Zeitung Heute : Sonnabends bis 20 Uhr Doppelter Umsatz

Ab Juni dürfen Händler ihre Geschäfte länger öffnen Die Händler am Ku‘damm erwarten am Sonnabend volle Läden bis Mitternacht – und gute Geschäfte

Cay Dobberke

Etwa 3500 Berliner Geschäfte wollen sonnabends bald länger öffnen und so das neue Ladenschlussgesetz ausnutzen, das im Juni in Kraft tritt. Damit rechnet der Einzelhandelsverband, der jedoch einschränkend hinzufügt, die zusätzliche Verkaufszeit bis 20 Uhr werde „ganz oder teilweise“ genutzt. Das heißt: Viele Händler schließen künftig zwar nicht mehr um 16 Uhr, beschränken sich aber darauf, ihre Kunden bis 18 oder 19 Uhr zu bedienen.

Manche Geschäfte halten eine längere Ladenöffnung am Sonnabend für unwirtschaftlich, während andere Probleme mit dem Betriebsrat haben. Die Personalvertreter können veränderte Arbeitszeiten ablehnen. Das KaDeWe „tendiert“ derzeit zu 18 Uhr. Geschäftsführer Volker Pesarese von Wertheim am Kurfürstendamm möchte bis 20 Uhr aufmachen, aber auch er muss sich mit dem Betriebsrat einigen. Im Kaufhof am Alexanderplatz schlägt die Geschäftsführung vor, im Sommer bis 18 Uhr und im Winter bis 20 Uhr zu öffnen.

Klarer ist die Lage in manchen Einkaufszentren, die den Sonnabend-Verkauf bis 20 Uhr schon angekündigt haben. Dazu gehören die Neuköllner Gropius-Passage, das Forum Neukölln und das Ring-Center in Friedrichshain. Das Weddinger Gesundbrunnen-Center wird die künftigen Zeiten „mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ ausschöpfen. Klaus Gennrich vom Design-Center Stilwerk erwägt den Verkauf bis 18 oder 19 Uhr. Zunächst will er Kunden befragen lassen und auf das Verhalten der Konkurrenz achten. Vom neuen Gesetz ist Gennrich enttäuscht. Ihm wäre „mehr Spielraum von Montag bis Freitag“ lieber. Dann hätte man sich vielleicht mit anderen Einrichtungshäusern auf einen stadtweiten, wöchentlichen „Möbeltag“ mit Spätverkaufszeiten einigen können.

Die Pionierrolle behält das Kulturkaufhaus Dussmann, das seit Jahren an sechs Wochentagen bis 22 Uhr aufmacht – eine Ausnahmeerlaubnis macht es möglich.

Die Lange Nacht des Shoppings soll es weiterhin geben. Die Attraktivität werde durch die ausgedehnten Ladenschlusszeiten kaum geschmälert, glaubt unter anderem Hartmut Westphal von C & A: „Es kann sogar eine internationale Veranstaltung werden.“

Peek & Cloppenburg ging schrittweise vor: Als sich das Modekaufhaus an der Tauentzienstraße vor einem Jahr erstmals an der Langen Nacht des Shoppings beteiligte, verkaufte es nur bis 18 Uhr. Ein halbes Jahr später blieben die Türen schon bis 20 Uhr geöffnet – mit „sensationellem Erfolg“, schwärmt Filialchef Hartmut Westphal. Diesmal macht man bis 22 Uhr auf. Ganz ausgeschöpft wird die Ausnahmeerlaubnis so zwar noch immer nicht, aber Westphal hält ein „vorsichtiges Arbeiten mit dem Betriebsrat“ für nötig. Schließlich müssen die Personalvertreter den Sonder-Arbeitszeiten jeweils zustimmen.

Jetzt ist Peek & Cloppenburg zuversichtlich, den Umsatz gegenüber einem normalen Sonnabend mit Öffnungszeiten bis 16 Uhr zu verdoppeln. Das Kaufhaus hatte bei den vorigen Veranstaltungen auch seine Kunden befragt. Als interessantestes Ergebnis nennt Westphal die „unglaubliche Sogwirkung“ der Einkaufsnacht über die Stadt hinaus. Denn 50 bis 70 Prozent der befragten Besucher kamen aus dem Berliner Umland.

Von „sehr guten Erfahrungen“ spricht auch der Filialleiter der Buchhandlung Hugendubel, Sebastian Blenninger. Zuletzt habe sich der Umsatz im Vergleich zu einem gewöhnlichen Sonnabend mehr als verdoppelt. Selbst gegen Mitternacht ließ die Kauflust nicht nach. Hugendubel nimmt zum vierten Mal an der Shoppingparty teil. Dagegen war der Pro Markt im Ku’damm-Karree im Oktober erstmals mit dabei; der dortige Geschäftsführer Andreas Wolf erlebte einen Andrang „wie in der Weihnachtszeit“.

Doch nicht überall gibt es sofort hohe Einnahmen. „Der eigentliche Umsatz folgt später“, sagt Centermanager Klaus Gennrich vom Stilwerk an der Kantstraße. Die meisten der 58 Läden in dem Designzentrum streben eine längerfristige Kundenwerbung an, wie eine Tagesspiegel-Umfrage im Oktober gezeigt hatte. Für Gennrich geht es zunächst einmal darum, „ein schönes Fest in lockerer und angenehmer Atmosphäre zu feiern“.

Das Sportkaufhaus Niketown neben dem Europa-Center beteiligt sich schon seit der ersten Langen Nacht des Shoppings vor drei Jahren. Sportstars gastieren jedes Mal zu Gesprächen und Autogrammstunden oder geben Kostproben ihrer Fähigkeiten. Damit hat man stets ein volles Haus. Im Oktober kamen 14 500 Besucher – „sonst sind es etwa 3000 an einem Sonnabend“, sagt Store Manager Redouan Krösing. Trotzdem verdiene Niketown nichts an der Veranstaltung und schieße sogar Geld zu. Das Hauptziel laute, den Ku’damm und die Tauentzienstraße attraktiver zu machen.

Im Neuen Kranzler-Eck genießt die Veranstaltung einen „hohen Stellenwert“. Auch nach der Ausdehnung der allgemeinen Verkaufszeiten auf 20 Uhr an Sonnabenden „sollte man jährlich mindestens eine Lange Nacht des Shoppings veranstalten“, meint Bernd Andrich von der Eigentümerfirma Deutsche Immobilienfonds AG (DIFA). So könne „dauerhaft ein Zeichen gesetzt“ und der Bekanntheitsgrad der Aktion außerhalb der Stadt weiter erhöht werden.

Während der fünften Einkaufsnacht im Oktober flanierten etwa 30 000 Menschen durch die Freiluft-Ladenpassage zwischen Kurfürstendamm, Kant- und Joachimstaler Straße. Im Frühjahr 2002 waren es bei schönerem Wetter sogar 50 000. Zum Vergleich: Normalerweise lockt das Neue Kranzler-Eck täglich 7000 bis 14 000 Besucher an. Anlässlich der „langen Sonnabende“, an denen alle Berliner Geschäfte bis 20 Uhr öffnen dürfen, lag die höchste Besucherzahl im Sommer bei rund 18 000. Auch sonst erreichte bisher keine Veranstaltung die Attraktivität der Shoppingparty. 50 000 Menschen seien „der absolute Spitzenwert“ seit der Eröffnung des Neubaukomplexes im Dezember 2000, sagt Andrich. Als wichtigster „Magnet“ erweist sich immer wieder Karstadt Sport.

Laut Thomas Burmann vom C & A-Kaufhaus im gegenüber liegenden Neuen Ku’damm-Eck genießen Kunden die Gelegenheit, „entspannt und in Ruhe auszusuchen“. Die vorige Shoppingnacht sei „fantastisch“ verlaufen.

Diesmal könnte sich jedoch der Irak-Krieg auf die Kauflust und die Party auswirken. Demonstrationen gegen den Krieg wird es an der Festmeile allerdings nicht geben. Schließlich ist die Lange Nacht des Shoppings seit langem bei der Polizei angemeldet. Außerdem existieren genug andere Kundgebungsrouten, vor allem in Mitte. Trotzdem weiß niemand, ob die Hoffnung auf mehr als 500 000 Besucher realistisch ist. Die Gewerkschaft Verdi forderte das Bezirksamt sogar auf, die „unter völlig anderen Voraussetzungen geplante Sonderaktivität abzusetzen“.

C & A-Manager Burmann glaubt, dass für den Erfolg der Einkaufsnacht „eher die Witterung als die Kriegssituation“ maßgeblich ist. Veranstalter Tommy Erbe schließt eine Beeinträchtigung nicht aus: „Partystimmung ist natürlich schwierig, wenn Bomben fallen.“ Andererseits sei die Besucherzahl selbst während Krisen gestiegen. So war es auch im Oktober 2001 – nur einen Monat nach den Terroranschlägen in den USA.

Für Erbes Erwartung spricht, dass viele deutsche Händler von einer unveränderten Geschäftsentwicklung seit Kriegsbeginn berichten. Nach Auskunft des Hauptverbands des Einzelhandels ging die Kauflust bisher „nicht spürbar“ zurück. Allerdings rechnet der Verband für dieses Jahr ohnehin mit einem Umsatzrückgang von 1,5 Prozent.

An der Krise im Berliner Handel ändert eine zeitlich und örtlich begrenzte Aktion wohl wenig. Im Vorjahr sank der Gesamtumsatz um 7,4 Prozent. 2200 Beschäftigte von Kaufhäusern und Läden verloren ihren Job. Derzeit arbeiten dort noch 66 500 Menschen. Der Abwärtstrend setzte sich im Januar fort, wie das Statistische Landesamt mitteilte. Im Vergleich zum Januar 2002 betrug das Umsatzminus 3,2 Prozent. Bei Möbeln, Haushaltsgeräten und Baubedarf gingen die Verkäufe um 28,3 Prozent zurück.

Neben der Wirtschaftslage spielt das Überangebot eine große Rolle. Berlins Einzelhandelsverband beklagt, es gebe eine halbe Million Quadratmeter Verkaufsfläche zu viel. Doch damit nicht genug: Gerade erst genehmigte Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) ein künftiges Einkaufszentrum zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke. Weitere Center sind vor allem in den östlichen Bezirken geplant.

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