Zeitung Heute : Sommerurlaub 2000: Verschätzt - Pauschalveranstalter liegen weit unter Plan

Anja Kreisel

Der Sommerurlaub bereitet den Reiseveranstaltern derzeit wenig Freude: Es herrscht Flaute. Im Juni hinkten die Buchungen den Planzahlen der Konzerne hinterher. Die Sonderangebote, die zum Teil erheblich von den Katalogpreisen abweichen, werden seit Monatsbeginn nahezu täglich neu aufgelegt. Dennoch herrscht Optimismus: Eine Steigerung von drei Prozent liege immer noch im Rahmen des Möglichen, hieß es jetzt vom Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) in Frankfurt am Main.

Im Frühjahr waren Veranstalter wie Condor-Neckermann jedoch noch von einem doppelt so großen Zuwachs ausgegangen. Stattdessen gab es in den ersten fünf Monaten insgesamt sogar einen Rückgang. Vor allem Mallorca und die Kanaren sind in der Gunst des Publikums gesunken.

Die Last-Minute-Reisenden sollen die Buchungsdelle wettmachen. Ob sich damit die Gewinnziele der Unternehmen retten lassen, steht in den Sternen, denn die Sparbucher sind auf dem Vormarsch. Neben dem Trend zur kurzfristig gebuchten Reise ist es der Sparkurs, der den Pauschalreiseveranstaltern zu schaffen macht. Bei der Münchener FTI Touristik GmbH heißen die Schnäppchenjäger "Smart Shopper", die sich Vier-Sterne-Hotels in letzter Minute zu möglichst niedrigen Preisen sichern und stets auf der Suche nach Vergünstigungen sind.

Vor allem Familien sparen an der Klasse und gehen lieber in ein Drei-Sterne-Hotel, wo es im Vorjahr noch vier Sterne sein mussten. "Die Kunden sind sehr preissensibel - trotz des Konjunkturhochs", stellt auch die Sprecherin der Deutsches Reisebüro GmbH (DER in Frankfurt am Main), Anke Dannler, fest. Beim Condor-Neckermann-Reisekonzern (Oberursel) erwartet man, dass sich die günstigen Wirtschaftsdaten erst mit Verzögerung auf die Tourismusbranche auswirken werden. Vorerst müssen die Anbieter zusehen, wie das Reisebudget angesichts gestiegener Benzinkosten und teurerer Lebenshaltung enger wird.

"Die Branche hat sich verschätzt", urteilt C & N-Chef Stefan Pichler in der "Welt am Sonntag". Auch sein Pressesprecher Gerd Leidinger äußert sich nicht übermäßig optimistisch: "Im Augenblick ist es nicht so, dass wir in Freudentaumel geraten. Das Geschäft ist zwar nicht rückläufig, aber die Zuwächse liegen unter Plan."

Die DER-Sprecherin Dannler ist weniger zurückhaltend: "Es betrifft uns zwar nicht direkt, aber auch wir waren überrascht, dass das Juni-Geschäft ausblieb." In einzelnen Sparten wie Fernreisen kann beispielsweise das DER noch zweistellige Zuwächse vorzeigen. Doch insgesamt lag die Zahl der gebuchten Pauschalreisen laut dem Branchenspiegel von Start Amadeus (Bad Homburg) von Januar bis Mai niedriger als ein Jahr zuvor. Das elektronische Vertriebssystem registrierte einen Rückgang der Buchungen um 2,4 Prozent auf 4,01 Millionen. Das Fachmagazin "Touristik Report" schreibt bereits von einem "Katastrophenjahr". Die Begründungen für das Urlaubstief reichen vom schlechten Wintergeschäft mit dem Millenniumsflop bis zum späten Osterfest, das bereits für einen ersten Kurzurlaub genutzt wurde. Auch das schöne Frühsommerwetter in Deutschland scheint Reisepläne eher gedämpft zu haben.

Der DRV hatte schon früh vor einem Spätbucherjahr gewarnt: Nach dem Ende der Europameisterschaften im Fußball und ausbleibender Sonne über deutschen Feriengebieten konzentrieren sich die Hoffnungen der Reisebranche nun auf spätentschlossene Juli-Urlauber.

Das Sorgenkind der Touristiker ist in diesem Jahr Spanien. Während im östlichen Mittelmeer das Geschäft anzieht und die Türkei nach dem Krisenjahr 1999 die Verluste mehr als wettmacht, wird das Mallorca-Geschäft nach Ansicht des C & N-Sprechers Leidinger im günstigsten Falle stagnieren. Das Imageproblem der Balearen hält er für hausgemacht: "Die Mallorquiner machen den Fehler, dass sie ihr Produkt schlecht reden. Da wird über Wasserknappheit gesprochen, obwohl gerade eine neue Entsalzungsanlage fertig geworden ist."

Hausgemacht sind allerdings auch die Überkapazitäten der Reiseveranstalter und Charterflieger. Laut "Touristik Report" haben die deutschen Charterflieger ihr Flugangebot für Mallorca noch einmal um zehn Prozent erhöht. Dabei heißt es selbst beim Ferienflieger Aero Lloyd, der sein Mallorcaangebot gestrafft hat, die Maschinen seien zurzeit nicht gefüllt.

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