Zeitung Heute : Sonntags um zehn

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Zwischen Altarrunde und Holzbänken hängt sie noch vom Kreuzgewölbe herab, an einem langen schwarzen Kabel: die alte DDR-Baulampe. Vier braun gestrichene Blechschirme, verbunden von einem Eisenrahmen mit Kabeln und Verteilerkasten, beleuchten den Ort, wo in der Gethsemanekirche bei Konzerten das Orchester spielt. „Ich weiß, dass so eine Lampe auf dem Flohmarkt viel Geld bringt“, sagt Pfarrer Christian Zeiske, „wenn wir weggehen, schließen wir die Kirche immer zu". Trotzdem bezeichnet er die eigenwillige Konstruktion als Provisorium. „Nur ist es schwierig, eine Lampe zu finden, die zur Architektur passt und trotzdem bezahlbar ist.“ Die neue Lampe müsse filigran sein, mit Betonung der Vertikalen - so wie es die Kirche selbst ist. Also ungefähr das Gegenteil der Baulampe, die schon 1989 die Friedensbewegten vom Prenzlauer Berg beleuchtet hat.

Baulampe hin, Baulampe her: Das Licht in der Kirche ist am besten, wenn Mittagssonne durch die hohen Fenster strömt. Der Gottesdienst beginnt um elf. Die Predigt hält Uta Fey, Pfarrerin einer Nachbarkirche in der Wisbyer Straße. Es geht um Zeichen, Symbole und Rituale.

Uta Fey berichtet von ei.......... .........................nem ökumenischen Aschermittwochs-Gottesdienst in der St.-Hedwigs-Kathedrale, bei der das Aschekreuz auf der Stirn aufgetaucht war, Symbol für die beginnende Passionszeit, für das Leiden und Fasten. Und da stellte sich die Frage: Können wir Evangelen so etwas mitmachen? Wir können, sagt sie. Weil Rituale nicht nur verstaubt sein müssen, sondern auch auf neue Ideen bringen und den Glauben neu erwecken können.

Noch ein Ritual: Am ersten März wird eine Frauengruppe aus Rumänien in der Gethsemanekirche Liturgien singen. Orthodoxe Liturgien! Weiß Pfarrerin Fey denn, dass in rumänischen Kirchen oft vier Stunden lang am Stück gesungen wird? „Ja, das wurde etwas gekürzt". Es werde nur eine Stunde dauern. Auch in einer Stunde sollen am „Welt-Gebets-Tag“ neue Ideen kommen, und der Glaube soll erwachen.

Es gibt noch ein Thema an diesem Sonntag: der Aufbruch in eine neue Zukunft, der mit dem Glauben im Herzen viel einfacher sei. Befindet sich die Gemeinde der Gethsemanekirche denn im Aufbruch? Fey sagt ja: Die Gemeinde ordne sich neu, seitdem sie vor einem Jahr mit drei Nachbargemeinden vereint wurde. Zeiske sagt, die Gemeinde sei unheimlich offen, sie habe ihn, den Pfarrer aus dem Westen - schlimmer noch: aus Bayern! - gleich akzeptiert. „Ich wollte auf keinen Fall als der Besserwessi angesehen werden“, sagt er. Als er nach Ostberlin gehen wollte, habe er viel nachgedacht und viele Gespräche geführt, bis er vor anderthalb Jahren in der Gethsemane-Gemeinde anfing.

Die Kirche, sagt er, müsse sich beständig in einem Aufbruch befinden und die eigene Grundsätze immer wieder in Frage stellen. Eine Baulampe könnte ein schönes Symbol dafür sein. cdz

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