Zeitung Heute : Sondermüll für hunderte von Euro

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"Ein Reiseveranstalter hat doch eine gewisse Fürsorgepflicht", meint Inge Hansen*. Auch sie ist in Peking auf den "Trick mit der Gesundheit" hereingefallen. Offen für alternative Medizin hatte sie nicht protestiert, als ihr im Eilverfahren zwei verschiedene Arzneien verordnet wurden. Ihr Mann, ein Ingenieur mit Auslandserfahrung, kaufte ebenfalls. Doch ihr Hausarzt in Frankfurt am Main, spezialisiert auf natürliche Heilverfahren und auch in China ausgebildet, rät dringend von der Einnahme der braunen Kügelchen ab.

Ich selbst konsultiere noch einen Arzt für Innere Medizin und Chinesische Medizin. "Das Behandlungskonzept der TCM ist gut, es ergänzt sich komplementär mit der Schulmedizin und in der TCM gibt es eigentlich keine Geheimrezepte", sagt Jens Heitmüller. Er lässt alle Kräuter, die er verordnet, in Labors auf toxikologische Verunreinigungen hin untersuchen. "In China wird das nicht gemacht", betont der Arzt.

Beim Veranstalter Studiosus Reisen gibt es grundsätzlich nicht mehr den Programmpunkt "Krankenhaus", erklärt Klaus Dietsch auf Nachfrage. Jedoch, auch Studiosus ist auf die gute Zusammenarbeit mit chinesischen Agenturen angewiesen. "Unsere Reiseleiter informieren sich allerdings genau über die Geschäftspraktiken. Wir akzeptieren nicht, dass die Verkaufsvariante im Mittelpunkt steht."

Klaus Hertlein von der Verbraucher-Zentrale Hamburg meint: "Reisende sollten von den Veranstaltern auf die Problematik der Verunreinigungen hingewiesen werden." Oder aber solche Programmpunkte müssen gestrichen werden. Denn Reisende, so der Rechtsanwalt, haben nur dann einen Anspruch auf Schadenersatz, wenn der Veranstalter vorher Kenntnis davon hat, um welche Art der Veranstaltung es sich handelt, oder dass die Pillen völlig unwirksam sind, oder dass es durch die Einnahme zu schweren gesundheitlichen Schäden kommt beziehungsweise nachgewiesen werden kann, dass ein völlig überteuertes Produkt verkauft wurde.

Dass Touristen, die organisiert reisen, täglich in so genannte Freundschaftsläden geführt werden, darauf war ich vorbereitet. In Hongkong schaffte es kein Verkaufstalent, mir eine Perlenkette um den Hals zu legen und im Seidengeschäft in Kanton zückte ich keine Kreditkarte. Wer zu spät begreift, dass ein medizinischer Vortrag nur als Aufhänger diente, um mit der Gesundheit Geschäfte zu machen, der hat nur die Wahl, Pillen im Wert von mehreren hundert Euro als Sondermüll zu entsorgen oder sie - auf eigene Verantwortung - dennoch zu schlucken.

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