus der Telekom wieder ein Staatsunternehmen gemacht zu haben. Ein Image, gegen das er jahrelang gearbeitet hat. Die Telekom ist immer noch zu 43 Prozent Staatseigentum. Das weiß jetzt wieder jeder. Nur: Wer wird unter den Bedingungen den Chef-Posten übernehmen? Immer neue n werden ins Spiel gebracht, immer wieder reagiert die Aktie mit wahren Freudensprüngen. Am vergangenen Dienstag lässt die Meldung, Schröder habe den ehemaligen VW-Chef Ferdinand Piëch zum Nachfolger erkoren, den Kurs der T-Aktie nach oben schießen. Doch die Dementis der Regierung und auch von Volkswagen lassen den Kurs wieder fallen.

Der Chef wird blass

Namen wie Klaus Mangold, Daimler-Chrysler-Vorstand, oder Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp, sorgen für neuen Auftrieb für die T-Aktie. Zweifel kommen auf, die Aktie verliert wieder. Jetzt aber brauche das Unternehmen einen harten Sanierer, etwa einen wie Kajo Neukirchen, der die angeschlagene Metallgesellschaft umgebaut hat, heißt es dann. Der Name bringt den Kurs nach oben. Bis einer sagt, dass Neukirchen nichts vom Telekom-Business versteht . Die Aktie fällt.

Nur eins ist nicht gefragt: Das, was Sommer kann. Mit großen Marketingaufwand hat er die Telekom 1996 erfolgreich an die Börse gebracht. Einen genialen Verkäufer nannte man ihn. Dieses Talent ist nun sein Fluch. Dass er so viele Kleinanleger überzeugt hat, mit der T-Aktie zum ersten Mal einen Aktienkauf zu wagen, wird ihm heute vorgeworfen. Dass mit dem Kauf einer Aktie auch ein Risiko verbunden sei, dass man sein eingesetztes Kapital auch verlieren könne, davon sei nicht die Rede gewesen.

Er hat es gewusst. Aber er hat es für sich behalten. Im März des Boomjahres 2000, als der Kurs der T-Aktie die Marke von 100 Euro überstieg und viele Kleinaktionäre sich über die fantastische Geldvermehrung in ihren Depots freuten, da soll der sonst immer so gebräunte Sommer bleich geworden sein. In einem kleinen Kreis soll er sein Entsetzen gestanden haben. Bei diesem Kurs könne er sich nicht mehr wohlfühlen. Die Blase würde irgendwann platzen. Er hat Recht behalten.

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