SONGWRITERLeonard Cohen : Liturgie der Liebe

Es ist ja oft eine höfliche Schwindelei, wenn behauptet wird, dass ein Musiker im hohen Alter besser werde, dass er an Erfahrung gewinne, an Tiefe und Autorität. Vor allem bei den Legenden der Popgeschichte sind solche Formulierungen nicht selten ein vergiftetes Lob: eine Umschreibung dafür, dass der Betreffende seinen künstlerischen Zenit seit langem überschritten hat. Dasselbe über Leonard Cohen zu behaupten, ist nichts als die Wahrheit. Nun mag man einwenden, dass seine jüngste Platte „Old Ideas“ eine Müdigkeit transportiert, die über die 77 Lebensjahre des Kanadiers hinausweist. Die neuen Songs sind bis zum Stillstand entschleunigte Rezitationen einer Liturgie der Liebe, dargeboten mit einer grabestiefen Stimme, gegen die der späte Johnny Cash wie ein Kastrat klang.

Doch Cohens seltene Platten sind nur ein mattes Abbild dessen, was dieser Großpoet auf der Bühne zu leisten imstande ist. Wer ihn vor zwei Jahren bei seinem fantastischen Auftritt in der Waldbühne erleben durfte, wird diesen Abend nicht vergessen. Wie während dreieinhalb magischer Stunden langsam die Sonne versank und sich bald ein perfekter Sternenhimmel über die Arena wölbte, das passte zum Vortrag eines Künstlers, der in der Form seines Lebens ist. Wie er, getragen von einer großartigen, behutsam virtuosen Band, seine Lieder mit einer weichen, warmen Stimme intonierte, bei der, wie Rüdiger Schaper im Tagesspiegel schrieb, „der narzisstische Schmerz einer kosmischen Gelassenheit und Heiterkeit gewichen“ war, das war schlicht phänomenal. Selber schuld, wer sich dieses Vergnügen entgehen lässt. Jörg Wunder

Waldbühne, Mi 5.9., 19.30 Uhr, 49-95 €

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