SONGWRITERLloyd Cole : Schlechte Vibrationen

Wenn er mit 52 Jahren nicht ein wenig zu betagt dazu wäre, hätte Lloyd Cole gut die Hauptrolle in „Inside Llewyn Davis“, dem neuen Film der Coen- Brüder (siehe Seite 3), spielen können: Ein so begabter wie charakterlich unbequemer, mit sich selbst und der Welt hadernder Songschreiber – das ist das Bild, das man bei wenig sorgfältiger Betrachtung von dem in Ehren ergrauten Musiker aus dem mittelbritischen Derbyshire bekommen könnte. Mit vielsagenden Albumtiteln wie „Bad Vibes“ und einer ans Mürrische grenzenden Grundgelauntheit bei Konzertauftritten hat sich Lloyd Cole einen speziellen Ruf erworben. Und lachen sieht man den notorischen Grantler auch nicht öfter als Oscar Isaac bei seiner Filmodyssee als erfolgloser Folkie.

Dabei gibt es einen entscheidenden Unterschied: Brotlose Kunst war Coles Musik gerade nicht. Zwar ist er nicht ins Lager der platingekürten Stars aufgestiegen, aber man kann annehmen, dass ihm daran auch nicht gelegen war. Doch nicht nur mit den Commotions, seiner Begleitband in den Achtzigern, feierte er beachtliche Erfolge, auch als Solokünstler erreichte er hier und da die Hitparaden. Selbst das wenig lebensbejahende „Bad Vibes“ war ein Top- 10-Album – in Schweden. Aus der Seelenruhe des Songwriterdaseins wurde er jüngst durch den Übervater seiner Zunft aufgeschreckt: Eingeladen, Bob Dylans letztes Album „Tempest“ zu rezensieren, musste er feststellen, dass der Altmeister eine Vehemenz an den Tag legt, die ihm, dem 20 Jahre Jüngeren, seit längerem abging. Was der Stachel der Motivation bewirken kann, hört man auf „Standards“, Lloyd Coles bestem Album seit Ewigkeiten: eindringlicher, wahrhaftiger Folkrock – und gar nicht so schlecht gelaunt wie befürchtet.Jörg Wunder

Heimathafen Neukölln, Mo 9.12., 21 Uhr, 27 €

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