Zeitung Heute : Sonne Im Norden ging die auf

Plötzlich wird wieder demonstriert – und überall ist dieser gelbe Designklassiker zu sehen. Erfunden haben ihn 1975 zwei dänische Studenten. Ein Besuch in Århus und Kopenhagen

2010. Anne Lund, 57, und ihr Mitstreiter Søren Lisberg, 57, heute.
2010. Anne Lund, 57, und ihr Mitstreiter Søren Lisberg, 57, heute.

Dänemark, das Land der schlanken Würstchen mit leuchtend orangefarbener Pelle: Hot-Dog-Buden stehen in Århus an jeder Straßenecke. Heutzutage bekommt man dort für ein paar Kronen knackige „Pølser“ mit Brot und Papierserviette – Mitte der 70er Jahre war die Wahrscheinlichkeit gar nicht gering, dass einem stattdessen Flugblätter serviert wurden.

Søren Lisberg war Anfang 20, gerade Vater geworden, langhaarig und Kunststudent mit Schwerpunkt Töpferei, als ihm dieser umfunktionierte Imbisswagen in der Fußgängerzone auffiel. Er kam sofort mit paar Leuten der OOA, der „Organisationen til Oplysning om Atomkraft“ (Organisation für die Aufklärung über Atomkraft) ins Gespräch. Viele Argumente brauchte es nicht, ihn von der Sache zu überzeugen: Beim nächsten Wochentreffen der OOA war Lisberg dabei. Endlich etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnte! Fast schon ein bisschen eifersüchtig hatte er die Studentenbewegung in Deutschland verfolgt. Einen ausgewachsenen Kampf der Generationen, so wie im südlichen Nachbarland, gab es in Dänemark so nicht. Doch der Wille zum Protest brauchte ein Ventil.

So wuchs in Dänemark eine der größten Anti-Atomkraft-Bewegungen Europas. Die Ölkrise traf das Land 1973 schwer, es war zu 90 Prozent von importiertem Öl aus dem Nahen Osten abhängig. Die sozialdemokratische Regierung beschloss, wie in Deutschland, ein Sonntags-Fahrverbot und zog den Bau eines Atomkraftwerks in Erwägung. 30 Kilometer vor den Toren von Århus sollte es stehen und saubere Energie für das kleine Land liefern. Drei Forschungsreaktoren im Risø-Nationallabor nördlich von Roskilde untersuchten bereits seit 1957 die Möglichkeiten der atomaren Energiegewinnung. Der dänische Physiker Niels Bohr hat das noch miterlebt – für seine Verdienste um die Atomforschung war er 1922 mit dem Nobelpreis belohnt worden.

Doch nun spornte die „nukleare Bedrohung“ die Studentinnen und Studenten Dänemarks zu kreativen Höchstleistungen an. Die Nähmaschinen surrten, Kostüme wurden geschneidert, die Stoffe dafür in der heimischen Badewanne eingefärbt. Es war die Zeit des Pappmachés und der Transparente. Auf den Straßen und Plätzen des beschaulichen Århus veranstalteten Studenten in gelben Kostümen seltsame Performances. „Wohin mit dem Atommüll?“, fragten sie und fuhren Fässer auf Schubkarren durch die Straßen. Fast schon niedlich, bedenkt man, dass etwa zeitgleich in Deutschland die „Bewegung 2. Juni“ den Landesvorsitzenden der Berliner CDU, Peter Lorenz, entführte und die RAF die deutsche Botschaft in Stockholm besetzte.

Viele in der dänischen Anti-Atomkraft-Bewegung gehörten sogar derselben Generation an wie ihre beherzt in der Öffentlichkeit rauchende Margarethe II, die 1972 mit 32 Jahren zur Regentin des Königreichs Dänemark gekrönt worden war.

Bei einer Versammlung der OOA traf Søren Lisberg in der örtlichen Bibliothek auf Anne Lund, die die Mitgliederlisten der Protestorganisation verwaltete und schon lange an ihre Kapazitäten stieß – 1500 Dänen hatten sich eingetragen, es wurden immer mehr. Während auf dem Podium schleppend diskutiert wurde, steckten die beiden ihre Köpfe zusammen. Es wäre doch auf jeden Fall wünschenswert, fanden sie, wenn es so etwas wie ein OOA-Abzeichen gebe, mit dessen Hilfe sich die Mitstreiter auch schon von Weitem gegenseitig erkennen könnten. Es müsste aber bitte unbedingt so gestaltet sein, dass es sich auch vierzigjährige Damen gerne an den frisch gebügelten Blusenkragen heften würden. Darauf legte vor allem Anne Lund großen Wert.

35 Jahre später. Frau Lund poliert einen selbst gepflückten Apfel aus dem Garten mit dem Zipfel ihres Schals. „40 – dieses Alter erschien mir als Studentin in unendlicher Ferne“, sagt sie und lacht fröhlich auf. „Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie mein Leben in diesem Alter sein würde.“ Nur eines sah sie damals glasklar: Es sollte möglichst ein Leben ohne Atomkraft sein. Dass es dann wirklich so gekommen ist, nicht nur für sie selbst, sondern auch für alle Dänen – daran ist sie nicht ganz unschuldig. In Dänemark wurde kein Atomkraftwerk gebaut, auch später nicht. Die OOA hat sich inzwischen aufgelöst.

Heute stammen fast 20 Prozent der Energie aus Windkraft, eine dänische Firma produziert weltweit mehr als die Hälfte aller Windräder. Jüngst legte eine Regierungskommission das Ergebnis einer bemerkenswerten Studie namens „Grøn Energi“ vor: Mithilfe der Windenergie könnte Dänemark bis zum Jahr 2050 die komplette Energieversorgung auf fossilfreie Produktion umstellen. Mit 1,1 Cent pro Kilowattstunde Strom wäre das sogar günstiger als der Strom aus den Kohlekraftwerken, die gegenwärtig den Löwenanteil der Energie liefern.

Vom blitzblanken Panoramafenster ihres Hauses in einem Vorort von Århus schaut sie auf akkurat gemähten Rasen, Schilf und den milchig-blauen Braband-See. Heute unterrichtet die zierliche Frau Wirtschaft an der Universität, mit ihrem Mann hat sie fast ein Jahrzehnt in Nuuk gelebt, der Hauptstadt von Grönland. Vor ihr auf dem Holztisch liegt ein Gefrierbeutel mit einer Handvoll der allerersten „Atomkraft? Nej tak“-Buttons. Das Gesicht der Sonne ist bei den meisten schon abgeplatzt, sie sind ziemlich dünn, noch dünner als die Chips, die man in Einkaufswagen steckt.

Der OOA, betont Anne Lund, ging es zunächst nur um eine Denkpause. Sie spricht von einem Überrumpelungseffekt: „Nach der Ölkrise war klar, dass die Regierung die fertigen Pläne für das Kraftwerk schon in der Schublade hatte – mangels Alternativen griffen sie allzu bereitwillig zu.“ Doch die Regierung musste das „Ja“ zur Atomkraft weiter aufschieben – aus Furcht vor den politischen Konsequenzen: Die meisten in der Bewegung hatten schließlich die Sozialdemokraten gewählt.

Anne Lund und Søren Lisberg erfanden das weltberühmte Logo in einer konzertierten Aktion. Während die anderen Mitstreiter sich um den Overhead-Projektor scharten, zogen sie sich in Annes kleine Dachwohnung zurück und zeichneten erste Entwürfe. Zunächst experimentierten sie mit einer Windmühle – und verwarfen die Idee wieder. Zu kompliziert. Als Nächstes kam die Sonne dran. In der Bäckerei hing eine neue Frühjahrs-Schaufensterdekoration: goldene Sonnen. Es war einer der ersten hellen Frühlingstage im März 1975. „Vielleicht haben wir uns unbewusst von den Sonnen im Schaufenster inspirieren lassen. Vielleicht war es aber auch diese Idee: Die Sonne spendet für alle reichlich und gratis Energie“, sagt Anne Lund und holt den ersten Button aus dem Plastikbeutel. Sie rollt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger. Den Idealismus hat sie nicht verloren: In ihrer Garage steht ein Drei-Liter-Auto der ersten Generation, und sie findet es schrecklich, dass es nun nicht mehr produziert wird.

Am 1. Mai 1975 verkauften Anne Lund und Sören Lisberg ihre 200 selbst gebastelten Buttons in Windeseile, der Bedarf stieg stetig. Sie informierten die Zentrale der OOA in Kopenhagen, die sich fortan um die Massenfabrikation des Emblems kümmerte.

„Die lachende Sonne gehört vermutlich zu den am weitesten verbreiteten Logos der Welt. Sie spielt in einer Liga mit der Coca-Cola-Schleifschrift, der Shell-Muschel oder dem Nike-Swoosh“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Mit einem entscheidenden Unterschied: Ihre Erfinder übereigneten die Rechte der „Smiling Sun“ der OOA. Geld verdient haben sie persönlich damit nicht – die Einnahmen fließen komplett in den Kampf gegen Atomkraft. Am 13. Dezember 2004 wurde das gelb-schwarz-orangefarbene Logo unter der Nummer 004193091 bei der EU urheberrechtlich geschützt, damit es nicht in einem anderen Zusammenhang als dem Protest gegen Atomkraft benutzt werden darf. Eine Fährgesellschaft hatte sich erlaubt, mit der lachenden Sonne zu werben.

Der „Spiegel“ schätzt, dass bis zum heutigen Tag 64 Millionen lizensierte Sonnen verkauft wurden. Hätten sie die Rechte behalten – die Eltern des „Atomkraft? Nej tak“-Logos wären heute sicher schwer reich. Eine Vorstellung, die beide entrüstet. Sie haben es für die Sache getan.

Es war ein Zufallstreffer: „Wir haben uns intuitiv für die richtiges Farbauswahl entschieden“, sagt Anne Lund. Irgendwann erklärte ihr eine Freundin, dass die Kombination Schwarz-Gelb im Tierreich für Gefahr steht.

Die „Smiling Sun“ mit der gereckten Faust, die man manchmal sieht, ist übrigens eine Erfindung aus Deutschland. „Århus war damals eine bewegte, alarmierte Stadt“, erinnert sich Anne Lund. „Trotzdem wollten wir nicht aggressiv auftreten – schließlich ging es darum, auch unsere Eltern von unserem Anliegen zu überzeugen.“ Von ihr stammt das höfliche „Nej tak“. „Nein danke“, so viel Zeit musste sein. „Søren bestand außerdem auf dem Wort ,Atomkraft’. ,Kernergie’ klang viel zu harmlos, den Begriff benutzte auch schon die Gegenseite.“

Anne Lund reiste auch zu den großen Demonstrationen nach Deutschland. Sie erinnert sich vor allem an Brokdorf. „Eine solche Polizei hatten wir in Dänemark nicht“, sagt sie. Doch etwas versöhnte sie: Als sie mit ihren Freundinnen spät abends nach Hamburg zurückkehrte, wo sie ein Quartier bezogen hatte, wartete die Großmutter einer Mitstreiterin mit einer Kanne frisch gepresstem Orangensaft, weil der „gut gegen Tränengas“ sei. Wie eine Bestätigung ihrer Freundlichkeitsoffensive habe sie das empfunden.

Ihre persönliche Sammlung der Smiling-Sun-Aufkleber in allen 45 Sprachen musste Anne Lund übrigens vor kurzem beerdigen: Die Kleinkinder eines befreundeten Paares hatten in einem unbeobachteten Moment das eheliche Schlafzimmer mit den Raritäten beklebt. Das war dann doch zu viel des Guten: Die Aufkleber mussten mühsam abgescheuert werden. Dass eine andere Sammlung im Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen ausgestellt ist, ist ein schwacher Trost.

Schon besser: Als am 18. September dieses Jahres 100 000 Menschen in Berlin gegen die Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke protestieren, leuchteten mindestens ebenso viele orangefarbene Sonnen im Regierungsviertel. Søren Lisberg ist begeistert, als er die Bilder sieht. „Warum war ich da nicht dabei“, ruft er. „Das ist ja großartig!“

Søren Lisberg arbeitete Mitte der 70er Jahre in einer Zoohandlung an der Vestergade, einer beschaulichen Kopfsteinpflaster-Straße im Zentrum der Stadt. Mit dem Verkauf von Hamstern, Mäusen und Tiernahrung finanzierte er sein Studium. Seinem Chef fiel eines Tages der Button auf, den sein Mitarbeiter am Revers trug, und die Begeisterung des Geschäftsmanns brach sich auf ungewöhnliche Weise Bahn. „Das will ich auf meinem Haus“, erklärte er – und beauftragte tags darauf einen Anstreicher damit, die lachende Sonne samt Slogan riesengroß auf die Brandmauer Vestergade 7 zu pinseln.

Als die örtliche Sparkasse 2008 anbauen wollte, flammte in Århus der alte Protest wieder auf. Nicht mehr mit Unterschriftenlisten und Flugblättern, sondern mit Facebook und Twitter mobilisierte man die Århuser. Die Bank musste nachgeben, die Sonne scheint weiter. So etwas ist wahrscheinlich nur in einer Stadt möglich, in der Hosea Che Dutschke, Rudi Dutschkes Sohn, im von Arne Jacobsen entworfenen Rathaus sitzt. Nur die Zoohandlung gibt es nicht mehr, in das Ladenlokal ist inzwischen eine Boutique gezogen.

Søren Lisberg, ein gut gelaunter Mann mit kurzen, grauen Haaren, lebt mit seiner Frau in Kopenhagen. Als sie vor zwei Monaten geheiratet haben, glich die Party einer Demonstration: „Die Gäste kamen in ,Atomkraft? Nej tak’-T-Shirts“, erzählt Lisberg, lacht etwas gequält und stellt einen Teller mit Lakritz auf den Tisch. „Ich geh mal mit dem Hund“, ruft seine Frau aus dem Flur – wahrscheinlich hat sie die Entstehungsgeschichte des Protest-Logos einmal zu oft gehört.

„Wenn du denkst, es läuft etwas schief in der Gesellschaft, musst du dich äußern“, sagt er. Ein Grundsatz, dem Lisberg treu geblieben ist: Erst vergangene Woche beteiligte er sich an einem Protestzug gegen Kürzungen im Bildungsbereich: „Wenn man auf seinen Händen sitzen bleibt, wird nichts passieren.“

Lisberg war in den 70er Jahren mit dem Fotografen Jacob Holdt befreundet, und Holdt, der von einer langen Arbeitsreise durch die Staaten zurück nach Dänemark kam, war für ihn das Tor zur amerikanischen Protestkultur. Er hörte jetzt die Rolling Stones und eine Band namens Red Mama. Eine Schallplatte mit der lachenden Sonne auf dem Cover erschien. „Der Spaß“, sagt er, „kam nicht zu kurz.“

Die Bedrohung aber blieb: Die Schweden nahmen 1975 in der Nähe des 20 Kilometer von Kopenhagen entfernten Malmö, in Barsebäck, ein Atomkraftwerk in Betrieb. „Barsebäck muss weg“, reimten die Gegner. Inzwischen hat sich auch diese Forderung erfüllt.

Søren Lisberg leitet heute die Kindertagesstätte „Oktopus“. Bis auf eine Ausnahme hat er ein gutes Verhältnis zur Jugend von heute: Sein Sohn Christian hat sich ein Tattoo auf den Arm stechen lassen. Es zeigt die lächelnde Sonne, den Schriftzug, und darüber steht auf Englisch: „Zu Ehren meines Vaters.“ Das war Søren Lisberg dann doch eindeutig zu unkritisch.

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