"Sonderbotschafter" Bruce Willis : Die Hoffnung stirbt langsam in Idar-Oberstein

Ein Weltstar, bei ihnen geboren – gut, dass jetzt sein neuer Film anläuft: Wie eine Kleinstadt sich in Bruce Willis’ Glanz sonnen will.

Stefan Krücken[Idar-Oberstein]

Zum Alltag eines Superhelden gehört, jede Herausforderung anzunehmen, auch wenn es eine 25 Kilo schwere Amethystdruse ist. Bruce Willis erlebte also zur Deutschlandpremiere seines neuen Films „Stirb langsam 4.0“, wie ein Mann mit Schnauzbart, Anzug, rosa Krawatte und dem Namen Bruno Zimmer auf die Bühne des Berliner Sony-Centers schritt, begleitet von verkniffen lächelndenHostessen, die einen funkelnden Klumpen trugen.

Vielleicht sollte man wissen, dass Herr Zimmer seit März Oberbürgermeister von Idar-Oberstein ist. Und dass die Übergabe der Druse, einer „persönlichen Einladung“ und einer CD mit dem „Willise Bruuse Blues“ Teil eines Masterplans ist – dem großen Hollywoodstar Willis eine neue Rolle zu verpassen: Botschafter im Auftrag Idar-Obersteins.

In dieser Geschichte geht es darum, was passiert, wenn eine kleine Stadt versucht, ein bisschen Weltruhm abzubekommen: Idar-Oberstein, knapp 40 000 Einwohner, gelegen in einem Tal zwischen Pfälzer Wald und Hunsrück, etwas vergessen. Außer dem Handel mit Mineralien gibt es reichlich grüne Hügel, romantische Burgruinen und eine amerikanische Kaserne, die vielleicht bald schließt. Die Gegend gilt als strukturschwach, viele suchen Arbeit. Es geht auch um den Wunsch, nicht immer im falschen Moment am falschen Ort zu sein.

Alles begann an einem Samstag im August vor zwei Jahren, um kurz nach zwei. An der Tür von Familie Busch, Keltenstraße 41, in einer Reihenhaussiedlung, die nach ehrlicher Arbeit aussieht, klingelte es. Oma Ilse hatte sich gerade Lockenwickler ins Haar montiert, ihr Mann grub den Garten um, und so spähte Doris Busch durch die Gardinen. Man erwartete keinen Besuch, kurz nach dem Mittagessen. Vor der Tür standen vier Männer. Einer trug eine Baseballkappe in orange. Sie erkannte ihn trotzdem sofort.

Doris Busch ist eine resolute Frau Mitte 50, die in einer Bäckerei aushilft, seit ihre Stelle als EDV-Sachbearbeiterin wegrationalisiert wurde. Sie kann so leicht nichts aus der Fassung bringen, auch kein Actionheld in ihrem Vorgarten. „Kommt ihr mal bitte, der Bruce Willis ist da!“, rief sie und öffnete dann.

„Hallo Bruce, ich bin die Doris.“ Im Nachhinein dachte sie, dass sie sich den Kinostar „muskulöser“ vorgestellt hätte, und auch irgendwie größer.

„Hallo. Ich bin hier geboren“, sagte Willis, „dies hier sind mein Vater Dave und mein Bruder Dave. Dürfen wir reinkommen?“ Kurz nach dem Krieg hatte ein US-Soldat namens David „Dave“ Willis in der Straßburg-Kaserne am Stadtrand gedient und, Wohnraum war knapp, für seine Frau Marlene einen Kellerraum in der Keltenstraße angemietet. „Es waren sehr angenehme Leute“, erinnert sich Oma Ilse Busch, „Dave fuhr einen blauen Straßenkreuzer und hat für die Kinder in der Straße immer Erdnussbutter mitgebracht.“ Am 19. März 1955 gebar Marlene im Kellerzimmer einen Jungen.

Vier Monate lang lebte die Familie des GIs in der Keltenstraße, dann zog sie fort, und der Kontakt zu den Vermietern riss ab. Bis Marlene Willis, die Mutter, aus Los Angeles in Idar-Oberstein bei Oma Ilse anrief, um mal zu hören, wie es den alten Nachbarn geht. Was Terrierdame Sissy und die Enkelkinder anstellen. Etwa einmal in der Woche telefonieren die alten Damen seither. Dass Marlenes Sohn Terroristen bekämpfte, erfuhr Oma Ilse erst vor kurzem. „Es hieß immer nur, Bruus macht was beim Film“, sagt sie.

Fünfzigeinhalb Jahre nach seinem ersten Mal in Idar-Oberstein stieg Bruce Willis den mit Holz vertäfelten Flur seines Geburthauses hinunter, an dem heute eine bronzene Ehrennadel des Sportbundes Rheinland hängt, ein Hirschgeweih sowie diverse Urkunden, Deutscher Schützenverband. Er betrat einen Raum, der kaum größer war als das Doppelbett in seiner Mitte, und Vater Dave berichtete, dass es damals einen Kohleofen gab, Tisch, Schrank. „Bruce wirkte irgendwie berührt“, sagt Doris Busch, „ich will nicht sagen: enttäuscht.“ Sie bot schnell eine Tasse Kaffee an, doch der Star lehnte ab, thank you darling, aber man wolle weiter.

Seit jenem Tag gilt Doris Busch als prominent. In ihrer Bäckerei erkundigte sich jemand, ob sie einen Leibwächter benötige oder einen Manager. Ihr Chef ließ ein „Action Brot“ backen, mit vielen Körnern zusätzlich. Und jedes Mal, wenn ein neuer Willis-Film in die Kinos kommt, klingelt es in den Tagen davor bis spätabends an der Tür. Fans aus dem Ruhrgebiet oder aus Sachsen wollen das Kindsbett ihres Idols sehen. „Das nervt schon etwas“, sagt Frau Busch. Anderseits hat Harald Schmidt sie in seine Sendung eingeladen. 15 Minuten Ruhm. Reicht das?

Vom Besuch des Stars – im Ort nur „dä Bruus“ genannt, langes „u“ und sehr weiches „s“ – gibt es zwar Paparazzi-Aufnahmen, aber keine privaten. Auf Wunsch des Superstars. Sein Leibwächter knipste einige Bilder, Willis versprach, sie per E-Mail zu senden. Angekommen ist in der Keltenstraße bisher nichts. Doris Busch zuckt mit den Schultern. Deshalb Marlene in L. A. anrufen? „Niemand soll denken, dass wir uns einen Vorteil verschaffen wollen.“ Frau Busch wirkt jetzt verlegen.

Im Rathaus von Idar-Oberstein ist man da weniger zimperlich. Den ehemaligen Oberbürgermeister Hans Jürgen Machwirth inspirierte Bruce Willis zu immer neuen Aktionen. Der Stadtrat ernannte Willis zum „Sonderbotschafter“, dem ersten, den die Stadt je hatte. Die Urkunde schickte man mittels Kurier an Marlene Willis. Zwei Fotos von der Übergabe liegen der Stadtverwaltung vor. Sie zeigen eine Familienfeier in L. A., die in jedem Partykeller von I.-O. spielen könnte. Willis trägt ein ausgewaschenes T-Shirt und umarmt freudig Gäste, man kann das Bier und den Kartoffelsalat fast riechen.

Was nun eigentlich die Aufgaben ihres „Sonderbotschafters“ sind, haben sie in Idar-Oberstein bisher nicht so genau definiert. Auch die Frage, ob Willis von Idar nach Oberstein umsonst im Bus fahren darf, ist nicht abschließend geklärt. Dafür sind ihm andere Ehren versprochen, falls er seine Geburtsstadt mal offiziell besucht: „Staatsempfang aller Parteien“, Spießbraten (Idar-Oberstein-Style), Eintrag ins Goldene Buch der Stadt. Bisher sind dort als Stars der Radfahrer Rudi Altig und eine chinesische Sportdelegation, 18.4.1974, verzeichnet. Lange her.

Als Machwirth, ein Unionsmann, über die Folgen der „Bruus“-Erscheinung sprach, schwebten kühne Träume durch sein Büro. Dass die US-Kaserne vielleicht doch nicht geschlossen werde, wegen des „Bauchgefühls der Amerikaner“. Sein Nachfolger Zimmer, ein Sozialdemokrat, betrachtet die Dinge heute etwas nüchterner. „Natürlich profitieren wir davon, wenn Herr Willis die Stadt besucht“, sagt er, „man erinnert sich an uns.“

Sie hingegen erinnern sich an jenen Samstag im August. Schwarze Mercedes-Limousinen rollten durch ihre Straßen. Der Idar-Obersteiner Musiker und Kabarettist Martin Weller hat dazu den „Willise Bruus Blues“ komponiert, einen lokalen Hit. In seinem Programm schlägt er vor, alle Gaststätten sollten „Stirb-langsam-Teller“ auftischen. Und sie sollten bei ihren Festspielen nicht immer den Räuberhauptmann „Schinderhannes“ würdigen, sondern auch mal den Bruce Willis.

Und auch die Wirklichkeit hat eine recht brauchbare Geschichte geliefert. Was sich in Kanthack’s Pilseck ereignete, in einer Eckkneipe, die Willis samt Entourage aufsuchte, könnte in jeder Comedy-Sendung laufen. Niemand nahm besondere Notiz von der Gruppe und dem Kerl mit der orangefarbenen Baseballkappe, der vier Pils bestellte. Minuten verrannen. Als sich einer der Männer erkundigte, sorry, wo denn das Bier bleibe, regte sich Angelika Lorenz, die Wirtin, ziemlich auf. „Ein gutes Pils dauert bei mir sieben Minuten. Kapiert?“ Der Gast habe genickt und sich ganz schnell wieder hingesetzt. Erst als die Gruppe ging, murmelte einer der Zecher: „Das ist doch Bruce Willis.“ Aber da war der schon weg.

Wirtin Lorenz wollte den Stuhl, auf dem der Hintern aus Hollywood hockte, bei Ebay versteigern. Nur war die Brauerei dagegen, der das Inventar gehörte. Eine Freundin bringt Frau Lorenz nun regelmäßig die „Gala“ vorbei, mit dem Hinweis, sich doch bitte die Bilder einzuprägen. Allerdings wird sie keinen prominenten Gast mehr bedienen. Sie musste ihre Kneipe inzwischen schließen. Insolvenz.

Nach einem Tankstopp im nächsten Ort verlor sich Willis’ Spur. Einige wollen ihn auf dem Minigolfplatz gesehen haben, andere in einer Metzgerei. Dass er beobachtet worden sein soll, als er im Ortsteil Regulshausen an einen Laternenmast urinierte, lebt im „Willise Bruuse Blues“ fort.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben