SONGWRITERScott Matthew : Sanfte Umarmung

Neulich im sozialen Netzwerk: Der freundliche Kollege vom Schreibtisch gegenüber, Liebhaber hemdsärmeliger Americana und bekennender Morrissey-Verächter, steigert sich in eine kleine Künstlerbeschimpfung hinein: „Meine Fresse, ich dachte immer, Morrissey sei ein schmieriger Jammerlappen, aber im Vergleich zu Scott Matthew macht der ja Musik für Kneipenschläger. Dem möchte man ja wirklich bei jedem Lied ein herzliches ,Hör auf zu heulen!’ zurufen.“ Interessanterweise ist diese Tirade so zutreffend wie ungerecht. Denn einerseits ist der Gesang des in New York lebenden Australiers tatsächlich von einer gelegentlich ins Wehleidige schwappenden Sanftmütigkeit geprägt, die bei für diese Form der Selbstentblößung unempfänglichen Naturen Beißreflexe auslöst.

Wer jedoch etwas für die androgynen Facetten männlichen Songwritertums und für kammermusikalisch reduzierte Balladen übrig hat, wird kaum um den ukulelespielenden Schmerzensmann mit der Jesusoptik herumkommen – zumindest, solange sich Antony Hegarty rarmacht. Dass Matthews Minimalismus nicht nur bei eigenen Songs funktioniert, beweist er mit seinem Album „Unlearned“, auf dem er in bewährt steinerweichender Manier Fremdstücke interpretiert. Die stammen von Soul-Diven (Whitney Houston) oder schottischen Lärmrockern (The Jesus And Mary Chain), von discophilen Landsleuten (Bee Gees) oder zeitgenössischen Rock-Helden (Radiohead). Doch so abgelegen die Vorlagen auch sein mögen, so unnachgiebig umarmt er sie und macht sie sich zu eigen. Das ist große Kunst. Die nicht jeder mögen wird.Jörg Wunder

Heimathafen Neukölln,

Di 12.11., 21 Uhr, 22 € + VVK

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!