Zeitung Heute : Sommerurlaub: Spanien vorn, die Türkei hofft

Hartwig von Sass

Wenige Tage vor dem Start der Sommerferien in verschiedenen Bundesländern sitzt buchstäblich ein Drittel Deutschlands auf gepackten Koffern. Jeder Dritte macht sich nämlich in den Sommermonaten auf in den Urlaub. Die Reisebranche hat alle Hände voll tun, und das Fernweh trägt in diesem Jahr allem Anschein nach vor allem türkische Namen wie Kusadasi, Bodrum, Belek, Side oder Alanya. Wenn Maren Habenicht im Reisebüro in der Innenstadt von Hannover nur das Wort Türkei hört, schlägt sie schon die Hände über dem Kopf zusammen: "Alle wollen in diesem Jahr in die Türkei."

Die Kataloge sind vergriffen, Kunden drückt sie Kopien in die Hand, Urlaubsplätze kurz vor dem Start der Sommerferien sind Mangelware. So wie der 23-Jährigen geht es vielen Reisebüro-Angestellten. Spanien mit seinem Hauptziel Mallorca zieht als Auslandsziel zwar nach wie vor die meisten deutschen Urlauber an. Ob aber das Vorjahresniveau von 8,8 Millionen Gästen erreicht werden kann, bezweifeln Branchenkenner. Und bei so manchem Reiseprofi schleicht sich gerade bei Mallorca Schadenfreude ein: Die Insel verdiene den Titel des Verlierers der Saison. Sie habe mit Preisen, geplanter Ökosteuer und viel schlechter Presse den Bogen überspannt.

Auch wenn die Türkei jetzt davon kräftig profitiert, an der Spitze der beliebtesten Ziele wird es in diesem Jahr kaum Veränderungen geben. Deutschland selbst als Reiseziel war 2000 wie in den Vorjahren mit einem Marktanteil von knapp 30 Prozent einsamer Spitzenreiter, dann folgte Spanien mit einem Anteil von 14,2 Prozent. Auf den hinteren Plätzen könnte es 2001 spannend werden. Kann die Türkei - mit 2,9 Millionen Urlaubern im vergangenen Jahr auf Platz fünf - nach oben kommen und Italien (5,8 Millionen) und Österreich (4,1 Millionen) die Ränge ablaufen?

Koffer voll Bargeld

Der Türkei-Spezialist Öger Tours in Hamburg ist optimistisch. "Wir haben dreistellige Zuwachsraten", sagt Sprecher Ingo Thiel. "Dank des großen Booms werden wir an der Milliarden-Mark-Umsatz-Grenze kratzen." Auch bei den Marken von TUI in Hannover oder der C & N Touristic (demnächst unter dem Namen Thomas Cook) in Oberursel, die zusammen mehr als die Hälfte des Pauschalreisemarktes kontrollieren, melden die Hotels an der türkischen Mittelmeerküste volle Häuser. In einigen Städten der Küste sollen Hoteleinkäufer von kleinen Anbietern - vorwiegend aus Russland - mit Koffern voller Bargeld versucht haben, Bettenkapazitäten einzukaufen, weil einfach alles vergeben war. Vor allem an die großen Konzerne, die den Braten schon sehr zeitig gerochen und mit entsprechenden Angeboten beworben hatten.

Tourismusexperte und F. U. R.-Geschäftsführer Peter Aderhold meint: "Das ist eine aufgestaute Nachfrage aus den vergangenen Jahren, die sich jetzt entlädt." Wegen der politischen Situation rund um die kurdische Arbeiterpartei PKK und des schweren Erdbebens im August 1999 hatten sich viele Urlauber gegen das südosteuropäische Land entschieden. Dabei preisen die Reiseveranstalter die Vorteile des Landes an: "Das einmalige Preis-Leistungs-Verhältnis im Vergleich zu anderen Zielen macht es aus", meint TUI-Sprecher Mario Köpers. Neben dem "hervorragenden Service kommt noch die gute Kaufkraft der D-Mark hinzu", meint Öger-Tours-Mann Thiel.

Auch Reise-Verkäuferin Habenicht kennt das Geld-Argument aus ihrem Alltag. "Viele Kunden fragen zuerst nach dem Preis, das Ziel ist den meisten nicht so wichtig. Hauptsache es ist sonnig und warm." Damit könnte auch Spanien in diesem Jahr wieder aufwarten, denn in nur wenigen anderen Urlaubszielen ist die touristische Infrastruktur so perfekt ausgebaut wie etwa auf Mallorca oder den Kanarischen Inseln. Dort dreht sich alles um den deutschen Urlauber.

Dennoch: Die Buchungszahlen bei den Veranstaltern sind bisher eher enttäuschend. Ihre Hoffnung setzen die Anbieter jetzt allerdings in das Last-Minute-Geschäft, und vor allem glauben sie, dass besonders für junge Leute die Anziehungskraft der Balearen-Insel ungebrochen ist.

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